Veröffentlicht: 12.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Urlaubsstimmung
Urlaubsstimmung
Endlich war es wieder so weit. Urlaub stand in großer
Schrift im Kalender. Ein Jahr im Vorfeld geplant und ge-
bucht. Wir wollten in den Norden oder war es der Süden?
Aber seit ein paar Tagen regnete es überall unaufhörlich.
16 Grad sind keine sommerlichen Temperaturen. Gebucht
ist gebucht.
„Was machen wir den ganzen Tag, wenn es regnet?„
fragte mein Liebster. Wir nehmen uns mal richtig wahr
und reden über alles“. Sagte ich und verdrehte dabei ent-
zückt die Augen.
Ein Tag vor der Abreise wurden die Koffer gepackt.
Vor mir lag der vorbereitete Haufen seiner Klamotten. Oh
Mann, für zwei Wochen zwei hässliche Schlüpfer. Über-
setzt hieß es, bitte keinen Sex. Aber dieser kaputte Stroh-
hut sollte mit. Heimlich tauschte ich seine T-Shirts und
Hemden aus. Dazu Schlüpfer mit erotischem Muster. Die
Hoffnung stirbt zu letzt. Ich war vorbereitet. Auf seinem
Bett lagen für zwei Wochen acht Bücher, das hieß bitte
nicht quatschen. Na, der wird sich wundern. Ich hatte eine
Powerpointpräsentation vorbereitet. Thema: Der Winter-
schlaf ist vorbei. Wie kann ich meinen Partner besser
verstehen?
Wir wollten mit dem Zug fahren. Platzkarten gab es
nicht mehr. Acht Stunden Fahrt zu unserem Zielort und
nur dreimal umsteigen, ist nicht schlimm. Problematisch
waren die Umsteigezeiten, vom Gleis 4 zum Gleis 7 in
drei Minuten. Das hieß sportlich sein, was niemand von
uns beiden war. Zum Glück hatte ich einen Rollkoffer,
ohne Rollen. „Nimm doch den anderen Koffer. „Nein,
der sieht scheiße aus und passt nicht zu meiner Hand-
tasche.“ Jetzt verdrehte mein Mann die Augen.
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Wir stiegen aus dem Zug bei strömenden Regen. Ich
starrte auf mein Handy, 32.000 Schritte. „Was ist das
eigentlich für eine Unterkunft, die du gebucht hast?“fragte
ich ihn. „Hat mir Gunter empfohlen.“ Gunter, der blinde
Kollege von dir?“ Das „ja“ kam von ihm zögerlich. Ich
habe nichts gegen Menschen mit Behinderung, aber in
dem Fall, schon ein Risiko, dachte ich so vor mich hin.
Der Schlüssel lag, wie verabredet natürlich nicht un-
ter dem Stein, neben der Tür. Die Möbeleinrichtung war
von der letzten Wohnungsauflösung des Vermieters übrig
geblieben. Ich war entsetzt, aber zu müde, um die pas-
senden Worte zu finden.
Uns als Paar, welches seit über 30 Jahren zusammen-
lebt, kann nichts erschüttern. Es wurde ein Urlaub voller
emotionaler Momente, auf die wir nicht vorbereitet waren.
Wir lernten uns neu kennen.
Wir sprangen nackt bei 14 Grad durch die Pfützen. Am
Lagerfeuer sangen wir laut Partisanenlieder. Im Wald
sammelten wir Beeren und Kräuter. Unsere Ernährung
bestand aus den kleineren Tieren des Waldes. Die wir
mit einer selbstgebastelten Harpune erlegten. Da wir un-
sere Handys verbuddelt hatten, verliefen wir uns schon
am nächsten Tag. Wir fanden uns erst nach einer Woche
wieder. Was für ein Wiedersehen. Mein Mann hatte inzwi-
schen einen Vollbart und bei mir war der Lack ab, nicht
nur an den Nägeln.
Jeden Abend fand eine Buchlesung statt, mit anschlie-
ßendem Gespräch. Wir lebten unsere verborgene Kre-
ativität aus, indem wir uns gegenseitig mit Fingerfarbe
bemalten. Unsere Körper waren mit bunten Blumen ge-
schmückt. Manche Stängel und Blüten ließen allerdings
ihre Köpfe hängen, natürlich nur bei mir.
Unsere Wäsche habe ich im angrenzenden Bach ge-
klopft, und danach geschleudert. Die Oberteile konnten
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wir dann als Netze für das Fangen von Fischen benutzen.
Durch die Umstellung unserer Ernährung fielen uns die
Kleider von unseren dünnen Körpern. Die Zähne im Mund
wurden auch immer weniger. Bei der täglichen Morgen-
runde, stellten wir immer mehr fest, dass unsere inneren
Werte mehr Gewicht bekamen.
Der Urlaub ging dem Ende entgegen und wir befürch-
teten, dass wir nicht mehr in das alte Leben zurückkehren
konnten. Wir wollten es auch nicht mehr. Wir haben unse-
re Habseligkeiten verschenkt.
Wir leben jetzt in einem Baumhaus und das ist gut so.
Allerdings ist es eine Birke, deren Zweige uns nicht mehr
länger halten werden. Da wir unsere ganze Aufmerksam-
keit dem Überleben der Pflanzen- und Tierwelt gewidmet
hatten, wussten wir, was zu tun sei. Das Baumhäuser ein-
mal zu einem Business werden könnte, damit hatten wir
nicht gerechnet.
Inzwischen sind wir in einem Wald, von dem jeder zweite
Baum ein Haus in den Ästen hat. Die Bäume krächzen
nicht vor Altersschwäche, sondern vor Schmerzen. Über-
all sind die Bäume voller Löcher und Nägel.
So suchten wir eine neue Möglichkeit ohne viel Luxus
zu überleben und ohne der Natur Gewalt an zu tun.
Vielleicht ziehen wir nach Hellersdorf, dort soll es auch
schön grün sein.
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Bin ich eine Sammlerin oder eine Jägerin?
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