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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 05.08.2020. Rubrik: Grusel und Horror


Das kleine Mädchen unbekannter Sprache

ANMERKUNG: Der Ort Hall, in dem diese Gruselgeschichte spielt, ist fiktiv.

In die Polizeiwache von Hall, einem kleinen süddeutschen Ort, kam eines Nachmittags ein etwa fünfjähriges Mädchen und sprach die Beamten in einer Sprache an, die niemand von ihnen verstand.

Sie fragten auf Deutsch nach, was wiederum von dem Kind nicht verstanden wurde. Auch auf englische Sätze reagierte es nicht.

Das Mädchen sah überhaupt nicht „ausländisch“ aus. Allerdings stammte es wohl nicht aus Hall, wo jeder jeden kannte. Niemand der Beamten konnte sich erinnern, es schon einmal gesehen zu haben.

Es war ihnen nicht klar, was das Kind wollte. Da jedoch im Ort gerade ein Volksfest stattfand, vermuteten sie, dass es im Gedränge seinen Eltern abhanden gekommen war und diese nun suchte. Zunächst boten sie ihm Limonade und Kekse an. Seltsamerweise nahm es nichts davon.

Als die Polizisten noch beratschlagten, was zu tun sei, stürmten plötzlich ein Mann und eine Frau herein. Sie sprachen das Mädchen in einer Sprache an, die so klang wie dessen eigene. Bevor es geantwortet hatte, ergriffen sie es und rannten mit ihm heraus.

Im ersten Moment hatten alle Beamten gedacht: „Wie gut! Das sind die Eltern! Dieses Problem sind wir los!“

Dem Jüngsten von ihnen, Tobias, kam die Sache dann jedoch merkwürdig vor. Er lief zur Tür und schaute nach links und rechts, aber obwohl man die Straße nach beiden Seiten hin überblicken konnte, waren die drei nirgends mehr zu sehen.

*

Tobias saß zu Hause an seinem Computer. Noch immer musste er an das Ereignis am Nachmittag denken. Waren die beiden Erwachsenen wirklich die Eltern des Kindes? Welche Sprache hatten die drei geredet? Und vor allem: Wohin waren sie so schnell verschwunden?

Ihm fiel sein Großonkel Hubert ein. Dieser, ein pensionierter Polizist, befasste sich mit mysteriösen Kriminalfällen. Tobias rief ihn an und berichtete ihm alles.

„Hm“, sagte sein Großonkel, „das ist sehr seltsam. Ein kleines Mädchen unbekannter Sprache kommt auf eine Polizeiwache, wird kurz darauf von einem Mann und einer Frau abgeholt, und alle drei verschwinden spurlos. Ich erinnere mich, dass genau dasselbe auch schon früher passiert ist.“

Tobias traute seinen Ohren nicht. „Schon früher? Wo denn? Und wann?“

Der alte Hubert überlegte kurz. „Einmal in Schwäbisch Hall und einmal in Bad Reichenhall. Wann? Das weiß ich im Moment nicht genau. Aber ein paar Jahrzehnte sind beide Fälle schon her. Auch vorher soll es das schon gegeben haben.“

„Das ist nicht möglich!“, rief Tobias. „Das Kind war doch höchstens fünf Jahre alt!“

„Ja, sie materialisieren sich halt immer wieder neu –“

Was???

„Sie materialisieren sich. Die Geister. Es sind Geister, verstehst du? Sie nehmen Menschengestalt an, und wenn sie getan haben, was sie wollten, legen sie sie wieder ab.“

„Onkel Hubert, das ist ja grauenvoll! Was wollen diese Geister denn?“

„Wahrscheinlich wollen sie mit dieser Szene den Menschen irgendetwas mitteilen und versuchen es so lange, bis die Menschen es verstanden haben.“

Tobias fehlten die Worte.

„Übrigens fällt mir auf“, sagte der alte Hubert, „dass es wieder in einer „Hall-Stadt“ passiert ist. Schwäbisch Hall – Bad Reichenhall – jetzt euer Hall. Hier in Süddeutschland und im Alpenraum kommt ‚Hall‘ aus dem Keltischen und bedeutet Salz. Früher lebten hier Kelten. Die Geister stammen wohl noch aus der Keltenzeit und sprechen die damalige Sprache. Sie ist längst ausgestorben. Aber am Rande Europas gibt es noch heute keltische Sprachen. Google mal nach ihnen und hör dir im Internet an, wie sie klingen. Vielleicht kannst du dann sagen, ob ihr Tonfall demjenigen eurer Geistersprache ähnelt.“

Nur eine Stunde später rief Tobias seinen Großonkel erneut an. „Onkel Hubert, das Walisische klingt so ähnlich wie die Sprache der drei Geister!“

„Gut, Tobias! Ich habe mir inzwischen überlegt, worauf sie mit dieser Szene hinweisen wollen. Eine Polizei gab es bei den alten Kelten zwar nicht. Aber vielleicht hat ein Kind bei irgendwelchen Leuten, denen es vertraute, Schutz vor seinen gewalttätigen Eltern oder anderen bösen Erwachsenen gesucht. Und diese Leute haben das nicht begriffen und das Kind seinen Peinigern überlassen.“

*

„Wir versuchen es einfach mal!“, sagte Tobias zu seinen Kollegen. „Stuttgart ist die Partnerstadt von Cardiff, der Hauptstadt von Wales. Über die Stuttgarter Polizei können wir bestimmt drei Waliser finden – einen Mann, eine Frau und ein kleines Mädchen –, die mit uns zusammen die Szene nachspielen, natürlich mit neuem Ende. Kind kommt rein, bittet auf Walisisch um Hilfe, wir verstehen es nicht, Mann und Frau kommen rein, sprechen das Kind auf Walisisch an, wollen es packen – und dann schreiten wir ein.“

Tatsächlich meldete sich bald der Waliser Gwyn mit Ehefrau Bethan und Tochter Elin. Die Einwohner von Hall wurden informiert, dass man bald auf dem Marktplatz eine kleine Szene aufführen wolle, um Geister zu beruhigen.

Endlich war es soweit. Auf einer Bühne am übervollen Marktplatz standen zunächst Tobias und seine Kollegen beisammen. Dann lief die kleine Elin auf sie zu und sprach Walisisch. Sie guckten sie ratlos an. Als dann jedoch Gwyn und Bethan herbeistürmten, das Kind auf Walisisch anredeten und es ergreifen wollten, wurden die Polizisten aktiv. Sie zerrten die beiden von dem Mädchen weg, und als sie rabiat wurden, legten sie ihnen Handschellen an. Das Publikum klatschte begeistert Beifall.

Als Tobias und die anderen Beamten zur Polizeiwache zurückgingen, gefror ihnen beim Näherkommen das Blut in den Adern. Vor dem Gebäude standen die drei Gestalten, mit denen damals das Ganze begonnen hatte.

„Danke“, sagten sie auf Deutsch und waren im selben Augenblick wieder verschwunden. Dort, wo sie gestanden hatten, glitzerte es von Gold, Silber und Edelsteinen.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 07.08.2020:

Tolle Gruselgeschichte!




geschrieben von Christine Todsen am 07.08.2020:

Freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt!

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