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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 09.04.2026. Rubrik: Spannung


Der Recke

„Schließt das Tor!“, ertönte eine laute Stimme aus dem Fenster des Turmes, der über dem Einlass zur Festung thronte, nach unten. Nichts geschah darauf. Auch auf den zweiten Ruf reagierte niemand. Als auch das dritte „Schließt das Tor!“, verhallte, ohne das der Aufforderung Folge geleistet wurde, kletterte der Turmwächter mit einem lauten Fluchen auf den Lippen die knarzende Stiege herab, übe die der Turm erreicht und verlassen werden konnte.

Unten wäre er beinah über die Beine des Kerls gestolpert, der das Tor eigentlich hätte verschließen müssen. Er lag schnarchend auf einer Schütte Stroh. Ein umgekippter, zur Seite gerollter Weinkrug verriet dem Turmwächter, warum sein Kumpan am helllichter Tage, dazu noch auf Posten, hinweggeschlummert war. Er versuchte, das Torgitter allein herunter zu lassen. Als das misslang, trat er wütend nach dem Saufkumpan. Sein Tritt erwischte den im Kreuz. Jammernd rappelte sich der Trunkenbold hoch. Bevor er eine Frage stammeln konnte, herrschte ihn der Turmwächter an: „Hoch mit dir! Wir müssen das Tor schließen.“

Zum Glück schien der Wein ihm noch so viel Verstand gelassen zu haben, dass er begriff, was von ihm verlangt wurde. Gemeinsam gelang es den Beiden, das Vorhaben umzusetzen.

Ketten rasselten und mit einem misstönenden metallischen Ächzen, senkte sich ein rostiges Gitter herab und verschloss den einzigen Zugang zur Burg. Dieses hier nur selten zu hörende Geräusch, trieb zwei Dutzend verwegen aussehender Gesellen aus den Häusern, die den Burgplatz säumten. Sie rieben sich verdutzt die Augen. „Was ist los?“, brüllten sie. „Warum dieser Lärm?“ Es wurden noch eine Menge anderer wütender Fragen gestellt.

Der Turmwächter ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Erst als sich abzeichnete, dass jeder alles heraustrompetet hatte, was ihm auf der Leber lag, meldete er sich zu Wort. „Ruhe!“, verlangte er. Überraschenderweise kehrte eine solche auch ein. Allerdings nur im Inneren der Burg. Über ihren Mauern und über den Dächern der Gebäude ertönte dagegen ein nervendes Gekreische. Die Männer legten ihre Köpfe in den Nacken. Ein Schwarm schwarzgefiederter Vögel, der die Feste hoch oben umkreiste, entpuppte sich als Verursacher des Lärms.

Der Turmwächter zeigte mit der Hand in die Höhe. „Wisst ihr, was das bedeutet?“
Seine Kumpane glotzten ihn fragend an.

„Ihr habt euren Verstand wahrlich versoffen. Es hat keinen Sinn, an euch auch nur ein vernünftiges Wort zu richten“, wollte er schon resignieren. Doch dann besann er sich eines anderen. „Als man uns hierher abkommandierte, hat man uns doch eingebläut, dass große Gefahr in Verzug ist, wenn die Vögel einen solchen Aufruhr veranstalten.“

Einige nickten, als würden sie sich daran erinnern. Die meisten starrten jedoch weiter entgeistert in die Lüfte.

„Wir werden bald wissen, ob die Warnung ernst gemeint war“, stellte der Turmwächter klar. „Deshalb müsst ihr jetzt eure Waffen holen, denn wenn sie uns damals keinen Bären aufgebunden haben, werden wir die brauchen.“

„Und was, wenn uns mit diesem Ammenmärchen nur Angst eingejagt werden sollte und es gar nicht stimmt?“, wollte ein besonders vorwitziger Geselle wissen.

„Dann“, fauchte ihn der Turmwächter an, „ist das auch kein Beinbruch, weil du elender Trunkenbold dann wenigstens wieder einmal dein Schwert findest, von dem du gar nicht mehr weißt, wo es abgeblieben ist. Oder kannst du mir vielleicht verraten, unter welchem Bett es verstaubt?“

Mit hängendem Kopf machte sich der Zurechtgewiesene auf und davon. Ein paar der Kerle taten es ihm gleich. Die Mehrzahl blieb jedoch einfach an Ort und Stelle und machte keine Anstalten, sich zu bewaffnen.

In der Zwischenzeit war einer der Männer hinauf in den Wachturm gestiegen. Von dort oben erklang jetzt sein Gelächter, das selbst das Vogelgekreische übertönte. „Ich sehe die große Gefahr kommen. Es ist … es ist …wartet … lasst mich zählen … es ist ein einziger Mann, der sich zu Fuß nähert.“

Die Meute stürzte zum Tor. Tatsächlich schritt eine einzelne Gestalt mit weit ausgreifenden Schritten auf die Festung zu. Als der Fremde vor dem herabgelassenen Gitter angekommen war, nahm er ein mächtiges Zweihandschwert von den Schultern und rammte es vor sich in das festgefahrene Erdreich. „Ich bin Wojownik, ein einsamer Pilger“, stellte er sich vor. „Bitte gewährt mir Einlass!“ Um seiner Bitte etwas Nachdruck zu verleihen, nestelte er einen Beutel vom Gürtel, steckte seine Hand durch eines der Gitterquadrate und warf ihn einen der dicht am Tor stehenden Kerle zu. „Gold!“, jubelte der, als er einen Blick in den Beutel geworfen hatte.
Das Gitter glitt mit dem gleichen, jetzt aber fast warnend klingenden Ächzen in die Höhe, mit dem es auch herabgelassen worden war.

Als der Einlass zur Burg offenstand, riss Wojownik sein Schwert aus dem Boden. Doch anstatt es wieder zu schultern, hieb er damit ohne Vorwarnung mitten hinein in die dicht beieinanderstehende Schar. Er hielt erst inne, als niemand mehr stand. Dann widmete er sich denen, die auf das entsetzte Geschrei ihrer Kumpane hin aus den Häusern auf den Burghof strömten. Zwar hielten die jetzt zum großen Teil Schwerter oder Spieße in den Händen, doch vermochten sie damit nichts gegen Wojownik Kampfkunst auszurichten. Nicht einmal ihre Überzahl gereichte ihnen zum Vorteil. Er mähte sie einfach nieder, egal, ob sie ihn einzeln oder zu mehreren bedrängten.

Irgendwann stand nur noch der umsichtige Turmwächter aufrecht. Allerdings verzichtete er darauf, den so furchtbar wütenden Recken zu attackieren. Von der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens überzeugt, richtete er sein Schwert gegen sich selbst und stürzte sich hinein.

Als er zu Boden gesunken war, legte sich plötzlich eine völlige Stille über die Walstatt. Die Vögel, die das Gemetzel mit ihrem Kreischen orchestriert hatten, verstummten schlagartig. Wojownik reckte ehrfürchtig seine blutverschmierte Klinge nach oben, als wollte er mit dieser Geste den Gefiederten seinen Gruß entbieten. „Nun meine Freunde“, rief er ihnen zu. „Es ist angerichtet. Ich lade euch zum Mahl.“

Diese Einladung musste er nicht wiederholen. Sobald seine Worte verklungen waren, stürzten die Vögel herab und begannen, sich an dem schaurigen Buffet zu laben.


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Viel Spaß beim Stöbern und Lesen

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