Veröffentlicht: 29.09.2026. Rubrik: Aktionen
Der besondere Mann, der mit Bäumen spricht
Inspiriert durch die Geschichte von Herbstsonne
In einem Dorf am Waldesrand, wo jeder jeden kannte und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, lebte ein 20-jähriger Mann Namens Niklas. Dieser war aber vollkommen anders als die anderen Dorfbewohner. Durch einen Sauerstoffmangel während seiner Geburt war er in seiner Entwicklung etwas zurückgeblieben. Das Verhalten war etwa auf einem Stand von zehn Jahren, auch die Intelligenz und Lernfähigkeit war eingeschränkt, aber sein Gedächtnis für Worte und Zahlen war gigantisch. Niklas hatte die Sonderschule abgeschlossen und füllte jeden Tag für vier Stunden die Regale im Dorfladen auf. Daher konnte er sich eine kleine Einzimmerwohnung in der Nähe seiner Eltern leisten. Niklas liebte das Leben im Wald, doch es brachte ihm auch Nachteile. Die Dorfbewohner mochten ihn nicht. Sie nannten ihn einen Hohlkopf, einen Freak und eine gescheiterte Existenz. Alle glaubten, er würde diese Worte ohnehin nicht verstehen, doch Niklas trafen diese Begriffe jedes Mal.
Wenn er traurig war, ging Niklas immer in den Wald zu einer alten Eiche. Er schloss seine Hände um den Stamm, lehnte sich dagegen und atmete den Geruch des Baumes ein. "Du bist nicht alleine", schien die Eiche zu sagen. "Danke, Orelia", sagte Niklas leise. Er hatte der Eiche diesen Namen gegeben, aber keiner sollte wissen, dass er mit Bäumen kommunizierte. "Du bist ein Waldwächter, genau wie ich", erklärte die Eiche. "Eines Tages wird dein großer Tag kommen, an dem die Dorfbewohner dich feiern werden!"
Zwei Wochen waren inzwischen verstrichen. Wie jeden Tag hatte er auch heute mit der Eiche gesprochen. "Heute ist dein großer Tag! Ein Sturm wird bald aufziehen, der die Bäume erzittern lässt." Niklas wollte mehr wissen, doch die Eiche schwieg jetzt. Bald hörte er den Wind, der immer stärker wurde, und lief zurück zum Dorfzentrum. Dicke Regentropfen prasselten bereits auf ihn herab. Niklas blickte auf den Balkon seines Nachbarn Peter. Dieser rief besorgt den Namen seiner Tochter. "Marie! Wo bist du!" Niklas sah sich um, konnte das kleine Mädchen jedoch nicht entdecken. Sie versteckte sich gerne im Wald. Wahrscheinlich hatte sie es nicht zurück ins Dorf geschafft.
Niklas wartete nicht lange. Er rannte trotz Sturm und Gewitter durch den Wald, um Marie zu finden. Es schien so, als würde ihm die Ureiche Orelia den Weg weisen. Wenige Minuten später fand er das Kind verängstigt unter einer Birke. Niklas hatte ein ungutes Gefühl. Er packte Marie an der Schulter und riss sie vom Baum weg. Keinen Moment zu früh, denn ein heller Blitz zuckte und schlug mit ohrenbetäubendem Donner direkt im Stamm des Baumes ein, welcher gespalten wurde, als wäre er von einer mächtigen Axt getroffen worden. Maries Augen weiteten sich vor blanker Panik, doch ihr Retter zog sie in den Schatten von Orelia. Er wusste irgendwie, dass diese Eiche für immer hier stehen würde.
Langsam beruhigte sich der Sturm wieder, und auch Maries Angst wurde weniger. Als das Gewitter vorbei war, gingen sie Hand in Hand zurück und erzählten den Dorfbewohnern, was geschah. Auch den Blitzeinschlag ließen sie nicht aus. "Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll", sagte Peter, der sonst immer der Erste war, der ihn beschimpft und ausgegrenzt hatte. "Mir fällt da etwas ein!", rief Niklas. Die Dorfbewohner horchten auf. "Ich möchte nie wieder von euch ausgelacht werden, denn das tut weh!", rief er, und alle versprachen es. Bald fand Niklas neue Freunde, mit denen er im Wald spazieren und sein großes Fachwissen über Bäume teilen konnte. Endlich wurde er richtig glücklich und zufrieden, denn es gab nichts Wichtigeres im Leben, als angenommen und akzeptiert zu werden, wie man war.
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