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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Erzähloma.
Veröffentlicht: 24.09.2023. Rubrik: Persönliches


*Wie ich dem Weltschmerz entflohen bin

In einem Haus am Stadtrand bin ich aufgewachsen, ständig umsorgt, eigentlich pausenlos bewacht, wenn man so will. Also flüchtete ich mich bereits als Vierjährige, so gut es ging, in irgendwelche versteckte Winkel in unserem Garten, wo ich allein sein konnte. Ganz alleine mit meinen Ideen und meiner Phantasiewelt, in der es weder Kontrolle, noch Betrübtheit gab. „Ich bin wieder 'in der Seele'“,beruhigte ich meine Mutter, der ich Rechenschaft über meine Spielerei im Garten abzulegen hatte. Was ich auch damals mit diesem vielsagenden Wort ausdrücken wollte, es fühlt sich heute noch immer richtig an für mich.

Stundenweise vor mich hingeträumt habe ich 'in meiner Seele' ganz am Zaun im Vorgarten, wo der Borkenkäfer Gänge in die Staketen und Gurtenstange gefressen hatte, die ich nebenher, ganz versonnen auspulte. Unbeobachtet verweilend, versteckt, hinter dem fremdartigen Bienenfreund-Strauch, der zwischen handtellergroßen, klebrigen Blättern zartrosa Blüten trieb. Schon damals sind mir in meinem Innern Geschichten vorgeschwebt, über meine Zukunft, über was weiß ich. Auf alle Fälle weg vom Weltschmerz meiner Kinderstube. Weg vom bestimmenden 'Gluck-Gluck' meiner Mutter, sowie von meinem biertrinkenden Vater, der mich nicht wirklich hat leiden können.

Als ich dann in die Schule kam, was meinen Eltern nicht zu verhindern gelang, war ich zu ihrem Erstaunen höchst gelehrig. Hinten in unserem Garten gab es zum Nachbarn hin eine alte, braun gestrichene Bretterwand, die kam mir recht, die schrieb ich voll mit meinen Geschichten. Niemand nahm mich ernst, alle lächelten kopfschüttelnd über mein Geschreibsel. Stundenlang spielte ich Schule, weil ich mich dabei in eine verstehbare, berechenbarere Welt versenken konnte, unbemerkt.

Keiner kann sich meine freudige Erleichterung vorstellen, als ich mir, zehnjährig, aus der Fernsehzeitung eine gleichaltrige Brieffreundin suchen durfte. Wie ein Ventil war das schriftliche Erzählen für mich, auch wenn meine Briefe von meiner ach so fürsorglichen Mutter natürlich zensiert wurden. Trotzdem war es mir möglich, mich mitzuteilen, wobei sämtliche Erlebnisse in 'furchtbar' oder 'herrlich' eingeteilt wurden. Meine erste Brieffreundin ist mir bis heute ein wertvoller Kontakt. Sie hat sich damals sogar mein allererstes Anschreiben aufgehoben, mit dessen Kopie sie mich an unserem fünfzigsten Jahrestag überraschte. Treu sind wir uns geblieben.

Nicht zuletzt konnte ich mir dadurch selbst treu bleiben. Das geradezu exzessive Schreiben hat mich vom jähen Weltschmerz abgelenkt, als mich meine tyrannischen Eltern nicht weggehen ließen, hin zu anderen Jugendlichen, während der Pubertät. Soweit ausgebaut hatte ich meinen Schreibeifer, dass der Postbote an meinem sechzehnten Geburtstag an der Haustüre klingeln musste, weil es ihm nicht gelang, den Berg an bunten, stickergeschmückten Kuverts in unseren geräumigen Briefkasten zu stopfen, so viele waren es. Sogar ein paar Jungs waren darunter, da hatte meine Mutter wohl nicht ganz so gut aufgepasst.

So bin ich also durch mein Leben gekommen, tagträumend, gedankenverloren, den Ernst mancher Situation, den Weltschmerz womöglich nicht wirklich erfassend. Meine Geschichten sind mir geblieben, und freilich, ungetrübt, die Freude am erzählenden Schreiben. Dieses stille Vergnügen, dessen Ergebnis ich hier mit euch teilen möchte.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Erzähloma am 01.10.2023:

Mit dieser Geschichte endet vorerst mein 'Griff in die Nostalgiekiste', jedenfalls geht hiermit mein Vorrat aus 'einer früheren Schaffensphase' zur Neige. Vielleicht fällt mir ja noch etwas ein, oder ich probiere mich bei Geschichten aus meiner Gegenwart aus? Die neuesten Stories aus meiner Feder möchte ich unter dem Profil 'Babuschka' sammeln. Ob es sich dabei um eine gute Idee handelt? Mal sehen....


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