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geschrieben 2026 von En-hedu-ana (En-hedu-ana).
Veröffentlicht: 08.02.2026. Rubrik: Persönliches


In Nöten mit Goethen - Teil 3: Mit all meiner Kraft

Erst die Wende lehrte uns, dass Namen, aber vor allem auch Titel, eben nicht Schall und Rauch seien, dass sie, ganz im Gegenteil, erst den Genius fassen. Was hättest du dazu gesagt? Sollte ich Eckermann fragen?

Es klingt nach Ironie, dass du mir gerade in dieser neuen Zeit, die so viel Freiheit versprach, immer fremder wurdest. Das kindliche Auge schloss sich und das Gymnasium forderte, dich auf besonders analytische Weise zu lesen. Keine Frage, ich bin dankbar für meine Bildung, doch tat sie sich, ganz wie die Rosen in meinen Kindheitstagen, als etwas hervor, was sie nicht war. Wir lasen Faust und zerlegten ihn in Häppchen, um ihn anschließend wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. So machten wir’s mit allem. Das schmeckt nach wahrer Intellektualität. Und doch – was war’s? Nichts weiter als ein hohler Zahn. Den Wagner, Fausts Schüler, hatten wir zu lesen als einen unterwürfig, dienstbereiten, dieser Welt verhafteten Fachidioten, der sein Heil einzig in den Büchern zu finden glaubt und obendrein der Welt Nase rümpfend gegenübersteht. Ein Spießbürger im Lehrgewand – ganz im Gegensatz zu Faust, dem Genie, das wissen und immer nur wissen möchte und dabei auch die Grenzen des Wissbaren überschreitet.

Wer Faust liest, wird erkennen, dass hier, statt konkreter und kleinteiliger Analyse und Interpretation der Szenen, Plattheit gefördert wurde. Zwar hält das dem Vergleich mit der heutigen Verwertung an Gymnasien und gymnasialen Oberstufen noch nicht stand, lässt sich aber nur allzu leicht als Mutter jener Verflachung durch Vereinfachung benennen.

Kurzum: Wer ist Wagner? Ich las erst neulich wieder im Faust und stolperte – nicht nur über deine Kunst, hochkomplexe Charakterbilder in wenigen Zeilen zu entfalten, sondern auch über einen Wagner, der mir plötzlich so menschlich erschien, dass ich mich ihm verbunden sehe. Während Faust vor dem Tor recht großsprecherisch über die zwei Seelen in seiner Brust philosophiert, ist es Wagner, der konkret vor der zweiten warnt. Dem Leser entgeht nicht, dass er, ebenso wie Faust, bereits Kontakt mit der Sphäre des Unheimlichen hatte, dass er es aber vorzieht, allein im Diesseits zu verweilen. Ist’s Angst, die ihn treibt? Vermag er des Pudels Kern nicht zu sehen, weil er beschränkt ist? Oder weil ihn die Erfahrung lehrt, dass es nicht gut ist, in die Welt hinter der Welt vorzudringen. Wann hast du den Zauberlehrling geschrieben? Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nimmer los … Ist’s Faust, der hier spricht, oder nicht eher Wagner? Im Zweiten Faust wird Wagner tatsächlich zum Zauberlehrling.

Wagner. Man könnte ihn für einen Pedanten halten, für jemanden, der das wirkliche Leben nicht kennt, für einen Spießer, der sich in sich selbst verkriecht. Man könnte ihn sogar für unethisch halten, denn du lässt ihn sagen, dass in der Wissenschaft der Zweck die Mittel heilige. Faust hingegen bereut sein Wirken, beklagt die vielen Opfer seiner Quacksalberei während der Zeit der Pest. Doch sieht man auf das Ende des Werkes: was zählst dann noch seine Reue? Wie ging er mit Gretchen um? Ist Wagners Urteil über die Wissenschaft wirklich unethisch? Objektiv gesehen ja, aber zwang die Zeit nicht zu solch einem Denken? Und ist er in diesem, seinem Denken nicht ehrlicher als Faust?

Du gibst uns keine Deutungen vor, lässt deine Figuren nur agieren. Figuren? Es sind Menschen. Du stellst sie mit ihren Fehlern und Schwächen, mit ihren Träumen und Sehnsüchen und Hoffnungen dar. Du entlässt den Leser in die Freiheit des Denkens, des Fühlens, des Erspürens, auch und gerade des eigenen Seins.

All das weiß ich heute – damals war ich verstrickt, blockiert, blind, taub, stumm.

In der Klausur ging es um die Frage, ob die Gretchentragödie nicht die Forderungen der Aufklärung – man erinnere sich an Kant – als Utopie demaskiere. Ich versagte kläglich, weil ich, statt zu erörtern, nur nacherzählte. Thema verfehlt. 5!

Tränen traten mir in die Augen, denn ich begriff: du warst nicht mehr mein Goethe, sondern nur noch der Inhalt einer der vielen Schulschubladen, die ich, weil ich dich nicht verstand, mit all meiner Kraft zuhalten musste.

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