Veröffentlicht: 06.04.2026. Rubrik: Aktionen
Von der Katze und der Hexe
Lautlos schlich die Katze durch das Unterholz. Ihre samtenen Pfoten mieden jedes trockene Stöckchen, das ihr im Weg lag, sodass kein Knacken ihr Kommen verraten konnte. Wenn ihr Körper an den Blättern entlang strich, bewegten die sich anschließend so sanft hin und her, als hätte sie gerade der spielerische Hauch eines Windes gestreichelt und sofort wieder von ihnen abgelassen. Ihr schwarzes Fell verschmolz mit dem Dunkel der Nacht zu einer nicht zu unterscheidenden Einheit. Nur das gelbliche Funkeln der Augen vermochte sie nicht vollends zu verbergen, denn die brauchte sie zum Erspähen ihrer Beute.
Doch auch das geriet der Katze nicht zum Nachteil. Der kleine Nager, dem sie nachstellte, war nicht gewieft genug, den Schein ihrer Augen vom Aufblitzen des Mondlichts auf einem nachtfeuchten Blatt zu unterscheiden. Als sie sich der Maus bis auf einen Sprung genähert hatte, zögerte sie nicht mit dem Losschlagen. Sie schnellte nach vorn. Ihre Tatzen angelten zielsicher nach der Beute, die ein letztes Piepsen von sich gab als die Katzenkrallen sich in sie bohrten.
Die Katze war zufrieden. Heute würde sie kein leerer Magen quälen. Aber leider endeten nicht alle ihrer Jagdzüge so erfolgreich wie dieser. Oft genug zog sie bei dem Spiel um Leben und Tod den Kürzeren und konnte ihrem erhofften Opfer nur tatenlos hinterherschauen. Das hieß für sie zwar nicht, sterben zu müssen, aber immerhin bedeutete ein verpatzter Beutezug Hunger. Und das war ein ärgerlicher Zustand. Mehr als einmal hatte sie deshalb darüber nachgegrübelt, ob es für sie nicht eine Gelegenheit gab, einen Platz zu finden, an dem sie versorgt werden würde, ohne dem lästigen Jagen zu frönen. Bisher war ihr keine Lösung für dieses Problem eingefallen.
Als ihr Magen mit dem Verdauen des fetten Mäuschens begann, rotierten in ihrem Kopf wieder einmal die Überlegungen zu der obigen Angelegenheit heftig im Kreis. Die Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchten, verlangten die volle Konzentration der Katze, was gezwungenermaßen dazu führte, dass sie das Geschehen in der unmittelbaren Umgebung außer Acht ließ. Eine solche Nachlässigkeit verzieh die Wildnis nur selten. So kam es, wie es kommen musste. Während ihre Gedanken sich durch Berge von Problemen wälzten, spürte sie plötzlich einen schmerzhaften Griff im Genick. Bevor sie es sich versehen konnte, wurde sie in die Höhe gerissen. Die Zweige und Äste des Busches, die ihre bis jetzt Schutz geboten hatten, zerzausten ihr Fell und hinterließen eine hässliche Schramme zwischen Nase und Augen.
„Was für ein leckerer Happen!“, kicherte eine brüchige Stimme ins Ohr der Katze.
Genauso brüchig war der Anblick, den die Katze von der Besitzerin der Stimme im fahlen Licht des Mondes erhaschen konnte. Eine spindeldürre Person hielt sie in ihren Klauen. Deren faltiges Gesicht, halb von einer zottligen Mähne bedeckt, wurde von einer überdimensionierten gekrümmten Nase dominiert, neben der zwei glühende Augen, ähnlich den Ihren, auf sie starrten. Zudem kam es der Katze so vor, als schleppe das Wesen ein paar verdorrte Büsche auf dem Rücken mit sich herum. „Was hast du mit mir vor?“, fauchte sie.
„Ich habe dich beobachtet.“ Erneut kicherte die Kreatur. „So, wie du dir die Maus geschnappt hast, scheinst du eine talentierte Jägerin zu sein. Allerdings bin ich etwas talentierter als du, deshalb kann ich jetzt mit dir dasselbe machen, was du mit dem Nager getan hast. Ich werde dich verspeisen.“
Diese Antwort überraschte die Katze nicht. Wenn jemand so spindeldürr wie ihre Fängerin war, musste jeder, der ihr in die Klauen geriet, damit rechnen, gefressen zu werden.
„Wenn ich gewusst hätte, dass dich der Hunger derartig peinigt, hätte ich dir die Maus natürlich überlassen.“ Die Katze spielte auf Zeit.
„Das hast du ja auch“, sinnierte das Wesen. „Indem du dich von mir fressen lässt, kriege ich ja auch die Maus serviert.“
„Du bist aber eine gescheite …“ Die Katze geriet ins Stocken. „Wer oder was bist du eigentlich?“
„Ich sehe zwar nicht danach aus“, outete sich da ihr Gegenüber. „Aber ich bin eine Hexe.“
Jetzt fing die Katze an zu kichern. Damit nicht genug brach sie bald darauf in ein schallendes Gelächter aus.
Die Hexe sperrte ihren Rachen auf. „Gleich wird dir das Lachen vergehen!“
Doch die Katze hörte nicht damit auf. „Willst du nicht wenigstens wissen, warum ich lache?“
Die Hexe klappte ihre Kiefer wieder zusammen. „So viel Zeit habe ich noch. Also warum?“
„Weil du niemals eine Hexe sein kannst!“, behauptete die Katze frech.
„Ich sehe nicht aus wie eine, bin aber eine“, wiederholte die Hexe ihr Argument.
„Und wo ist die schwarze Katze, die jede Hexe auf ihrem Buckel mit sich herumschleppt?“ Die Katze schaute sich suchend um. „Wenn sie dir auf der Schulter gesessen hätte, wäre mir natürlich von vornherein klar gewesen, was du bist und ich müsste nicht daran zweifeln.“
Vor Überraschung ließ die Hexe die Katz fallen, die sich vor sie setzte. Beide schauten sich mit ihren glühenden Augen an. Schließlich stellte die Hexe fest: „So ein Zufall. Du bist ja eine schwarze Katze.“
„Genau!“, bestätigte die so Erkannte.
„Und du gehörst nicht zufällig einer Hexe?“, ging das Verhör weiter.
„Noch nicht“, war die Antwort.
„Dann könntest du sozusagen meine schwarze Katze werden!“ Die Hexe klang zuversichtlich.
„Unter Umständen“, schränkte die Katze ein.
Aus dem Gespräch wurde ein Feilschen um die Konditionen, zu denen sich die Katze bereit erklärte, sich der Hexe anzuschließen. Irgendwann einigten sie sich und das Maskottchen sprang auf die dargebotene Schulter.
Nach dieser Win-Win-Vereinbarung zog das Duo gemeinsam los. Die eine musste in Zukunft nicht mehr selber jagen und die andere blieb fortan vor der lästigen Frage verschont, was sie denn überhaupt sei.
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