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geschrieben 2017 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 09.04.2020. Rubrik: Satirisches


Ostercalypse now!

Mark kauerte unter dem großen Tisch auf der Terrasse und starrte gespannt in den Garten. In diesem Jahr würde er es endlich schaffen und den Osterhasen zu Gesicht bekommen, das hatte er im Gefühl. Und tatsächlich! Begleitet von einem leisen Rascheln kam etwas Bewegung in den großen Holunderbusch neben Mamas Rosenbeet. Zwei große Hasenohren schoben sich vorsichtig durch die dichten Blätter und sondierten einige Sekunden lang zuckend die Umgebung. Dann, ganz langsam, schob sich ein braunes Pelzgesicht durch das Geäst. Mark wagte kaum zu atmen, als der komplette Hase mit einer blitzschnellen Rolle hervorsprang. Geduckt sah das Tier sich wachsam um. Als ihm die Umgebung sicher erschien, wandte sich der Osterhase wieder dem Busch zu und lehnte sich soweit hinein das nur noch der Hasenhintern mit dem kleinen Stummelschwänzchen herausschaute.
Marks Augen wurden groß und sein Mund klappte auf, als er sah, wie der Hase unter Ächzen und Stöhnen erst ein nagelneues Mountainbike und anschließend die allerneuste Spielkonsole mitsamt Guns, Tits & Anarchy, dem besten Videospiel der Welt, aus dem Gebüsch zerrte. Abschließend legte er noch einige Schockladeneier daneben.

„Krass“, entfuhr es Mark und augenblicklich zuckten die Löffel des Osterhasen in die Höhe. Mit einem geschmeidigen Hechtsprung verschwand er wieder in der Hecke. Mark lief über das Gras auf die Geschenke zu. Blitzartig legte sich plötzlich eine Pfote auf seinen Mund und mit einem Ruck wurde er ins dichte Gebüsch gezogen.
Der Osterhase stierte Mark streng an und lockerte dann langsam seinen Griff.
„Du bist der Osterhase, richtig?“, fragte Mark keuchend.
„Und du bist der Typ, der echt schlaue Fragen stellt, richtig? Was machst du denn schon so früh hier draußen, du kleiner Hosenscheißer?“, zischte der Hase.
„Ich wollte sehen, ob es dich wirklich gibt.“
„Na, toll, das ist dir ja prima gelungen. Tja, Kleiner, jetzt muss ich dich leider umbringen.“
„Was?“, erschrak Mark und betrachtete sein Gegenüber mit ängstlichem Blick etwas genauer. Der Hase trug ein rotes Stirnband und unter seinem vernarbten Fell wölbten sich gewaltige Muskeln. Am Gürtel seiner Tarnhose hing ein großes Messer und von der Schulter baumelte ihm ein großes Gewehr.
„War nur ein Scherz, mach dich nicht gleich nass. Keine Sorge, ich bringe dich nicht um...“, zwinkerte der Hase.
„Meine Güte, ich dachte schon...“ Mark atmete erleichtert auf.
„... das werden die anderen gleich für mich übernehmen, wie es aussieht.“
„Welche anderen denn?“, schnappte Mark erschrocken nach Luft.
„Na, wer wohl, die Weihnachtswichtel natürlich.“
„Die Weihnachtswichtel? Aber wir haben doch Ostern!“
„Gerade deshalb ja. Das hier ist Krieg, du Sitzpisser, begreifst du denn nicht?“
„Ehrlich gesagt... nein“, antwortete Mark ratlos.
„Pass auf, es ist ganz einfach. Jedes Jahr machen meine Kameraden und ich den Kindern dieser Welt zu Ostern riesige Geschenke.“ Der Hase wies in Richtung des Mountainbikes und der Spielkonsole.
„Deine Kameraden und du? Es gibt also noch mehr Osterhasen?“ Mark war überrascht.
„Klar doch, es gibt tausende von uns. Ich meine, wir sind Hasen, du weißt doch, wie es bei uns läuft.“ Er grinste, formte mit den Krallen der einen Pfote einen Ring und klatschte dann mit der andern rhythmisch darauf.
„Aber die großen Geschenke bekommt man doch nur immer zu Weihnachten“, kam Mark auf das Thema zurück.
„Und warum, glaubst du, ist das wohl so, Kleiner?“
„Weiß nicht...“,sagte Mark ratlos.
„Na, weil die verdammten Wichtel uns jedes Jahr die Geschenke klauen um sie dann zu Weihnachten selber zu verteilen. Sie sind dann die großen Helden und wir stehen blöd da.“
„Ehrlich? Das ist ja nicht zu fassen! Aber warum klaut ihr die Geschenke an Weihnachten nicht einfach zurück?“
„Versuchen wir ja, aber im Winter ist die Jagdsaison, weißt du? Nur jeder zehnte von uns kehrt lebend von der Mission zurück.“
„So wenige? Dann müsstet ihr doch schon längst ausgerottet sein, oder nicht?“
„Na ja, wie gesagt...“ Der Osterhase wiederholte seine Geste und zwinkerte Mark zu.
„Das ist ja unglaub...“
„Still, Kleiner“, unterbrach ihn der Osterhase zischend. Seine Stupsnase zuckte wild.
„Was ist denn los?“, flüsterte Mark eingeschüchtert.
„Die Wichtel sind im Anmarsch. Ich kann die Schweine wittern.“
„Und die wollen uns wirklich umbringen? Aber ich bin doch noch ein Kind...“ Marks Blase krampfte sich zusammen.
„Du weißt zu viel,Kleiner. Wenn die uns erwischen, machen sie uns beide kalt.“
„Aber was machen wir denn jetzt?“
„Warte hier, ich bin gleich wieder da.“ Lautlos huschte der Hase über den Rasen und verschwand zwischen einigen Bäumen. Mark nahm im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Eine kleine Gestalt war aufgetaucht und schlich vorsichtig durch den Garten. Mark hielt den Atem an, aber dennoch schien der Wichtel ihn bemerkt zu haben. Mit einem gemeinen Glitzern in den Augen näherte er sich und zog dabei ein rotes Geschenkband aus seinem Mäntelchen. Das Männlein wickelte die Enden des Bandes um seine Händchen und straffte es dann mit mordlustigen Glitzern in den Augen. Mark kroch panisch rückwärts, als sich völlig unvermittelt der Hase aus dem Schatten eines Baumes löste. Blitzschnell packte er den Wichtel an der Zipfelmütze und rammte ihm das Kampfmesser tief in den Hals. Eine Blutfontäne schoss senkrecht nach oben und mit einem überraschten Quieken ging der Wichtel zu Boden. Seine kleinen Stiefel zuckten noch einen Augenblick im Gras, dann kehrte wieder Stille ein.
„Da draußen sind noch mehr von den Schweinen. Wir müssen uns zurückziehen.“ Lautlos wie ein Schatten war der Osterhase neben Mark aufgetaucht. Er griff Mark beim Kragen zerrte ihn tiefer in die Büsche und deutete auf ein Loch im Boden.
„Aber ich will da nicht...“,hob Mark an. Der Hase stieß ihn durch die Öffnung und hüpfte hinterher.
Mark kullerte unsanft durch einen steilen Tunnel in eine geräumige Höhle. Das Messer zwischen die Zähne geklemmt, rollte der Osterhase geschmeidig durch die Öffnung und blickte sich wachsam um. Aus dem Dunkel eines Ganges hinter ihnen erklang plötzlich wildes Kriegsgeschrei. Einen Augenblick später quollen dutzende von blutgierigen Weihnachtswichteln aus der Finsternis hervor.
Der Osterhase stürzte sich mit einem waghalsigen Sprung mitten in die anrückenden Wichtel und hieb wild mit dem Messer um sich. Hohe Schreie gellten, Blut spritzte. Einer der Wichtel stach mit einer spitzen Zuckerstange zu. Der Osterhase knurrte wütend und hieb dem Angreifer den Kopf ab. Mark starrte auf das furchtbare Gemetzel, als hinter ihm plötzlich ebenfalls wilde Kampfschreie ertönten. Er fuhr erschrocken herum. Dünne Lichterketten baumelten blinkend aus einem Loch in der Höhlendecke. Eine ganze Horde maskierter Wichtel seilte sich behände daran ab. Mark schrie erschrocken auf. Sofort erkannte der Osterhase die Gefahr.
„Verdammt, sie nehmen uns in die Zange. Ninja-Wichtel! Duck dich, Kleiner!“, schrie er zu Mark herüber.
Kaum hatte Mark den Kopf eingezogen, sirrten etliche stählerne Zimtsterne über ihn hinweg und bohrten sich wuchtig in die Wand hinter ihm. Der Osterhase spießte einen seiner Gegner mit dem Messer auf und trat einem weiteren kräftig zwischen die dürren Beinchen um sich Platz zu schaffen. Hektisch zerrte der Hase sein Gewehr von der Schulter und warf es in hohem Bogen zu Mark herüber.
„Leg die Schweine um, Kleiner!“ Erneut wurde er von Wichteln umringt und stürzte sich mit einem irren Grinsen wieder in das gnadenlose Getümmel.
Mark griff zögernd nach dem Gewehr.
„Aber ich kann doch nicht...“, jammerte er. Die Ninja-Wichtel zogen kleine Schwerter und stürzten wild kreischend nach vorne.
„Jetzt, Kleiner! Feuer!“ brüllte der Osterhase, während er einem Gegner beiläufig würgte und einem weiteren den Schädel spaltete.
Mark hob ächzend das schwere Gewehr. Hasserfüllte Augen blitzten ihn an, als der erste Wichtel versuchte, ihm die Waffe zu entreißen. Mit einem verzweifelten Schrei zog Mark den Abzug durch. Das Gewehr ratterte ohrenbetäubend und spie seine großkalibrige Ladung in die anstürmenden Männlein. Die kleinen Leiber der wilden Angreifer explodierten förmlich, als die Geschosse mit brutaler Wucht in sie einschlugen. Im grellen Mündungsfeuer platzten Köpfe samt Zipfelmützen und Fleisch und Knochen wurden in Fetzen geschossen. Der wilde Angriff ebbte ab. Helle Stimmchen schrien verzweifelt auf. Die kleinen Gestalten versuchten nun hektisch zu fliehen, aber Mark schoss in blanker Todesangst immer weiter. Als alle Munition verschossen war und das Gewehr nur noch ein hartes Klicken von sich gab, schrie er noch immer in blanker Todesangst.
Der Rauch verzog sich langsam und eine schwere Hand legte sich auf Marks Schulter. Er verstummte. Das Fell des Hasen war zerzaust und Blutverschmiert. Hinter ihm war der Boden der Höhle mit toten Weihnachtswichteln übersät.
„Sehr gut, Kleiner, du hast sie alle erwischt!“ Der dichte Pulverdampf verzog sich und gab einen fürchterlichen Anblick frei. Langsam führte der Osterhase den zitternden Mark durch das infernalische Schlachtfeld in Richtung Ausgang. Einer der Ninja-Weihnachtswichtel zuckte noch und stöhnte leise. Verzweifelt hielt er seine herausquellenden Eingeweide in den Händen.
„Sagt meiner Frau und...meinen...Kindern... das... ich sie...liebe...“, presste er unter Schmerzen hervor. Der Hase hob einen Fuß und zerstampfte mit einem wuchtigen Tritt den Schädel des Männleins.
„Leck mich, Bastard.“

Schlotternd und hyperventilierend wurde Mark aus dem Tunneleingang gezogen.
„Nicht übel, Junge, hast dich gut geschlagen!“, lobte der Osterhase fröhlich.
„Hmmm...“, wimmerte Mark und kalter Schweiß rann seinen Rücken herab.
„Du hast sie in den Arsch getreten!“
„Hmmm...“, ihm war furchtbar übel.
„Hast die Schweine gnadenlos weggepustet!“
„Hmmm...“, das würde er Mama und Papa besser nicht erzählen.
Aus dem Loch hinter ihnen ertönte erneut das Getrappel kleiner Stiefel. Mark zuckte zusammen und schluchzte verzweifelt auf, aber der Hase tätschelte ihm beruhigend den Rücken und zog wortlos ein Buntes Osterei aus einer Hosentasche. Mit seinen großen Nagezähnen riss er einen Ring von der Spitze des Eies und warf es lässig über die Schulter. Es landete genau im Loch und das Getrappel der Stiefel verstummte.
„Scheiße!!!“, ertönten mehrere hohe Stimmen im Chor. Es knallte laut und dann regnete es Blut und kleine Körper.
Der Hase kramte eine große Zigarre hervor und entzündete sie an einem brennendem Ärmchen.
Zufrieden paffte er drei Rauchringe in die Luft.
„Dann geh mal nach hause, Kleiner, für dieses Jahr ist die Schlacht vorbei.“
„Ja...“ Mark wankte benommen und zitternd, über und über mit Blut verschmiert in Richtung Haus.
„Ach, und Kleiner?“, rief der Osterhase ihm nach.
„Ja?“, fragte Mark tonlos.
„Pass an Weihnachten gut auf dich auf. Diese Wichtel sind ziemlich rachsüchtig.“
„Ja...“ Mark zitterte am ganzen Körper und es lief warm und feucht an seinem Bein herunter. Wenigstens hatte er zum Trost noch das Mountainbike und die Spielkonsole. Mark blickte in Richtung der Geschenke, aber da wo sie gestanden hatten, lagen lediglich noch einige zertretene Schokoladeneier im Gras. Die Abdrücke winziger Stiefel und eine Schleifspur verloren sich in den Büschen.

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