Veröffentlicht: 04.11.2026. Rubrik: Unsortiert
Fahrrad fahren ist nichts für Feiglinge
Fahrradfahren ist nichts für Feiglinge
Sommer 1965: Ich war zwölf, und das Abenteuer auf zwei Rädern begann. Meine Mutter sagte: „Fahr erst mal um unsere Wiese!“ – ein Satz, der wie eine Sicherheitsleine wirkte. Doch kaum saß ich im Sattel, wackelte das Fahrrad wie ein lästiger Truthahn. Dieses Wackeln sollte mich mein ganzes Leben begleiten. Bei der letzten Kurve raste ich direkt auf ein geparktes Auto zu. Der Fahrer schrie: „Hältst du immer so an?“ So begann meine Karriere als Rennfahrerin – gepaart mit traumatischen Erlebnissen, von denen ich damals zum Glück noch nichts ahnte.
Da meine Eltern leidenschaftliche Gärtner waren, blieb mir nichts anderes übrig, als mich dieser Herausforderung zu stellen: Rehfelde, nordöstlich von Berlin. Ein Ort, dessen Name mehr versprach, als er hielt – außer Rehe gab es dort nichts. Dort wohnte meine Tante mit meinem jüngeren Cousin. Ich fand ihn toll. Geduldig übte er mit mir das Auf- und Absteigen, ohne umzufallen. Trotzdem landete ich regelmäßig in einem Busch. Rückblickend hätte ich mir den Stress sparen können. 60 Jahre lang tat ich so, als sei Fahrradfahren ein normaler Sport. Später, als jugendliche Erwachsene, mussten bei Fahrradtouren mit Freunden Abbiegepläne minutiös angekündigt werden, sonst landete ich entweder geradeaus auf der Landstraße oder in einem Strauch. Mit 17 Jahren fuhr ich jedes Wochenende auf den Campingplatz – nicht wegen der Landschaft, sondern wegen der schönen Dinge, die man im Zelt tun konnte.
Urlaube in den letzten Jahren begannen fast immer mit der Suche nach einem Fahrradverleih. Meine erste Wahl war es nie. Viel spannender war es, nach Boutiquen Ausschau zu halten. Die schönsten Momente waren, wenn mein sportlicher Partner ankündigte: „Ich kenne eine Abkürzung durch den Wald.“ Horror pur: Wurzeln, Furchen, Ameisenhaufen, Gewitter, Tiere, Mücken – und ich hasste jeden Vorschlag. Besonders die Ausflüge an der Ostsee im späten Herbst bei Wind und Hagel. Meine Zehen froren zusammen, und mein Gesicht verzog sich zu einer Maske, die in jedem Horrorfilm mitspielen könnte. Doch ich blieb dabei. Gesundheitsgurus predigten: „Fahrradfahren macht den Kopf frei, gut für die Gelenke!“ Leckt mich am Arsch, dachte ich still.
Bei der ersten Tour mit Freunden prägte ein gemeinsamer Freund den Satz: „Die Füßchen wollen treten!“ Ein Satz, der bei mir ein Trauma auslöste und bis heute bei Spaziergängen wiederholt wird. Seit Jahren machten wir einmal im Jahr eine Fahrradtour – 40 bis 70 Kilometer am Tag. Es wäre gelogen zu sagen, dass es keine schönen Momente gab. Die Natur vorbeiziehen zu lassen, spontan anzuhalten, picknicken, baden – das war wirklich schön. Trotzdem bleibt das Gefühl, nicht dazu zu gehören, hartnäckig.
Nächte lang wache ich schweißgebadet auf, meine Beine zucken in der Luft, ich setze mir einen imaginären Fahrradhelm auf.
Der Horror begann 2022 mit einem E-Bike, so schwer wie ein Traktor. Kein Rücktritt, nur Bremsen mit den Händen. Bergauf wunderbar, bergab ein Alptraum: Blaue Hände, Krallen, erste Arthroseanzeichen. Ein Mal raste ich eine Landstraße hinunter, sah einen toten Fuchs und wich aus. Die spontane Bremsung katapultierte mich über den Lenker. Arm gebrochen, Gips – und leider keine Fahrradtouren mehr. Straßenbahnschienen? Ich steige immer ab, tue so, als sei das Fahrrad kaputt, und schiebe es bis zur Endhaltestelle. Ampeln? Vor jeder Kreuzung steige ich ab, und ehe ich wieder aufsteige, ist sie rot. Ich bin nicht nur für mich eine Gefahr, sondern für andere Verkehrsteilnehmer/innen.
Meine Therapeutin meinte zu mir: „Sie müssen niemandem etwas beweisen, aber sich Ihren Ängsten stellen.“ Klugscheißerin, 32, aktive Radsportlerin. Ich wechselte zu einem älteren Therapeuten, sympathisch, schon vier Bandscheibenvorfälle hinter sich – Sitzungen verlaufen im völligen Einvernehmen. Dann wurde mein Fahrrad vor seiner Praxis geklaut. Ich weigerte mich, ein neues zu kaufen. Eine Freundin schlug ein Ergometer vor. Treten ohne Ziel, starren auf die Wand. Absurder geht’s nicht.
Heute, über 70 Jahre alt, bleiben mir die Grundtechniken des Fahrradfahrens – korrektes Auf- und Absteigen, Bremsen ohne Umfallen – immer noch ein Rätsel. Ein Fahrrad mit Stützrädern wäre toll, sieht aber bekloppt aus.
Ich mache Yoga. Einige Übungen erinnern ans Kamasutra – Schmetterling, glühender Wacholder. Inzwischen scheint das Ausatmen in meinem Körper aktiver zu sein. Beim Yoga beobachte ich andere Frauen in meinem Alter: Manche verschlingen ihre Körperteile ineinander und lächeln debil dabei. Irgendwann komme ich auch dahin aber nur vielleicht. Die Übung „herabschauender Hund“ liebe ich nicht. Bein heben? Nach 10 gefühlten Minuten rufe ich panisch: „Ich habe keine Tüte mit!“ Seit einiger Zeit versuche ich mich im Qi Gong – langsame, geduldige Bewegungen, eigentlich ideal für mich. Trotzdem erwische ich mich beim heimlichen Blick auf die Uhr, mein Nacken tut weh. Die Trainerin sagt: „Merkt ihr, wie sich Herz, Körper und Seele entspannen?“ Ich muss an meiner Wahrnehmung arbeiten.Ganz aktuell 2025 lernte ich über einen Verein Drachenbootfahren kennen.
Besonders gut geeignet für Betroffene mit Brustkrebs. Mal schauen, wenn 2026 der Frühling kommt und ich das erste mal ein Ruder in der Hand halte. Mein Liebster meint: „Drachenboot“ passt schon wegen dem Wort Drachen zu mir.
Andere Sportarten? Schach oder Mühle wären auch eine Alternative – geistiger Sport ohne Sturzrisiko. „Mensch ärgere dich nicht“ vielleicht sogar noch besser, da Optimismus mein Markenzeichen ist.
Im echten Leben bin ich eine Gewinnerin – nur auf zwei wackeligen Rädern bleibe ich ein Abenteuer auf der Kippe. Und falls ihr mich sucht: Ich sitze nicht auf einem Fahrrad, sondern auf meinem Yogakissen – und lache über all das.
Lapunzel
Da war es wieder, dieses Gefühl der Unzufriedenheit beim Betrachten ihres Spiegelbildes.
In den letzten Jahren waren ihre Haare immer dünner geworden – nicht nur auf dem Kopf. Rosis Gedanken schlugen Purzelbäume. Untenherum spielte das vermutlich keine Rolle mehr, schließlich war es „cool“, rasiert zu sein. Trotzdem empfand sie es als unangemessen, wie ein Baby auszusehen.
Rosi hatte in den letzten Jahren kaum Verlangen verspürt, „nur zu dem einen Zweck“ nach Männern Ausschau zu halten. Ihr genügte die geistige Ebene. Wenn es dann doch zu nächtlichen Treffen kam, fanden im Bett eher Buchbesprechungen statt: Er las vor, sie schlief.
„Sie haben echt ein Händchen für einschläfernde Passagen“, murmelte sie einmal, als er die Biografie eines Kartoffelbauern vorlas. Vor zehn Jahren verabredete sie sich mit einem Mann, der betonte, im höheren Dienst tätig zu sein. „Höher“ war wohl eher ein Synonym für „12. Etage“. Sie trafen sich in einem Restaurant, und als er auf sie zukam, war sie erstaunt: Die Person auf dem Foto hatte nichts mit dem Mann gemein, wahrscheinlich hatte er mehrere Filter benutzt. Es war zu spät, um zu fliehen.
„Hallo, ich bin Horst. Teilen wir uns anschließend die Rechnung?“ Alles klar, dachte Rosi, das passt zu Horst. Aus seiner Aktentasche breitete er eine lilafarbene Bewerbungsmappe aus. Darin befanden sich, ordentlich in Klarsichtfolien sortiert: ein aktuelles Röntgenbild seiner Prostata, die neuesten Blutwerte und die letzte Gehaltsabrechnung. Durch seine Hornbrille schaute er sie erwartungsvoll an.
„Na, Sie sind sicher auch so aufgeregt wie ich?“
Als er ein Blutdruckmessgerät an ihren Arm legen wollte, verließ sie fluchtartig die Lokalität.
Es schlich sich eine gewisse Unzufriedenheit bei ihr ein. Ihre Stirnfalten bildeten tiefe Furchen, in denen sich immer öfter winzige Krümel ablagerten – wahrscheinlich Überbleibsel der morgendlichen Kekse.
„Soll es das gewesen sein?“, fragte sie sich.
Der Vergrößerungsspiegel, ein Geschenk einer Freundin, förderte die Wahrheit ans Licht. Ihr Tag war gelaufen. Mit der Lupe inspizierte sie sogar ihren Hinterkopf. Was war das? Kein Heiligenschein. Nein, es war eine kahle, runde Stelle. Nun stand für sie fest: Sollte zufällig irgendwann ein Date zustande kommen, darf der Mann nicht größer sein als sie. Die sexuelle Stellung von hinten würde sowieso ausfallen.
Da erinnerte sie sich an die Geschichte Lapunzel einer jungen Frau, die sich eine Haarverlängerung machen ließ. Ihr „heißer Typ“ hatte sich an ihrem Zopf hoch gehangelt – und sie waren heute noch zusammen. Das wollte sie au


Geschichte Nummer 11299



