Veröffentlicht: 08.11.2026. Rubrik: Satirisches
Die Zerbrechlichkeit des flackernden Lichts
Eine Satire über die Wohnungssuche

Heute erhielt ich einen Brief von meinem Vermieter. Glückwünsche zu meinem Geburtstag erwartete ich nicht von ihm. Ich entnahm diesem Umschlag ein Schreiben und legte es auf den Küchentisch. In fetten Buchstaben stand dort: „Nebenkostenabrechnung“.
Die Glühbirne in der Küchenlampe begann zu flackern. Ein schwaches, nervöses Licht, das mich an die Zukunft unseres Landes erinnerte.
Beim Lesen dieser Nebenkostenabrechnung wurde mir klar, dass Wärme ein Luxusgut und Duschen eine finanzielle Entscheidung geworden sind.
Ich beschloss, mich nach einer kleineren Wohnung umzusehen. Eine kleinere Wohnung würde weniger Betriebskosten bedeuten, so jedenfalls meine naive Vorstellung von wirtschaftlicher Vernunft und Marktwirtschaft.
Die erste Wohnung, die mir ein Makler anbot, hatte eine Wohnfläche von vierzig Quadratmetern. Sie war ausgestattet mit einer Einbauküche und verfügte über einen Balkon. Den Balkon jedoch konnte man nur zum Rauchen im Stehen nutzen. Die Miete betrug stolze 1200 Euro kalt.
„Warum so teuer?“, fragte ich den Makler.
Er lächelte wie ein Börsenhändler, der gerade einen unerwarteten Kursgewinn verbucht hatte.
„Die Lage!“
Ich blickte aus dem Fenster. Gegenüber sah ich die Giebelwand eines Mehrfamilienhauses. Der abbröckelnde Putz ließ Ziegelsteine sichtbar werden. Vor der Wand standen Mülltonnen.
„Ist die Sicht auf die Mülltonnen im Mietpreis enthalten?“, fragte ich.
„Nein“, sagte er. „Aber sie unterstreicht den urbanen Charakter.“
Ich verzichtete.
Bei der zweiten Wohnung sollte ich eine Selbstauskunft ausfüllen. Ich gab mein monatliches Einkommen an, meine Ersparnisse, meinen Familienstand und die Zahl meiner Haustiere. Dann fehlte noch eine Angabe: meine persönliche Motivation, gerade diese Wohnung anzumieten.
Ich schrieb: „Ich benötige eine Wohnung.“
Der Makler schüttelte den Kopf.
„Das ist zu wenig emotional. Wir suchen Menschen, die sich mit der Immobilie identifizieren.“
Ich ergänzte: „Ich empfinde bereits für diese vier Wände eine tiefe Zuneigung.“
„Sehr gut“, sagte der Makler. „Aber ihr Nettoeinkommen ist nicht ausreichend. Sprechen Sie mit ihrem Chef über eine Gehaltserhöhung und suchen Sie sich ein Nebeneinkommen.“
Schließlich fand ich tatsächlich eine Wohnung. Sie lag im dritten Stock, hatte zwei Zimmer und einen Ausblick auf eine Wand, deren Oberfläche vom Raureif des Salpeters bedeckt war.
Die Miete war erschwinglich. Zumindest, wenn ich meine bisherigen Lebensgewohnheiten aufgab.
Ich rechnete: weniger Lebensmittel, keine Urlaubsreisen, keine Restaurantbesuche und möglichst keine Krankheit. Für unvorhergesehene Ausgaben wollte ich vorsichtshalber nicht mehr verantwortlich sein.
Der Vermieter prüfte meine Unterlagen und nickte zufrieden.
„Sie scheinen ein zuverlässiger Mieter zu sein“, stellte er fest.
„Vielen Dank. Und was erwarten Sie von mir?“, fragte ich.
„Pünktliche Mietzahlung ist die Grundvoraussetzung einer guten Zusammenarbeit“, sagte er mit fester Stimme.
Etwas zurückhaltend fragte ich: „Und was darf ich von Ihnen erwarten?“
Er sah mich verständnislos an. „Wie meinen Sie das?“
„Nun ja, eine funktionierende Heizung, dichte Fenster, eine vernünftige Instandhaltung?“
Jetzt lächelte er wieder. „Sie haben Humor!“
Ich unterschrieb den Mietvertrag.
Am Abend saß ich in meiner neuen Wohnung am Küchentisch und las das Kleingedruckte im Mietvertrag. Das Licht flackerte nervös und störte beim Lesen.
Da klingelte es.
Vor meiner Tür stand mein Vermieter.
„Gute Nachrichten“, sagte er. „Die Wohnung wird energetisch modernisiert.“
Ich atmete erleichtert auf. Vielleicht würde endlich das Licht repariert.
„Allerdings“, fuhr er fort, „muss ich die Miete danach anpassen.“
„Um wie viel?“
Er nannte die Summe.
Ich setzte mich wieder an den Küchentisch und atmete tief. Das Licht begann aufgeregt zu flackern, hellte kurz auf und erlosch.
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Geschichte Nummer 11333



