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geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 05.11.2026. Rubrik: Unsortiert


Wenn die Mutter gehen muss

Wenn einen die Mutter verlässt

Als sie gegangen ist, wurde die Nabelschnur für immer durchtrennt.
Organisch geschieht das kurz nach der Geburt – doch seelisch eigentlich nie. Die Liebe einer Mutter ist an keine Bedingungen geknüpft. Als Kind war sie die Person, an die ich mich kuscheln konnte. Wenn ich schlecht geträumt hatte, durfte ich zu ihr ins Bett. Später, in der Pubertät, kamen meine ersten Fragen. Unbewusst stieß ich sie später von ihrem Sockel. Meine Mutter war eine autoritäre Person, der ich Respekt zollte. Erst viele Jahre später erzählte sie mir offen von ihrer Jugend, ihrer Beziehung zu ihren Eltern und zu Männern. Sie starb mit 91 Jahren. Ein stattliches Alter – aber sie war eben meine Mutter. Als Kind war alles selbstverständlich: Mütter müssen da sein. Nicht ab und zu, sondern immer – und dabei auch noch Freude empfinden. So habe ich meine Mutter erlebt: immer präsent, immer interessiert.
Eine Szene fällt mir sofort ein: Ich sitze als Kind mit baumelnden Beinen auf der Toilette, während sie in gebückter Haltung die Wäsche im eiskalten Wasser der Badewanne schrubbt. Geduldig hört sie meinen „spannenden“ Erzählungen zu – etwa, dass ein Junge in der Klasse mir wieder einmal mein Radiergummi gestohlen hatte. Mich ernst zu nehmen, egal wie alt ich war, das war eine ihrer größten Stärken. Oder die Anekdote, wie ich sie mit neun Jahren fragte: „Mama, wann machst du eigentlich mit Papa Sex?”
Ihre Antwort: „Am Samstagvormittag, wenn du in der Schule bist.“
Entsetzt rannte ich aus dem Bad: „Iiiiiiih, am helllichten Tag!“
Meine Mutter wurde 1924 geboren und erlebte den Zweiten Weltkrieg als junges Mädchen in Berlin. Sie erzählte mir, wie sie nach Bombenangriffen Gegenstände aus dem brennenden Haus rettete oder nach ihrer Mutter suchte, die verschüttet im Keller lag. Als sie sie schließlich fand, waren deren Haare über Nacht weiß geworden. Sie berichtete auch von der Angst vor russischen Soldaten. Einmal forderte einer sie auf, ihm zu folgen. Weinend und bettelnd flehte sie, es nicht tun zu müssen. Vielleicht hatte der junge Soldat Mitleid – jedenfalls schickte er sie fort. Meine Mutter versteckte sich die ganze Nacht in einem Rohr. Solche Geschichten ließen mich oft sprachlos zurück. Was für Ängste musste sie ausgehalten haben? Für meine Generation unvorstellbar. Mit 22 fand sie ihre große Liebe, meinen Vater. Doch die Ehe scheiterte: er war zu labil, zu verführbar von anderen Frauen. Mein Bruder (1949) und ich (1953) wuchsen dennoch zunächst in einem harmonischen Familienleben auf. Die Trennung 1963 kam für uns Kinder völlig überraschend – damals sprach man über solche Dinge nicht offen Wir lebten unseren Schock schweigend.
Meine Mutter ließ sich jedoch nicht unterkriegen. Sie arbeitete, machte Karriere durch Kompetenz und Führungsstärke. Sie war Elternvertreterin, organisierte Kinderfeste, studierte nebenbei und führte den Haushalt mit Bravour. Die Küche war das Herz des Familienlebens: dort wurde das Einmaleins gepaukt, Kinderlieder gesungen und über Freiheit diskutiert. Später verliebte sie sich neu – diesmal in den betrogenen Ehemann der Geliebten meines Vaters. Eine recht eigenwillige Konstellation, die aber funktionierte. Aus dieser Verbindung wurde 1964 meine Schwester geboren. Doch auch diesen Mann verlor sie zu früh: Er starb mit 52 Jahren an Magenkrebs. Ich hatte zu dieser Zeit schon das Haus verlassen und meine jüngere Schwester war ihr Halt. Zum ersten Mal sah ich meine Mutter gebrochen und verzweifelt – ihren Kopf auf den Armen, weinend. Dieses Bild verfolgt mich noch heute. Trotz aller Schicksalsschläge gab sie nie auf. Sie engagierte sich ehrenamtlich im Bezirk, bekämpfte ihre Einsamkeit mit Aktivität. Auch als Oma war sie für die Enkelkinder da – präsent, verlässlich, voller Liebe.
Am Wochenende fuhr sie oft aufs Grundstück in Rehfelde. Dort standen harte Arbeit und Glück dicht beieinander. Ich erinnere mich an lange Nachmittage unter dem Apfelbaum – intensive Gespräche, Lachen, Gemeinschaft. Nur Äpfel konnte ich irgendwann nicht mehr sehen: Es gab sie in allen Variationen – Apfelmus, Kompott, Apfelkuchen. Ein Apfeltrauma der besonderen Art.
Die letzten Jahre waren schwer. Mit 86 Jahren nach einem Schlaganfall kam sie ins Pflegeheim – der Anfang vom Ende einer lebensfrohen Frau. Ich tat mich schwer, diese Realität zu akzeptieren. Ich wollte meine starke, optimistische und kluge, interessierte Mutter zurück.
Einige Stunden vor ihrem Tod saß ich an ihrem Bett. Ich hielt ihre Hand, streichelte ihre Wange und flüsterte: „Du kannst gehen, Mama. Du musst dir keine Sorgen mehr um mich machen.“
Ich scherzte leise: „Wenn du oben bist, wirst du sicher wieder einigen Männern den Kopf verdrehen. Aber ich bleibe noch ein bisschen hier und freue mich auf unser Wiedersehen.“
Als ich los wollte, hielt sie meine Hand noch einmal fest. Nur Sekunden. Und doch so intensiv, dass ich Angst bekam und mich löste. Heute schäme ich mich dafür – sie hätte nicht allein in dieser Angst bleiben sollen. In der Nacht starb sie.

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Geschichte Nummer 11312

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