Veröffentlicht: 31.10.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Der Keller
An diesem grauen Oktobernachmittag lag Emil auf dem Fußboden des Kinderzimmers, das er sich mit seinem älteren Bruder Maximilian teilte. Draußen regnete es in Strömen. Schon seit einer ganzen Weile versuchte er, nach einer Anleitung, die seine Mutter im Internet gefunden und ausgedruckt hatte, eine Tulpe zu malen.
Aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Die Formen sahen ganz und gar nicht so aus wie auf der Vorlage.
Maximilian, der von allen nur Max genannt wurde, lag auf seinem Bett und las. Doch er konnte sich auf sein Buch nicht konzentrieren. Sein kleiner Bruder wurde zusehends ungeduldiger.
„Menno! Das geht ja gar nicht!“, quengelte Emil und dicke Tränen füllten seine Augen.
Max verdrehte die Augen und legte sein Buch zur Seite.
„Zeig mal her. Was willst du malen?“
Er stand auf und kniete sich zu seinem kleinen Bruder, der voller Enttäuschung den Stift auf den Boden geworfen hatte. Max sah sich das Kunstwerk seines Bruders an.
„Hmm ... ich zeig dir, wie das geht“, sagte er und nahm ein neues Blatt vom Schreibtisch.
„Wir brauchen eine festere Unterlage. Papa hat im Keller ein kleines Zeichenbrett. Wenn du es holst, geht das viel besser.“
„Im ... im Keller?“, fragte Emil und schluckte.
„Ja, im Regal. Die eine Kiste, wo all der Krimskrams von Papa liegt.“
Emil sah Max erschrocken an.
„Was ist? Hast du etwa Angst, in den Keller zu gehen?“
Emil schüttelte den Kopf.
„Nein, natürlich nicht ...“
Er stand auf und ging den langen Flur entlang in Richtung Küche.
Gegenüber der Küche hing ein großes Schlüsselbrett. Dort befanden sich die Schlüssel für den Kellerraum, das Vorhängeschloss, die Garage und den Heizungsraum. Emil stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, die beiden Schlüssel zu erreichen, die er brauchte.
„Was machst du da, Emil?“, fragte seine Mutter.
„Ich will was aus dem Keller holen!“
Seine Mutter legte den Kopf schief und gab ihm schließlich die richtigen Schlüssel.
„Aber nachher wieder zurückbringen“, ermahnte sie ihn.
„Und nicht mit der Werkzeugkiste spielen. Sonst wird Papa böse!“
„Nein, nein ...“
So toll fand Emil Papas Werkzeug gar nicht. Bauklötze, Actionfiguren und vielleicht eine Anziehpuppe waren für ihn viel interessanter.
Er steckte die Schlüssel in seine Hosentasche und ging zu der Tür, die in den Keller führte.
Er legte die Hand auf die Klinke.
Ein unbehagliches Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Emil schluckte noch einmal, nahm all seinen Mut zusammen und öffnete die Tür.
Gähnende Schwärze empfing ihn. Neben der Tür befand sich ein alter schwarzer Lichtschalter, den man nicht drücken, sondern drehen musste. Emil wusste nie so genau, in welche Richtung, also probierte er es aus.
Gleich beim ersten Versuch gingen die zwei Lampen an.
Das gelblich warme Licht erhellte weder die Treppe noch den Kellergang richtig.
Schon von der Treppe aus konnte Emil die langen Schatten der Fahrräder erkennen, die am Vortag in aller Eile im Kellergang abgestellt worden waren.
Vorsichtig ging er die hölzernen Stufen hinunter. Dabei hielt er sich am Geländer fest, als könnten die Stufen plötzlich nachgeben und ihn in die Tiefe stürzen. Er presste die Lippen zusammen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
Emil blickte zwischen den hölzernen Stufen hindurch. Unter der Treppe konnte er die Umrisse des großen, schweren Küchenbuffetschranks erkennen.
Emil war überzeugt, dass schon seine Urgroßeltern diesen Schrank benutzt hatten. Wahrscheinlich stand dieses Ungetüm schon seit Anbeginn der Zeit in diesem Keller.
Seine Mutter benutzte diesen Schrank, um dort die selbstgemachte Marmelade zu lagern. Aber Emil war sich sicher: Dieser Schrank war der Unterschlupf eines grausamen Monsters, das nur auf die Gelegenheit wartete, ihn zu fangen und zu fressen.
Er blieb auf der Treppe stehen. Hatte er einen Tentakel oder Greifarm gesehen?
Nein. Unter der Treppe war alles ruhig.
„Vielleicht schläft es gerade“, dachte er. Er wurde das Gefühl nicht los, etwas gesehen zu haben. Er richtete den Blick wieder nach vorn und rannte die Treppe hinunter.
Unten angekommen, suchte er hektisch den Schlüssel in seiner Hosentasche. Der Schlüsselanhänger hatte sich an einem losen Faden seiner Tasche verheddert. Er zog einmal kräftig.
„Mist! Jetzt hab ich 'n Loch!“
Er rammte den Schlüssel ins Schloss und versuchte, ihn umzudrehen. Das Schloss klemmte ein wenig. Mit einem Ruck zog er die Tür zu sich und drehte den Schlüssel noch einmal.
„Schnell, schnell, bevor es aufwacht ...“, flüsterte er sich selber Mut zu.
Nervös trat er von einem Bein aufs andere. Seine Hände waren kalt und feucht. Endlich hatte er die Tür aufgeschlossen.
Er schaltete das Licht ein.
Er stand vor dem Verschlag. Die Tür bestand aus einem einfachen Holzrahmen, der mit Maschendraht bespannt war. Ein Vorhängeschloss hielt sie verschlossen.
Der Keller roch unangenehm.
Emil war überzeugt, dass dieser feuchte Kellergeruch zu dem Monster unter der Treppe gehörte.
Mit zitternden Fingern öffnete er das Vorhängeschloss und zog die Tür auf.
Zuerst wollte er das Schloss wieder an die Tür hängen. So wie sein Vater es immer tat, wenn er im Keller etwas bastelte.
Doch dann stellte er sich vor, wie das Monster plötzlich auftauchte, die Tür zuschlug und ihn einsperrte.
Er wäre in diesem Kellerraum gefangen! Mit dem feuchten, muffigen Geruch und all den unheimlichen Werkzeugen.
Da war die Kettensäge, die bedrohlich im obersten Regalfach lag und zu schlafen schien. Ihre Zähne wirkten scharf und gefährlich.
Und dann war da dieser Schraubstock. Fest montiert auf Papas Werkzeugbank. Groß, schwer und massiv. Das Monster würde ihn vielleicht darin einspannen und immer weiter zudrehen ...
Er fröstelte und auf seinen Unterarmen bildete sich eine Gänsehaut.
Emil steckte das Schloss mit dem Schlüssel in seine Hosentasche, denn: Sicher ist sicher!
Er ging nur ein paar Schritte in den Verschlag. Da hörte er ein Knarzen. Emils Nackenhaare stellten sich auf. Er sah zur Decke, an der einige nackte Rohre entlangliefen, und atmete tief durch.
Das Geräusch kam von oben. Jemand war im Arbeitszimmer seines Vaters über ihm herumgelaufen.
Emil erinnerte sich an das alte Zeichenbrett, das hier irgendwo liegen musste.
In einer Ecke sah er die Kiste mit all den Dingen, die sein Vater nicht mehr brauchte und hier untergestellt hatte.
Obenauf lag das Zeichenbrett!
Er schnappte es sich, nahm vorsichtshalber noch das Lineal mit, das man irgendwie daran klemmen konnte, drehte sich um und ...
Plötzlich war das Licht aus.
Stromausfall!
Emil schluckte hörbar. Panik machte sich in ihm breit. Was, wenn das Monster unter der Treppe den Stromausfall verursacht hatte?
Vielleicht kam es jetzt und holte ihn! Dabei wollte er doch nur eine Tulpe malen ...
Wieder dieses Knarzen. Und die Stimme seiner Mutter. Emil verstand nicht, was sie sagte. Er wollte nur noch weg. Raus aus diesem Keller und weg von diesem unangenehmen Geruch, der immer stärker zu werden schien. Sein Herz raste und kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn.
Emil rannte los.
Plötzlich stand etwas vor ihm. Beinahe wäre er dagegen gelaufen ...
Es waren nur die Fahrräder, die ihm den Weg versperrten. Er tastete nach rechts und bekam etwas Hartes zu fassen.
Das Treppengeländer!
Emil hastete die Stufen hoch. Sein Atem ging stoßweise.
Nur noch wenige Schritte!
Er glaubte schon, das Monster hinter sich zu spüren. Bestimmt verfolgte es ihn. Es würde ihn zurück in die Dunkelheit zerren ...
Da! Die Tür!
Er schlüpfte hindurch, und im selben Moment, als er sie hinter sich zuwarf, ging der Strom wieder an.
Schweißgebadet ließ er sich an der Tür auf den Boden gleiten.
„Hast du wieder abgeschlossen?“, fragte seine Mutter aus der Küche.
Emils Finger ertasteten etwas Kaltes und Schweres in seiner Hosentasche.
Das Vorhängeschloss! Er hatte es in seiner Angst vergessen.
Nun konnte das Monster unter der Treppe auch den Kellerraum erobern ...
Autor: Ansgar Kummerfeld
2026
3x
Geschichte Nummer 11237



