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geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 22.08.2018. Rubrik: Märchenhaftes


Von Spatzen, die lieber Stieglitze wären

Zwei Spatzenmädchen, die Schwestern Pippi und Lotta, erblickten eines Tages einen wunderschönen Finken. Sein Kopf war rot, weiß und schwarz, und über jeden Flügel zog sich ein Streifen aus leuchtendem Gelb. „Was für ein Vogel bist du?“, fragte Pippi ehrfurchtsvoll.

„Ich bin ein Stieglitz, auch Distelfink genannt“, antwortete der Fremde und flog wieder fort.

„Wie schön er war!“, staunte Lotta. „Und wir sind bloß graubraun.“

„Ja, wir sind eben ganz gewöhnliche Spatzen.“

*

Einige Tage später erlebten Pippi und Lotta die nächste Überraschung. Auf einer Wiese war ein Maler vor seiner Staffelei eingeschlafen und schnarchte. Das Bild war schon fast fertig. „Guck mal, Lotta“, sagte Pippi, „er malt einen Stieglitz!“

„Tatsächlich, das ist der wunderschöne Vogel, den wir gesehen haben! Und hier ist die Palette, auf der der Maler die Farben mischt. Er schläft tief – können wir uns nicht gegenseitig mit den Farben anmalen, sodass wir aussehen wie Stieglitze?“

Pippi war angetan von der Idee, wusste aber nicht, wie sie sie in die Tat umsetzen sollten. „Der Pinsel ist doch viel zu groß für uns!“

Nach einigem Überlegen suchten und fanden die beiden einen dünnen, kurzen, aber festen Zweig, der ihnen für ihr Vorhaben geeignet erschien. Abwechselnd nahm jede von ihnen den Zweig in den Schnabel, tauchte ihn in die Farben und bemalte die jeweils andere. Immer wieder schauten sie dabei auf das Bild, das ihnen als Muster diente. Um Zeit zu sparen, begnügten sie sich mit den beiden auffälligsten Farben: Rot fürs Gesicht, Gelb für die Flügel. Sie mussten dabei äußerst vorsichtig sein, damit keine Farbe in die Augen geriet und die Flügel nicht verklebt wurden.

„Schön siehst du aus!“ – „Und du auch!“ – „Los, wir fliegen zum See und betrachten unser Spiegelbild im Wasser.“

Gesagt, getan. Als die beiden sich im Wasser spiegelten, gerieten sie völlig aus dem Häuschen. „Wir sind Stieglitze! Alle werden uns bewundern! Die Amsel dahinten guckt schon ganz neidisch!“

Doch dann kam der Schreck ihres Lebens. Von hinten wurde ein Netz über sie geworfen. Eine Männerstimme triumphierte: „So ein Zufall! Zwei Stieglitze! Die wollte ich schon immer für meine Volière haben!“ Ehe Pippi und Lotta begriffen, was mit ihnen geschah, wurden sie in einen Käfig verfrachtet. Diesen stellte der Mann auf die Rückbank seines Autos. Dann warf er ein Tuch über den Käfig und fuhr los.

Erst jetzt erwachten Pippi und Lotta aus ihrer Erstarrung. Verzweifelt schrien sie: „Wir sind keine Stieglitze! Wir sind Spatzen! Lassen Sie uns raus!“

Leider verstand der Mann die Vogelsprache nicht. „Ruhe dahinten!“, rief er. „Komisch, ich dachte, Stieglitze hätten schönere Stimmen. Ihr tschilpt ja wie Spatzen. Na, ihr scheint ja auch noch sehr jung zu sein.“

„Was machen wir nur?“, fragten sich die Schwestern in Panik. „Wir müssen ihm beweisen, dass wir Spatzen sind. Die will er für seine Volière bestimmt nicht haben. Wir müssen die vermaledeite Farbe wieder loswerden. Aber wie? Solange es so dunkel ist, können wir sie ja nicht einmal sehen!“

Zumindest das letztgenannte Problem löste sich bald. In einer Kurve verrutschte das Tuch über dem Käfig und ließ etwas Licht hinein, gerade so viel, dass Pippi und Lotta die Farbe auf Gesicht und Flügeln der jeweils anderen erspähen konnten. „Wie kriegen wir sie wieder runter? Sollen wir sie uns gegenseitig abpicken?“ – „Nein, sie ist bestimmt giftig!“

Schließlich beschlossen sie, sich die Farbe auf den Flügeln gegenseitig mit den Krallen abzukratzen. „Nicht die auf dem Kopf, das könnte die Augen verletzen. Es braucht ja nur wenig Farbe abzugehen. Hauptsache, der Mann merkt, dass wir angemalt sind. Und außerdem müssen wir laut tschilpen, wenn er uns aus dem Auto holt. Ihm ist ja bereits aufgefallen, dass wir Spatzenstimmen haben.“ (Tiere verstehen die Sprache der Menschen meist besser als umgekehrt.)

Als der Mann das Auto vor seinem Haus geparkt hatte, nahm er den Käfig heraus und streifte das Tuch ab. Im selben Augenblick stimmten die beiden Insassinnen ein ohrenbetäubendes Tschilpen an und drehten sich so, dass er ihre Flügel und ihre Füße sehen konnte. Erstere waren wieder mehr graubraun als gelb, letztere mit Farbe verschmiert.

„Das darf nicht wahr sein“, stammelte er. „Ihr seid ja gar keine Stieglitze! Ihr seid angemalte Spatzen!“ Enttäuscht und wütend öffnete er die Käfigtür. „Raus mit euch!“

Nie waren Vögel schneller geflogen als Pippi und Lotta. Auf der Spitze eines hohen Baumes ließen sie sich schließlich völlig erschöpft nieder. „Das ist gerade noch mal gut gegangen! Aber – wo sind wir eigentlich?“

Beide guckten ringsum. Die Gegend war ihnen völlig fremd. Schließlich sprachen sie eine Meise an. Da diese sie wegen ihres merkwürdigen Aussehens sehr misstrauisch beäugte und ihnen zuerst gar nicht antworten wollte, erzählten sie ihr alles. „Ja, von dem Vogelfänger habe auch ich schon gehört. Geschah euch ganz recht. So ein Irrsinn, sich als Stieglitze anzumalen. Die Stadt, aus der ihr kommt, ist ungefähr zehn Kilometer von hier entfernt. Das schafft ihr nie. Es fährt aber ein Bus dorthin. Wenn ihr euch aufs Dach setzt, könnt ihr als blinde Passagiere mitfahren. Da hinten ist die Haltestelle. Vorher solltet ihr euch im Teich daneben noch die Farbe abwaschen, zumindest das fürchterliche Rot.“

Dankbar nahmen Pippi und Lotta die Ratschläge an. Während der Fahrt auf dem Busdach fiel ihnen bereits das nächste Problem ein. „Was sollen wir den Eltern sagen? Sie sind bestimmt schon verrückt vor Sorge. Und wenn sie erfahren, was passiert ist, werden sie noch mehr schimpfen als die Meise.“ – „Zum Glück haben wir die Farbe ja ganz abwaschen können. Wir brauchen also davon gar nichts zu erzählen. Sondern nur, dass ein Vogelfänger uns in seinem Netz gefangen hat und wir uns befreien konnten.“ – „Na, hoffentlich geht das gut. Du weißt doch, Mama kriegt immer alles raus, was wir angestellt haben.“

Als der Bus in der Nähe ihrer Straße hielt, flogen sie vom Dach fort und steuerten ihr Nest an. Bereits von weitem sahen sie ihre Mutter. „Da seid ihr ja endlich!“, rief sie ihnen entgegen. „Ich weiß alles!“

Pippi und Lotta stellten sich dumm. „Was?“

„Ihr habt euch als Stieglitze angemalt und seid in das Netz des Vogelfängers geraten.“

Leugnen war zwecklos. „Woher weißt du das?“, fragte Pippi.

“Von einer Amsel. Sie hat mitbekommen, wie er euch einfing. Zuerst hatte auch sie euch für Stieglitze gehalten. Aber dann sah sie auf der Wiese das Durcheinander, das ihr auf der Palette des Malers angerichtet hattet. Und auch das Bild auf seiner Staffelei. Da fiel ihr ein, dass die vermeintlichen Stieglitze euch geähnelt hatten. Leider seid ihr ja in der ganzen Stadt für eure Albernheiten bekannt. Die Amsel ist dann sofort zu mir geflogen, hat mir alles erzählt und mich beruhigt, dass der Fänger euch freilassen würde, sobald er merkt, dass ihr Spatzen seid. Zwar weiß niemand, wo er wohnt, aber er ist dafür bekannt, dass er in seiner Volière nur bunte Vögel haben will. Hoffentlich war euch diese Sache eine Lehre fürs Leben. Wenn man ein Spatz ist, soll man kein Stieglitz sein wollen.“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 23.08.2018:

Eine wunderbare Fabel! Man sollte nicht das sein wollen, was man nicht ist, sonst könnte es mal schlecht ausgehen. Sehr schön geschrieben.




geschrieben von Wossi van Kitzelmaus am 31.08.2018:

Bis die Spatzen wieder frei kamen, fand ich es eine klasse Fabel. Wie ich es bei dir gewohnt bin. Der Rest kam bei mir nicht ganz so gut an. Eine Fabel braucht nicht unbedingt erklärt werden und als Erklärung kam es bei mir an.

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