Veröffentlicht: 28.09.2026. Rubrik: Spannung
Donnerstag
Donnerstags um zwölf nimmt sie den Zug. Immer denselben, seit eineinhalb Jahren. Sie steigt in Regensdorf aus und geht die Strasse hoch zur JVA Pöschwies. An der Loge zeigt sie ihren Ausweis und die Besuchsbewilligung.
Sie legt ihre Handtasche in einen Spind und geht durch den Körperscanner. An der Porte erhält sie einen Besucher-Badge.
Als sie den Raum betritt, sitzt er schon am Tisch, mit dem Rücken zur Wand.
„Du bist pünktlich“, sagt er.
„Natürlich. Hallo Paul.“
Sie setzt sich ihm gegenüber.
Sie redet über die Pflaumen im Garten seiner Schwester. Sie werden dieses Jahr weich, bevor sie reif sind. Dann schweigt sie.
Ihr Vater hiess Anton Weiler. Er war Prokurist bei einer Bank, die es heute nicht mehr gibt. Er hatte eine gute Nase für Kredite. Dann kam ein Bericht, unterschrieben von einem gewissen Herrn Brander, in dem stand, ihr Vater habe Zahlen verschoben, um einen Freund zu decken.
Ein gewisser Herr Brander. Lächerlich. Paul hatte bei ihnen am Küchentisch gesessen.
Die Geschichte war nicht wahr. Zumindest nicht ganz.
Paul Brander hatte Unterlagen gesehen. Er hielt sie für eindeutig. Ihren Vater hatte er nicht gefragt. Er hatte gemeldet, was er für Tatsachen hielt.
Ihr Vater verlor die Stelle noch in derselben Woche. Später fand er Arbeit als Buchhalter bei einer Spedition. Er starb, als sie vierzehn war.
Vor zwei Jahren wurde Brander verhaftet. Ein Mann war tot in der Wohnung über seiner gefunden worden. Brander hatte am Mordabend mit ihm gestritten. Auf seiner Jacke fand man Blut des Toten. Als die Polizei kam, war Brander gerade dabei, den Fleck auszuwaschen.
Sechs Monate später besuchte sie ihn zum ersten Mal.
Brander versuchte ihr zu erklären, wie das damals mit ihrem Vater war. Eine Stunde reichte nicht.
In der folgenden Woche kam sie wieder.
Später erzählte Paul ihr von seinem Fall. Er war an jenem Abend beim späteren Opfer gewesen. Sie hatten gestritten. Dann hatte der Mann plötzlich Nasenbluten bekommen. Paul hatte ihm geholfen und ein Handtuch gebracht. Dabei war Blut auf seine Jacke gekommen.
Sie hasste Paul noch immer. Aber es gab Dinge, die sie noch mehr hasste.
Also beschloss sie, der Sache nachzugehen, und begann mit den Bewohnern des Hauses zu reden.
Mit Herrn Isler sprach sie mehrmals. Er wohnte auf derselben Etage wie das Opfer, ein Stockwerk über Brander. Nach mehreren Gesprächen war er bereit, ihr zu erzählen und aufzuschreiben, was er bei der Polizei ausgelassen hatte, zumindest was Brander betraf.
Am Abend des Mordes wartete er auf eine Lieferung. Als er etwas auf dem Hausflur hörte, ging er hinaus. Der Bote hatte an der falschen Tür geklingelt. Das spätere Opfer hatte geöffnet. Auf dem Weg zum Boten sah Isler durchs Treppenauge, wie eine Etage tiefer Brander seine Wohnung verliess.
Bei der Befragung verschwieg Isler die Lieferung und was er dabei gesehen hatte. Was der Bote brachte, hätte er der Polizei nur ungern erklärt.
Vor drei Wochen gab sie Islers Aussage Branders Anwalt. Paul sagte sie nichts davon.
„Der Anwalt war da“, sagt er. „Er sagt, es gebe Bewegung.“
„Aha.“
„Du klingst nicht überrascht.“
„Bin ich auch nicht.“
Er sieht sie an. Sie sagt nichts.
Was ihren Vater und Pauls Rolle darin betraf, hatte sich ihre Meinung nie geändert.
Um drei steht sie auf.
„Nächste Woche?“, fragt er.
„Mal sehen.“
Sie geht durch die Tür, gibt den Besucher-Badge ab, holt ihre Handtasche aus dem Spind und verlässt die Pöschwies.
1x



