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geschrieben 2026 von Herbstsonne.
Veröffentlicht: 20.10.2026. Rubrik: Menschliches


Willi auf der Damentoilette

Willi hatte Speisereste zwischen den Zähnen, weshalb er sich erhob und schwerfällig, vom Essen bebaucht, zur Toilette ging, um sich des Störenfrieds am Spiegel zu entledigen.

Wie immer stand man auch hier, vor den Toiletten angekommen, an einem kleinen Vorraum, der entscheiden ließ, welche Türe die richtige für einen sei, die der Herren oder die der Damen, und wie immer wusste er nicht so richtig, wo er hingehörte.

Es war nicht so, dass sich Willi nicht als Mann gefühlt hätte, nein, es war vielmehr so, dass Willi seine Mutter das letzte Mal auf einer Bahnhofstoilette gesehen hatte, als er als Kind mit ihr zusammen in der Damentoilette gewesen war. Er war sehr klein damals gewesen, und sie hatte ihn auf eine Keramik innerhalb der Kabine gesetzt, die Tür geschlossen und gesagt: „Ich warte im Vorraum auf dich, mein kleiner Engel.“ Und dann hatte sie die Türe geschlossen. Seine Beine waren über dem Boden geschwebt, und er hatte sich angestrengt, schnell zu machen. Dabei hatte er immer wieder gerufen: „Mama, ich hab es gleich.“ Es ging nichts daneben, er war froh darum gewesen, und als er wieder alles anhatte, was nicht so leicht war, denn es war Winter, da war er aus der Kabine gestürmt, plötzlich gehetzt von einem Gefühl geleitet, etwas könnte sein. Das Schlimme war, es war mehr als eine kleine flüchtige Angst gewesen, es war viel mehr eine Eingebung, denn ab da war nichts mehr, wie es war, seine Mutter ... sie war verschwunden.

Willi atmete tief durch und befühlte mit der Zunge den Speiserest zwischen seinen Zähnen. Seither also wollte sein Inneres bei jedem Toilettengang intuitiv auf die Damentoilette, nachsehen ob sie wieder da wäre, ob sie ihn vielleicht suchte? Vielleicht, dachte sein Inneres, hatte sie vergessen, auf welcher Toilette sie sich verloren hatten, und so suchte sie ihn auf allen Toiletten an allen Orten dieser Welt?

Er vergewisserte sich, dass keiner bei ihm stand, dann öffnete er vorsichtig die Tür zum Vorraum der Damentoilette, dort wo sich die Waschbecken befanden, und lurrte hinein. Nichts, Leere.

Er atmete auf, irgendwie auch erleichtert, jetzt nicht ein ganzes Leben besprechen zu müssen, das nicht gerade einfach für ihn gelaufen war und das er, wie er fand, nicht gerade mit Bravour gemeistert hatte.

In der Herrentoilette war nichts weiter los, so dass er sich in Ruhe seines Störenfrieds widmen konnte.

Als er fertig war, nahm er nicht wie sonst die Straßenbahn nach Hause, es war ihm heute nicht mehr möglich mit so vielen Leuten zusammen sein. Es war ein Gefühl in ihm, als wäre seine Haut zu dünn für eine Welt, die sie an diesem Abend durchbohren könnte. Er winkte sich am Straßenrand ein Taxi heran.

Eine Frau fuhr das gelbe Gefährt sanftmütig, schon etwas reifer, rötliche Haare, etwas burschikos vielleicht aber dennoch durchaus atrett, ihre Stimme sonor. Willi fühlte, wie seine Körperrückseite sich schwer in das Taxi senkte, froh, für den Moment gut gehalten zu sein, und ließ sich durch die angebrochene Nacht kutschieren, vorbei an Häuserzeilen, die ihm allzu vertraut waren und in denen er die Farben der Lichter den Farben der dazugehörigen Gardinen unter Tage zuordnen konnte.

Zuhause angekommen, sperrte er den Schlüssel im Schloss zweimal um und betrat den Flur. Es lag Stille in der Wohnung, der Hochflorteppich mit seinen Fransen im Flur hatte schon geschlafen, als er sich seiner Schuhe entledigt hatte und auf ihn trat, lediglich in der Küche tickte leise die Wanduhr, 00:30 Uhr nachts.

Er schmierte sich ein Butterbrot und goss sich ein Glas Saft ein, die Suppe von vorhin im Lokal war üppig gewesen, jedoch schon verdaut.

Willi aß in der Dunkelheit der Küche, nur der Mond ließ etwas Licht ins Fenster hinein.

Jesus, wann sehe ich meine Mutter wieder? Wie oft hatte er das schon gefragt? Fragte Willi sich. Er fand einfach keine Antwort, und eine Träne rann über seine Wange hinab als Salz auf die Butter seines Brotes.

Als Willi fertig war mit Essen, stellte er seinen Teller in die Spüle und zog seinen Schlafanzug an, er putzte seine Zähne und schlief sehr bald, erschöpft vom Tag, aber vor allem von den Emotionen seines Herzens, ein.

Am nächsten Tag wurde ihm beim Frühstück gewahr, dass sich etwas verändern musste, er brauchte Hilfe, jemanden, der ihm half, über seinen Verlust hinwegzukommen.

Er rief Ralf an, Ralf, seinen Freund seit 20 Jahren. Willi hatte noch nie jemandem seine Geschichte erzählt, doch nun musste sie ans Licht. Ralf würde ihm zuhören, er würde ihn nicht auslachen, da war sich Willi sicher. Und Ralf kannte alle möglichen Leute, vielleicht kannte er da auch jemanden, der ihm helfen konnte.

Bald saßen sie beiden dann zusammen bei Kaffee, wobei Willi das Papier des Würfelzuckers so oft faltete und wieder öffnete, dass es riss.

Ralf hörte aufmerksam zu und legte immer wieder eine schwere, warme Hand auf Willis Schulter. Dann ging er seine Kontakte im Adressbuch durch ging in den Flur wo der Teppich wachte und rief jemanden an.

Zwei Wochen später fuhr Willi mit der Straßenbahn zu Herrn Wirsing, einer Art Trauertherapeuten.

Die Sitzung lief gut, Willi konnte sich den Ballast von der Seele reden und bekam etwas Erleichterung für sein schmerzendes Herz zugesprochen.

Zurück vom Termin lief er, Willi fühlte sich zu dünn für die Straßenbahn und brauchte ein paar Schritte, um Herrn Wirsings Worte in sich zu bewegen.

Er wusste nicht, ob das sein Weg war, mit der Situation auf Dauer umzugehen, er wusste nicht, ob er jemals seine Mutter wiedersehen würde, wahrscheinlich eher nicht. Aber er wusste, es war gut, dass er etwas angestoßen hatte. Schon jetzt war es besser als noch vor Kurzem, Ralf wusste Bescheid und nun auch Herr Wirsing und irgendwann würde er ruhiger, auch in Momenten in denen es hieß auf der Herrentoilette zu pinkeln, ohne dabei zu sehr zu leiden, aber wer wusste das schon. Hoffnung jedenfalls entzündete sich wie ein Funke und konnte aus einem Funke nicht irgendwann ein Feuer werden?

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Autor: Von Gott inspiriert von mir Herbstsonne niedergeschrieben.
Meine Geschichten sind in Rechtschreibung und Grammatik von Copilot KI überprüft.

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Geschichte Nummer 11122

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