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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 05.03.2018. Rubrik: Unsortiert


Das gendergerechte Rotkäppchen

Es war einmal ein Kind, das von einem seiner vier Großelternteile ein Käppchen von rotem Samt geschenkt bekommen hatte und kein anderes mehr tragen wollte, sodass es nur das Rotkäppchen hieß. Eines Tages sprach der eine seiner beiden Elternteile zu ihm: "Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das dem Großelternteil hinaus, der im Wald wohnt. Dieses Familienmitglied ist krank und schwach und wird sich daran laben. Geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Wege ab!" Rotkäppchen versprach es.

Im Wald begegnete dem Kind ein Exemplar der Gattung Wolf. Rotkäppchen aber wusste nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. "Guten Tag, Rotkäppchen!" sprach es. "Schönen Dank, Wolfswesen!" - "Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?" - "Zu einem meiner Großelternteile." - "Was trägst du unter der Schürze?" - "Kuchen und Wein, damit soll sich der kranke und schwache Großelternteil stärken." - "Rotkäppchen, wo wohnt diese Person?" - "Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus", sagte Rotkäppchen. Das Raubtier dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als der alte Mensch. Du musst es listig anfangen, damit du beide schnappst. Da ging es ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach es: "Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen. Warum guckst du dich nicht um?"

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voller Blumen stand, dachte es: Wenn ich unserem betagten Familienmitglied einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihm auch Freude machen. Es lief vom Wege ab, suchte die schönsten Blumen und geriet dabei immer tiefer in den Wald hinein. Das Raubtier aber ging geradewegs nach dem Haus des Großelternteils und klopfte an die Tür. "Wer ist draußen?" - "Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf!" - "Drück nur auf die Klinke! Ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen." Das Wolfsbiest drückte auf die Klinke, die Tür sprang auf und es ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der alten Person und verschluckte sie. Dann tat es ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Als Rotkäppchen so viele Blumen zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm der Großelternteil wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihm. Es wunderte sich, dass die Tür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir's heute zumut, und bin sonst so gerne hier! Es rief: "Guten Morgen", bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag das Familienmitglied und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. "Ei, Großelternteil, was hast du für große Ohren!" - "Dass ich dich besser hören kann!" - "Ei, Großelternteil, was hast du für große Augen!" - "Dass ich dich besser sehen kann!" - "Ei, Großelternteil, was hast du für große Hände!" - "Dass ich dich besser packen kann!" - "Aber, Großelternteil, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!" - "Dass ich dich besser fressen kann!" Kaum hatte das Raubtier das gesagt, so tat es einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

Wie das Exemplar der Gattung Wolf seinen Appetit gestillt hatte, legte es sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Das Mitglied des Berufsstandes der Jägersleute ging eben an dem Haus vorbei und dachte: Wie der alte Mensch schnarcht! Du musst doch sehen, ob ihm etwas fehlt. Da trat es in die Stube, und wie es vor das Bett kam, so sah es, dass das Wolfswesen darin lag. "Finde ich dich hier, du altes Sündentier", sagte das Mitglied der Zunft der Jägersleute, "ich habe dich lange gesucht." Nun wollte es seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, das Tier könnte den Großelternteil gefressen haben und er wäre noch zu retten, schoss nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolfswesen den Bauch aufzuschneiden. Wie es ein paar Schnitte getan hatte, da sah es das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Kind heraus und rief: "Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolfsbiest seinem Leib!" Und dann kam der alte Großelternteil auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Tier den Leib, und wie es aufwachte, wollte es fortspringen, aber die Steine waren so schwer, dass es gleich niedersank und sich totfiel.

Da waren alle drei vergnügt. Die Jagdfachkraft zog dem Wolfswesen den Pelz ab und ging damit heim, der Großelternteil aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder; Rotkäppchen aber dachte: Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir's ein Elternteil verboten hat.

(Nach einem Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm, die sich beim Lesen dieser Version vor Grimm im Grabe umdrehen würden.)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von metti am 07.03.2018:
Gender-Neusprech macht unsere Sprache nicht unbedingt besser, aber immerhin länger. Sollte ich mir vielleicht merken bei Aufträgen, die nach Buchstaben bezahlt werden. Und, nein: Der böse Wolf ist männlich. Immer. Es gibt ja keine bösen Frauen.

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