Veröffentlicht: 05.11.2026. Rubrik: Unsortiert
Briefgeflüster
Die Straßen waren leer, nur der Schnee saß darauf, weich und leicht wie Zuckerwatte. Mit jedem Schritt sammelte sich eine kleine Anhäufung davon auf meinen Schuhspitzen, um beim Absenken meiner Schritte wieder mit der Menge zu verschmelzen.
Es war ein Dienstag, und kleine Rotkehlchen saßen auf den mittlerweile kahlen Zweigen, wie es nun mal der Lauf der Dinge zu dieser Jahreszeit war. Ich hatte einen Brief in meiner Manteltasche, und dieser glühte mir ein Loch durch den dick gewebten Stoff.
Die Worte wollten zu dir, wollten gelesen werden, sich in dir spielen, verträumt klingen, ausweitend werden, bis dein ganzer Brustkorb sie atmete und damit meinen Namen tief, tief in dich zeichnete.
Abrupt blieb ich stehen, das milde Licht der Nachmittagssonne fiel sanft durch die leicht im Winde sich wiegenden Baumkronen, und ich erinnerte mich plötzlich, wie ich das erste Mal, als ich hier entlang ging, bereits an dich gedacht hatte. Damals warst du noch Phantasterei gewesen, ein Flug durch meinen Geist mit sehr großen Flügeln, unwahrscheinlich, dass du stehen bleiben würdest, doch du bliebst hängen mit deinen so großen Flügeln in mir, um mich und inmitten meiner kleinen Welt.
Ich hob meinen Atem an, dann hauchte ich ihn auf die Scheibe einer geschlossenen Bäckerei. Ich war versucht, mit meinen Fingerspitzen unsere Initialien in ein Herz zu zeichnen, doch dies kam mir so ungeheuerlich kitschig vor, sodass ich es beim Atmen beließ, mir nicht dabei zusehends und von der Welt beschaut, wie ich uns in ein Herz setzte. Warst du doch bereits eh schon in jedem der Welt unsichtbar oder sichtbar geschrieben.
Der Briefkasten lag noch 50 Meter entfernt. Wann würde er dich wohl erreichen? Würdest du ihn gleich lesen oder ihn dir aufsparen wie einen Nachtisch und abends im Bett lesen? In diesem Fall würdest du vielleicht von meinen Worten träumen? Oder würdest du mir eine WhatsApp schreiben und mich auslachen, dass ich dir einen Brief geschrieben habe in Zeiten unserer Handys?
Ich wusste es nicht, doch meine Manteltasche glühte, und ich erinnerte mich daran, wie kostbar Briefe und deren Inhalte fürs Leben früher waren, man hörte viel davon.
Verlangsamung nur für einen Moment, und für immer auf Papier stehend: „Ich liebe dich."
Der Briefkasten war da, und ich strich mit den Daumen über die Zeile der Entleerungszeiten, zärtlich, als würden sie nur für mich zustellen einen Brief an dich, der einzige Brief der Welt, der für mich zählte im Moment.
Klick… die Klappe schloß sich, dein Brief war eingeworfen und mit brennendem Herzen schritt ich durch die Zuckerwatte nach Hause, in Gedanken bei dir.
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Autorin: Meine Geschichten sind inspiriert von Gott und niedergeschrieben von mir Herbstsonne.
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Geschichte Nummer 11310



