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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 07.09.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die andere Seite von Aix

Aix-en-Provence ist schön. Fast schon unverschämt schön.

Ockerfarbene Fassaden, Platanen, Brunnen, kleine Cafés, Märkte, Menschen mit Einkaufstaschen, Menschen mit Sonnenbrillen, Menschen, die offensichtlich Ferien hatten. Wir gehörten zu den Letzteren.

Bettler gehörten ebenfalls zum Stadtbild.

Nach ein paar Tagen hatte ich mir angewöhnt, das Münz vom Rückgeld nicht ins Portemonnaie zu stecken, sondern in die Hosentasche. Wenn mich jemand nach Kleingeld fragte, griff ich hinein und gab ihm etwas. Ich machte mir darüber keine grossen Gedanken.

Dann sah ich Frank.

Seinen Namen kannte ich da noch nicht.

Er sass mit zwei Hunden am Strassenrand. Tätowiert, nicht gerade gepflegt, die Fingernägel mit deutlichem Schmutzrand. Nicht anders als bei einem Mechaniker, der das Zeug auch nach dem Waschen nicht mehr ganz aus den Händen bekommt.

Er fragte nicht nach Geld. Er sass einfach da und starrte vor sich hin. Irgendetwas stimmte nicht.

Ich ging einen Schritt näher und sah seine Unterarme. Die Haut war gerötet, schuppig, stellenweise löste sie sich ab. Während ich ihn ansah, zupfte er daran herum.

Das kannte ich. Keine Psoriasis. Bei mir war es Neurodermitis. Aber das Zupfen kannte ich.

Ich kratzte mein Französisch zusammen, deutete auf seinen Arm. „Est-ce que ça est psoriasis?“

Er sah auf.

„Ah oui, oui. Mais aujourd’hui c’est meilleur. J’ai fait du Vaseline sur la peau.“

Vaseline? Alter. Bei Psoriasis? Was soll der Scheiss?

„Hé, ça, c’est pas bon.“

Mehr gab mein medizinisches Französisch auf die Schnelle nicht her.

Lela war inzwischen stehen geblieben. Sie kannte meine Haut und musste nicht fragen, weshalb ich plötzlich mit einem wildfremden Mann über seine sprach. Wir redeten weiter mit ihm. Ich mit meinem Französisch, er mit seinem, Lela dazwischen.

Irgendwann sah er uns an.

„Ihr sprecht Deutsch?“

Frank kam aus Deutschland. Hannover, wenn ich mich richtig erinnere. Vor etwa dreissig Jahren hatte er Deutschland verlassen. Die Gesellschaft habe ihn durchgekaut und ausgespuckt, sagte er. Er habe nicht mehr gewollt.

Er ging nach Marseille, arbeitete dort im Hafen und begnügte sich mit wenig. Nur seine Haut mache ihm immer wieder Probleme. Am 5. September, erzählte er, werde er einen Arzt treffen. Der habe ihm schon einmal geholfen. Dann bekomme er wieder eine Salbe.

Eine vernünftige Salbe hatte ihm schon einmal die Haut so weit beruhigt, dass er sich endlich tätowieren lassen konnte. Das habe er immer gewollt, sei wegen der Psoriasis aber lange nicht möglich gewesen.

Ich sah noch einmal auf seine Tätowierungen.

Dann auf seinen Arm. Er zupfte schon wieder eine Hautschuppe ab.

„Gibt es hier keine Apotheke?“

Sonntag. Pas de pharmacie ouverte.

Kack-Mist.

Wir gaben ihm fünfzig Euro und sagten ihm, er solle aus der Sonne gehen, genug trinken und am nächsten Morgen möglichst schnell in eine Apotheke.

Damit hätten wir weitergehen können. Taten wir aber nicht. Wir blieben und Frank erzählte. Irgendwann erzählte er vom Gefängnis. Zwei Jahre. Dort sei es seiner Haut besser gegangen.

„Was hast du denn angestellt?“

Er habe Polizisten mit Flaschen beworfen. Zwei seien verletzt worden.

Ich sah ihn an.

„Warum zum Teufel machst du so etwas?“

In seinem Quartier habe ein Haus geräumt werden sollen. Die Menschen dort hätten bleiben wollen, es habe eine Demonstration gegeben. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt und den Leuten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht.

Er habe zugesehen.

„Ich habe gerufen: Hört auf mit dem Scheiss.“

Sie hätten weitergemacht.

„Dann bin ich ausgetickt.“

Während er erzählte, zupfte er weiter an seinem Arm.

Für einen Moment liess er seinen Arm in Ruhe und streichelte den Hund neben ihm. „Das ist Milo, er wurde im Frühling sechzehn.“

Sechzehn.

Der Hund sah aus, als hätte auch er schon bessere Zeiten gesehen. Genau wie Frank.

Und da sass dieser Mann, dessen eigenes Leben offenbar an allen möglichen Stellen auseinandergefallen war, und kümmerte sich noch um einen alten und schwachen Hund.

Irgendwann gingen wir weiter.

Zurück in unser Aix.

Zu den ockerfarbenen Fassaden, den Cafés, den Märkten und den Menschen mit Sonnenbrillen.

Später kamen wir wieder an der Stelle vorbei.

Frank sass noch da.

Andere auch.

Manche hatte ich morgens schon gesehen. Am Nachmittag sassen sie immer noch dort. Fast an derselben Stelle, beinahe in derselben Haltung.

Und irgendwann wurde ich wütend.

Ich fragte mich, was mit einem Menschen geschehen muss, damit er morgens um neun irgendwo sitzt und um vier Uhr nachmittags noch genauso dasitzt.

Und ich fragte mich, ob fünfzig Euro genug gewesen waren.

Ich hätte ihm hundert geben können.

Oder tausend.

Hätten wir ihn mitnehmen sollen?

Und die Hunde?

Wohin überhaupt?

Wir waren in den Ferien.

Ein beschissener Satz.

Aber ein wahrer.

Am nächsten Morgen waren wir immer noch Touristen in Aix.

Frank haben wir an diesem Montag nicht mehr gesehen, vermutlich war er zurück in sein Marseille gegangen.

counter4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Phoberos am 07.09.2026:

"Le prochain" und "Wie klein kann die Welt sein?" erzählen von der einen Seite meiner Ferien in Südfrankreich. Diese hier wollte ich eigentlich für mich behalten und die Erinnerung schützen. Aber sie lässt mich nicht los. Sie sagt mir, dass sie erzählt werden will. Also …




geschrieben von Babuschka am 07.09.2026:
Kommentar gern gelesen.
"Die andere Seite von Aix" ist eine ergreifende Geschichte über das Schicksal eines Bettlers, die mit gutem Recht erzählt werden wollte. Sie ist dir sehr gut gelungen, Phoberos.

Liebe Grüße, Babuschka





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