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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 19.03.2018. Rubrik: Menschliches


Großtante Gertruds Geografie

Geografie ist nicht jedermanns Sache. Angeblich ist für manche Schleswig-Holsteiner südlich von Hamburg alles Bayern und für manche Rheinländer östlich von Kassel alles Sachsen.

Weit seltener ist das andere Extrem. Wann immer die Rentnerin Gertrud Schäfer zur Tageszeitung griff, hatte sie sich vorher ihre Utensilien zurechtgelegt: die Lesebrille und den Atlas. Jeden ihr unbekannten Ortsnamen, auf den sie bei ihrer Lektüre stieß, schlug sie nach, mochte die Meldung auch noch so unbedeutend sein.

Ihrem Großneffen Finn und ihrer Großnichte Mona tat sie leid. „Wenn sie wenigstens googeln oder bei Wikipedia nachschauen würde“, seufzte Finn, „das ginge schneller. Aber sie scheut ja das Internet wie der Teufel das Weihwasser.“

„Ich bin schon froh, dass sie sich zu Weihnachten den neuen Atlas von uns schenken ließ“, sagte seine Schwester.

„Stimmt, ihr voriger war ja schon über fünfzig Jahre alt. Seitdem sind eine Menge Staaten verschwunden und neue entstanden. Aber sie sagte ja, es ginge ihr nur um die geografische Lage der Orte. Erst als ich ihr klarmachte, dass manche Orte heute ganz anders heißen, gab sie nach.“

Mona nickte. „Am schlimmsten ist es ja, wenn sie andere mit ihren Geografiekenntnissen belehren will. Ich sage mir dann immer: ‚Sei tolerant, wer weiß, wie du selber in dem Alter sein wirst.‘“

*

„Dein Kuchen schmeckt supergut, Tante Gerti“, sagte Mona. Einmal wöchentlich schaute sie bei der alleinstehenden Großtante vorbei, um für sie einzukaufen und ihr im Haushalt zu helfen. Gertrud revanchierte sich anschließend stets mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen.

„Freut mich, dass du das sagst. Ich habe das Rezept von einer Dame, die ich voriges Jahr in Bad Salzuflen kennenlernte. Dieser Kurort liegt in Nordrhein-Westfalen. Die Dame kam aus Osnabrück, was nicht weit weg von dort liegt, aber zu Niedersachsen gehört. Ihre Schwester, die sie begleitete, wohnte in …“

Nachdem die Großtante noch etwa fünf weitere Orte einschließlich der dazugehörigen Bundesländer aufgezählt hatte, unterbrach sie sich plötzlich: „Entschuldige bitte, vielleicht interessiert dich das gar nicht.“

„Deine Geografiekenntnisse sind wirklich beeindruckend, Tante Gerti“, erwiderte Mona, die laut ihrem Bruder eine Meisterin der Diplomatie war. Einer plötzlichen Eingebung folgend fragte sie dann: „Wie bist du eigentlich auf dieses Interessengebiet gestoßen?“

Mit der Reaktion der Großtante hatte sie nicht gerechnet. Eine sanfte Röte überflog die Wangen der alten Dame, und in ihre Augen trat ein ferner Blick. Schließlich sagte sie, während ein leichtes Lächeln ihre Lippen umspielte:

„Ich war damals noch keine zwanzig. Eines Tages kam ein junger Mann in unser Dorf. Ich verliebte mich in ihn… Aber dann musste er wieder heimreisen. Ich wusste nur, dass er Fritz hieß. Seinen Nachnamen nannte er nie. Als ich ihn fragte, wo er wohne, sagte er: ‚In Neustadt‘. Nach seiner Abreise suchte ich in einer Bibliothek nach seinem Heimatort und erfuhr, dass es Unmengen von Orten dieses Namens gibt. Es war unmöglich, jemanden zu finden, von dem man nur den Vornamen Fritz und die Ortsbezeichnung Neustadt kannte. Ich sah ihn nie wieder.“

„Wer weiß, was dir dadurch erspart geblieben ist!“, rief Mona aus. „Der Kerl WOLLTE nicht gefunden werden! Mit dem hättest du NUR Ärger gehabt! Wahrscheinlich waren sogar die Namen ‚Fritz‘ und ‚Neustadt‘ erstunken und erlogen!“

Die Großtante lächelte. „Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber damals habe ich meinem Schwarm lange nachgetrauert. Ich dachte: ‚Hätte ich doch nur gewusst, dass der Name Neustadt so oft vorkommt! Dann hätte ich Fritz gefragt, aus welchem dieser Orte er stammt und wo genau dieser liegt.‘“

Mona begann zu begreifen. „Und seitdem…“

„Ja“, nickte ihre Großtante, „seitdem habe ich mir angewöhnt, jeden mir unbekannten Ortsnamen nachzuschlagen. Es war übrigens sehr lieb von dir und deinem Bruder, mir den neuen Atlas zu schenken. Bring Finn doch bitte den Rest von dem Kuchen mit!“

„Danke, da wird er sich freuen. Nächste Woche hat er Urlaub und fährt mit ein paar Freunden nach Buchholz.“

Gertrud Schäfer runzelte die Stirn. „Nach welchem Buchholz?“

„Wieso, gibt es etwa auch DIESEN Namen häufiger?“, fragte Mona überrascht.

„Wahrscheinlich noch häufiger als den Namen Neustadt. Insgesamt in Europa 110 Mal!“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 20.03.2018:

Da macht Tante Gertrud mit den neuen Ortskenntnissen durch den Atlas ihren jüngeren Verwandten noch etwas vor. Durch die Geschichte bekommt man Lust, sich auch mit Geographie zu beschäftigen und Ortsnamen, die man im Radio oder Fernsehen hört, nachzuschlagen. Schön geschrieben!

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