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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Herbstsonne.
Veröffentlicht: 22.10.2026. Rubrik: Unsortiert


Das Liebesnest

Es war fünf vor halb Fünf Uhr Nachmittags und der Teekessel ein Stockwerk tiefer hatte zu flöten begonnen. Ich stand hier oben in Latzhosen, die mir zwei Nummern zu groß waren, auf dem Haupt einen Strohhut meines Opas, den er sommers immer zu tragen gepflegt hatte.

Von unten hörte ich leises Klappern von Tassen und Untertellern, schließlich von Teelöffelchen. Dann kurz Stille. Ich atmete in die Stille hinein. Wieder ein Geräusch: Es war die linke Küchenschranktüre, welche nun geöffnet wurde. Ich konnte hören, wie das schwere Keramikgefäß mit Kandiszucker vom Brett des Hängeschränkchens ein Stück nach vorne rutschte, hinein in die Arme meiner Freundin.

Bevor ich das Öffnen des Deckels und das Eingießen von heißem Wasser in Tassen vernehmen konnte, welche schon seit über 30 Jahren in Besitz meiner Familie waren, schickte ich mich an, mit der Leiter nach unten vom Dachboden in die obere Etage zu gelangen.

Linsey sah mich kommen. Ihr Lächeln war warm und fürsorglich. Sie trug das Teeservice auf dem kleinen Antikholz-Tablett mit eingelassenen Rosenköpfen zum Küchentisch. So schnell hatte sie sich hier zurechtgefunden. Linsey konnte überall zuhause sein, war immer ganz dort, wo ihr Herz war. Ich legte meine Hand auf ihre, dankbar, dass sie hier war, dankbar, dass sie mir half, die Stille des Hauses mit Wärme und Liebe gefüllt zu halten.

Die Tassen waren warm, und ich umschloss meine mit beiden Händen, blies den darauf aufsteigenden Dampf zu kleinen Wirbeln durcheinander. Auf dem Tisch ausgebreitete lagen Fotos von früher, die mich zeigten, wie ich mit lang gepflochtenen Zöpfen auf der Schaukel hinterm Haus saß oder Opa im Schuppen beim Schnitzen seiner geliebten Holzheiligen, Oma beim Wäscheaufhängen im Garten und schließlich Papa auf dem Traktor mit Mama hinten drauf, beide auf dem Weg zur Kartoffelernte. Wir alle zusammen unterm Weihnachtsbaum. Ein paar Fotos weiter dann mit Bruder Niklas, ein Nachzügler, mein größter Schatz, größer sogar als meine Puppe Henriette. Wir liebten ihn alle von der ersten Sekunde an.

Was unsere Familie von jeher wohl so besonders machte, war nicht, dass wir immer so harmonisch zueinander gewesen wären, nein. Was sie so besonders gemacht hatte, war, dass wir uns in Konflikten stets ausgehalten hatten. Wir konnten uns im Zweifelsfall auseinanderdehnen und dennoch stets verbunden bleiben. Wir fanden immer den Mut, uns gegenseitig die Hand zu reichen, in gegenseitige Gespräche zu ziehen, einander zuzuhören und zu versuchen, einander zu verstehen, besser zu verstehen und Grenzen zu akzeptieren. Wir waren keine Musterfamilie, weiß Gott nicht, aber wir liebten uns und wir hatten Rituale, die uns wichtig waren. Nach den wenigen Jahren, die ich bisher auf der Welt war, war ich sicher noch nicht weise, aber ich wusste dennoch schon, dass das ein kostbarer Familienschatz war, den viele nicht ihr Eigen nennen konnten.

Bald war Weihnachten, Niklas würde auf den Hof kommen, um mit uns das Fest zu begehen. Mama, Papa nun sie brauchten Zeit. Seit Oma und Opa nicht mehr waren, Gott hab sie selig, da ertrugen sie den Hof nicht mehr so gut. Die Trauer saß zu tief. Auch wollten sie sich schon längst einen Traum erfüllt haben, den, nach Italien zu reisen für ein ganzes Jahr, mindestens! Bereits vor ihrer Hochzeit war dies ihr Vorhaben gewesen, doch dann – Überraschung – war ich gekommen, und Oma und Opa hatten angeboten, sie könnten auf den Hof ziehen. So war es dann gekommen, und die Dinge hatten ihren Lauf genommen. Jetzt, wo Niklas und ich groß waren, Oma und Opa keine Hilfe mehr benötigten und der Hof sich verkleinert hatte, da waren sie an einem Sonntagvormittag bei Sonnenschein bella Italia entgegengefahren. Linsey und sie waren die Nächsten gewesen, denen der Hof anvertraut wurde, und sie nahmen an. Agnes und Linsey brachten alles mit, was den Hof weiter dazu brächte, in Liebe und Gemeinschaft geführt zu werden.

Der späte Nachmittag war über die Fotos und ihre Gespräche darüber hereingedunkelt, und Agnes ging nach draußen, Holz holen. Hinterm Haus huschte im Lichte der Laterne eine Maus im Gras entlang. Der Himmel lag wie eine schwere Decke über allem, so, als könne niemand sich mehr von seinem nun eingenommenen Platz wegbewegen. Agnes nahm es an. Sie pflückte sich einen Stern von der Himmelsdecke und steckte ihn sich in ihre Strickjacke, für Linsey, später als Gute-Nacht-Licht. Und dann fiel ihr plötzlich ein, dass Linsey ja nun hier mit ihr bleiben würde, dass Linsey selbst jeden Abend vor das Haus gehen konnte, die Sterne am Himmelszelt beobachten. Da ließ sie den Stern wieder frei.

Der Kamin knisterte schnell an. Agnes hatte früh gelernt, Feuer zu machen, um die arthritischen Füße der Oma warm zu bekommen, wenn diese nach einem langen Arbeitstag am Hofe nur noch auf dem Sofa liegen konnte. Arme Oma, nun war sie erlöst.

Morgen würden sie gemeinsam auf den Dachboden gehen. Es gab ein paar Erinnerungsstücke, die Agnes mit ins Haus wieder holen wollte. Doch dann würden sie auch manches aus dem Haus im Gegenzug nach oben bringen. Manche Lücke würde entstehen, Platz und Raum für sie beide, die neue Generation, die nun erwachsen war und den Hof führte.

Linsey und Agnes, Agnes und Linsey. Und wer weiß, vielleicht wollten Mama und Papa eines Tages wieder hierher zurückkommen, wenn sie so weit waren, es würde immer Platz hier für sie geben.

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Autorin: Inspririert von Gott, niedergeschrieben von mir Herbstsonne.
Meine Geschichten sind in Rechtschreibung und Grammatik geprüft mittels Hilfe von KI.

counter4xhab ich gern gelesen
Geschichte Nummer 11142

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von MannLiebtRegen am 22.10.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hey liebe Herbstsonne
Kompliment, du bist eine ziemlich grossartige Geschichtenerzählerin :-] MLR




geschrieben von Herbstsonne am 22.10.2026:

Ah! Lieber MLR, wie lieb von dir! Hab vielen Dank für dieses schöne Kompliment 🌞. tatsächlich bete ich vor jedem Schreiben und bitte Gott um eine Geschichte die Anderen eine Freude macht, dann setze ich mich hin und schreibe. Danke auch für dein gern gelesen, liebe Grüße und hab einen schönen Abend, Herbstsonne.🌻

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