Veröffentlicht: 27.06.2026. Rubrik: Fantastisches
Das Athana-Projekt - Teil 5(5)
Hinweis: Die komplette Story ist in der pdf des Posts von Teil 1 verfügbar.
Fünf
Fassungslos stand Trish zwischen den Mauern und starrte dem Shuttle hinterher. Wie konnte sie nur so naiv sein! Natürlich würde ein Ghostfighter nicht leichtfertig eine so ergiebige Geldquelle riskieren! Wenn allgemein bekannt werden würde, dass hier Betrug im Spiel war, wäre alles verloren!
Aber im Moment hatte sie viel größere Probleme. Schon sammelten sich einige Läufer am Waldrand. Es schien, als ob sie auch keine Erfahrungen mit so einer Situation hatten und sich erstmal beraten mussten.
Trish wusste, dass sie alleine keine fünf Minuten überleben würde, wenn ihr nicht schnell etwas einfallen sollte. Munition hatte sie genug - sie bezweifelte aber, dass sie sich kämpfend lange halten konnte.
In den Wald rennen und auf einen Baum klettern? Keine Chance. Zu weit weg.
Und auf eine von den Mauern? Nein. Die Mauern waren glatt verputzt und boten keine Griff- und Steigmöglichkeiten. Also doch kämpfend untergehen? Sie legte ein frisches Magazin in ihr Gauss-Gewehr und atmete tief durch. Fieberhaft dachte sie nach. Da fiel ihr etwas ein!
Sie schoss auf die nächstgelegene Mauer. Das Projektil sprengte ein faustgroßes Loch in den Stein. Das war es!
Sie ging ein paar Meter zurück und schoss weitere Löcher im Abstand von 50 Zentimetern zur Oberseite hinauf. Diese Löcher waren ideale Griffmulden. Sie schulterte das Gewehr und kletterte hinauf - noch gerade rechtzeitig. Einige kleinere Läufer stürmten gerade den Hof und sahen sich irritiert um. Anscheinend war Trish durch ihre Aktion aus ihrem vornehmlich horizontalen Wahrnehmungsbereich verschwunden. Sie war sich sicher, dass diese Biester nicht klettern konnten und fühlte sich hier oben in vier Meter Höhe erst einmal gut aufgehoben. Die unmittelbare Gefahr war beseitigt, aber was nun?
Sie überlegte: Run's wie dieser wurden öfters durchgeführt. Die Chancen standen recht gut (wie sie fand oder sich einredete), dass demnächst wieder ein Shuttle hier landen wird, um die Überlebenden der nächsten Gruppe aufzunehmen. Aber wann? Das konnte in einigen Stunden oder Wochen sein. Solange würde sie jedenfalls erst einmal hier festsitzen.
Die Nahrungskonzentrat-Riegel aus ihrer Notfallausrüstung, würden sie einige Tage am Leben erhalten, auch wenn laut Hersteller ein bohrender Hunger nicht beseitigt werden würde. Problematisch waren die Wasservorräte. Ihre Feldflasche fasste einen Liter und das würde bestenfalls nur einen Tag reichen. Zum Glück herrschte in diesem Gebiet im Moment Regenzeit, allerdings besaß Trish keine geeigneten Auffangmöglichkeiten für die notwendigen Mengen Wasser. Ganz pragmatisch schoss sie eine große Mulde in den Stein, in dem sich dann das überlebenswichtige Nass in den regelmäßigen Regengüssen sammelte.
Fünf Tage und Nächte hatte sie so überstanden. Obwohl immer wieder Läufer um die Mauern schlichen, machte kein Exemplar den Versuch, zu ihr hochzuklettern. Trotz ausreichender Wasserversorgung fühlte sie sich mies.
Dass sie keine Möglichkeit hatte, ihre hygienischen Bedürfnisse angemessen nachkommen zu können, machte ihre Lage nicht angenehmer.
Zum Glück war Sommer. Frieren musste sie nicht, aber trotz der Notfall-Riegel hatte sie - wie erwartet - permanent Hunger.
Als sie am fünften Tag ihres unfreiwilligen Exils gerade missmutig auf dem letzten Stück Konzentrat herumkaute, ging plötzlich eine summende Vibration durch den Stein, auf dem sie saß. Langsam schoben sich die Stahlgitter nach oben. Das konnte nur bedeuten, dass demnächst ein Shuttle landen würde! Sie musste fast vor Freude und Erleichterung weinen, sah zum Glück aber noch rechtzeitig, wie sich einige Läufer auf die Gitter geschlichen hatten und sich mit ihnen nun zu ihr hoch bewegten. Jetzt stieg Wut in ihr auf! Diese Biester wussten genau, dass sie hier oben hockte und ergriffen die Gelegenheit, sie als Frühstück zu verwenden!
Mit einem Triumphgeschrei schoss sie die Läufer von den Gittern. In diesem Moment hatte sie das Gefühl, sie könnte es mit dem gesamten Dschungel aufnehmen. Mangelernährung und Dehydration ließen diese Emotionen allerdings schnell wieder verebben. Erschöpft suchte sie den Himmel nach dem Shuttle ab. Sie musste nicht lange warten. Das kleine Fahrzeug glitt durch die niedrige Wolkendecke und landete in den nun geschützten Hof. Automatisch öffnete sich eine Luke. Sie hangelte sich an der Steinmauer herunter. Über Funk hatte sie nichts gehört. Vermutlich benutze diese Gruppe andere Frequenzen.
Geschwächt krabbelte sie auf allen Vieren auf das Fahrzeug zu. Als sie sich durch die Luke zog, kam ihr plötzlich in den Sinn, dass sie jetzt womöglich einen Überlebenden dem Platz wegnahm und ihm das gleiche Schicksal bescherte wie ihr. Allerdings hatte diese Gruppe gewiss auch Verluste und es würde nicht weiter ins Gewicht fallen. Außerdem war es ihr scheißegal! Keinen weiteren Tag hätte sie es dort oben auf der Mauer ausgehalten!
Sie setzte sich in dem Shuttle dicht an die Luke und erwartete die Ankunft der Gruppe. Nach zehn Minuten senkte sich das Gitter und kündigte die Ankunft der Runner an. Dann stiegen die ersten Überlebenden durch die Luke. Sie blickten Trish irritiert an, waren aber körperlich und mental zu erschöpft, um groß darüber nachzudenken, wieso da jemand bereits saß. Sie waren schweißgebadet und teilweise verletzt. Zwei Jäger sicherten von draußen diesen Vorgang und schossen auf ein Rudel Läufer, dass sich vor dem Shuttle sammelte. Als der Vorletzte schließlich einstieg, schloss sich die Luke plötzlich. Anscheinend hatten einschließlich Trish zwölf Personen das Fahrzeug betreten.
Die noch draußen stehende Person dreht sich überrascht um. Es handelte sich um Sergeant, der sie den Läufern ausgeliefert hatte.
Trish grinste breit durch das Bullauge. Er schien sie erkannt zu haben. Unglaube und Panik zeichneten sein Gesicht. Sie sah noch, wie er sich umdrehte und auf ein Rudel Läufer schoss, das ihn umzingelt hatte, aber dann stieß das Shuttle durch die Wolkendecke und nahm ihr die Sicht.
ENDE
Geschrieben: Juni 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
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