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geschrieben 2026 von Matty63 (Matty63).
Veröffentlicht: 15.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Ein Freund, wie ihn nicht jeder hat

Begonnen hatte alles im Jahr 1984. In jenem Herbst war ich 21 Jahre alt und hatte noch keinen Urlaub gehabt. So hatte ich mir überlegt, was ich noch unternehmen könnte; und schließlich entschied ich mich für eine vom Jugendherbergswerk angebotene Wanderung durch die Eifel.
Schon der Auftakt war hier für mich sehr spannend gewesen; denn zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich mit einem der damals noch sehr neuen Intercity- Züge. In Koblenz musste ich umsteigen in den Schnellzug nach Trier. Und von Bullay aus sollte mich dann der Nachverkehrszug vollends an die Mosel nach Traben- Trarbach bringen; denn von dort aus sollte die Wanderung starten.
In Bullay suchte ich den Nachverkehrszug, sah ihn aber zunächst nicht; dabei war ich mir sicher, auf dem richtigen Gleis zu sein. Das Einzige, was da etwas verloren herumstand, war ein einzelner Schienenbusmotorwagen. Von einem Zug im eigentlichen Sinne konnte also gar keine Rede sein. Doch bei näherem Hinsehen entdeckte ich an der Stirnseite des Wagens den Fahrtrichtungsanzeiger: "Traben- Trarbach" stand da zu lesen; und nun war mir klar: Dies sollte der "Zug" sein, der wegen geringen Fahrgastaufkommens nur als einzelner Motorwagen fuhr.
Es stiegen in der Tat auch noch weitere Reisende ein; und einige von ihnen hatten einen Rucksack bei sich. So war mir klar, dass sie nicht nur das gleiche Ziel hatten wie ich, sondern auch der gleichen Wandergruppe angehörten.
Diese Teilnehmer schienen sich großenteils schon zu kennen; denn sie saßen, sich rege miteinander unterhaltend, in unterschiedlich großen Grüppchen beieinander.
Während der Schienenbus durch schöne Landschaften zuckelte, fiel mir ein Mann auf, der ebenfalls einen Rucksack trug. Er saß jedoch ebenso wie ich alleine und kam sich offensichtlich sogar etwas verloren vor. Da beschloss ich, ihn anzusprechen; und während ich auf die Sitzbank zuging, auf der er saß, betrachtete ich ihn genauer. Sein Alter war schwer zu schätzen, denn sein Vollbart sowie seine schütteren Haare waren bereits von grauen Strähnen durchzogen. Sein Gesicht mit den wach und freundlich blickenden Augen zeigte mir jedoch, dass er noch nicht sehr alt sein konnte. Auf den ersten Blick schätzte ich ihn auf ungefähr 50 Jahre. Gekleidet war er mit einem grünen Hemd, einer grünen Jacke und einer Hose von der gleichen Farbe. Selbst der Hut passte; ihn hatte der Mann auf den Rucksack gelegt, den er sich zwischen die Beine geklemmt hatte. Wer den Mann so sah, konnte ihn gut auch für einen Förster oder Jäger halten.
Ich grüßte freundlich und fragte, ob ich mich neben ihn setzten dürfte. Er sagte lächelnd "ja"; wahrscheinlich freute er sich darüber, dass sich jemand für ihn interessierte. In der Folge kamen wir schnell miteinander ins Gespräch.
Er hieß Hubert, was natürlich sehr gut zu seiner "Jägerkleidung" passte. Er war 49 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Zu Hause sei er in Düren, was ich aber anhand seines Dialektes auch selbst erraten hätte. Leider hätte er bereits zwei Herzinfarkte erlitten. Deshalb sei er Frührentner und könne nicht mehr als Lehrer arbeiten. Die bevorstehende Eifelwanderung würde er sich aber trotzdem zutrauen; zumal sie keine steilen Anstiege hätte. Eigentlich wäre seine Frau zu der Wanderung angemeldet gewesen; sie hatte jedoch gerade Fußprobleme; und deshalb war er mitgekommen.
Schon nach wenigen Minuten plauderten wir miteinander als würden wir uns schon viel länger kennen. Er erzählte mir von seiner Liebe zur Natur sowie von der am Tiere beobachten.
Schließlich erreichte der Zug Traben- Trarbach, und es waren nur noch wenige Gehminuten zur Jugendherberge. Hier lernten wir auch unseren Wanderführer kennen; bzw. dieser kannte viele aus der Gruppe bereits.
An den Folgetagen erfuhr ich noch mehr über Hubert; denn wir gingen jeder für sich mal mit diesem, mal mit jenem aus der Gruppe. Aber wir beide fanden unterwegs immer wieder zusammen und gingen längere Zeit Seite an Seite.
Ich erkannte immer mehr, dass zwischen uns so etwas wie Seelenverwandtschaft bestand. Wir hatten sehr ähnliche Themen, hatten ein Gespür für die Schönheiten der Natur und konnten außerdem auch miteinander über das Gleiche lachen.
Als sich die vier Wandertage dem Ende zuneigten, waren wir gute Freunde geworden; trotz des großen Altersunterschieds. Hubert hätte mein Vater sein können; und ich sage dazu: Er war ein väterlicher Freund. Er war ein aufrechter, geradliniger Mensch, der immer sagte was er dachte; ohne dabei jedoch plump oder beleidigend rüberzukommen. Und er war mir ein Vorbild; durch seine achtsame Art im Umgang mit Mitmenschen, mit der Natur, mit Gottes wunderbarer Schöpfung.
Es war klar, dass wir beim Abschied die Adressen tauschten; und er meinte, im nächsten Frühjahr solle ich unbedingt mal kommen: Dann würde er mir noch viele andere schöne Plätze in der Eifel zeigen.

Ein gutes halbes Jahr später war es dann soweit. Hubert hatte mich eingeladen. Ich reiste mit dem Zug nach Düren, wo er mich am Bahnhof erwartete. "Hallo Jung; schön dass du da bist!" dröhnte er mir mit seiner kräftigen Bassstimme entgegen und nahm mich zur Begrüßung in seine Arme.
Vor dem Bahnhof wartete bereits sein Auto, an das ein kleiner Wohnwagen angehängt war. So starteten wir gut gelaunt Richtung Eifel. Ich war gespannt darauf, wohin wir fahren würden. Es ging immer weiter in die Natur hinein bis wir ein annährend menschenleeres Gebiet erreichten. Schließlich gelangten wir zu einer kleinen Kapelle im Tal des Flüsschens Nitz. Die Kapelle hieß "St. Jost" und war dem heiligen Jodokus geweiht.
Von hier schien es nicht mehr weiterzugehen, doch Hubert wusste Bescheid. Er bog in einen Fahrweg ein, dem er noch einige 100 Meter durch den Wald folgte. Es ging dabei leicht aber stetig bergauf. Schließlich kamen wir auf eine kleine Lichtung. Hier war der Fahrweg zu Ende, und es hatte genug Platz, um das Wohnwagengespann zu parken.
Weil das Wetter gut war, beschlossen wir, gleich noch eine Nachmittagswanderung zu unternehmen.
Wir brachen auf, und ich staunte über Huberts flotten Schritt. Wahrscheinlich ging es ihm vom Herzen her besser als noch ein halbes Jahr zuvor. Wieder plauderten wir über dies und das; sozusagen über Gott und die Welt. Hubert interessierte sich auch sehr für mein Theologiestudium und meinte nach einer Weile, auf diesem Gebiet könne er auch noch viel von mir lernen.
Wir erzählten uns, was wir in der Zeit zwischen unseren beiden Treffen erlebt hatten; und wir genossen natürlich die herrliche Natur. Die sauberen klaren Bäche, die kleinen Wasserfälle, das Rauschen des Windes in den Bäumen, den Vogelgesang.
Plötzlich zupfte mich Hubert am Ärmel und wies mit dem Zeigefinger in eine besondere Richtung. Ich konnte da zuerst nichts erkennen; so sah ich ihn fragend an.
"Ein Neuntöter!" sagte Hubert leise.
Von diesem Vogel hatte ich schon gehört. Er lebt in halboffenen, reich gegliederten Landschaften, die von kleinen Wäldern, Wiesen und Hecken durchsetzt sind. So war es auch in diesem Falle; und als ich näher hinschaute, sah ich den Vogel. Er saß auf dem Holzpfosten eines Stacheldrahtzaunes und führte Pickbewegungen durch. Offensichtlich spießte er gerade, wie solche Vögel es oft machen, irgendein Beutetier, ein Insekt oder eine kleine Maus auf den Stacheldraht. So etwas dient als Vorrat für Zeiten, in denen Beutetiere knapp sind.
Ich alleine hätte den Neuntöter nicht gesehen; aber Hubert hatte scharfe Augen sowie ein untrügliches Gespür, um Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu entdecken. Später erzählte er mir, dass er Lehrer an einer Dorfschule war, in der alle Grundschüler unabhängig von der Jahrgangsstufe im gleichen Klassenzimmer gesessen hatten; und er hatte mit seinen Schülern sehr oft Lerngänge in die Natur unternommen, weil Feld, Wald und Wiesen für ihn das beste Anschauungsmaterial waren.
Später zog noch hoch über unseren Köpfen ein Rotmilanpaar seine Kreise. Ohne einen Flügelschlag segelte es dahin; immer auf der Suche nach Beute.
Gegen Abend kehrten wir zurück und zündeten ein Lagerfeuer an. Auch hier staunte ich wieder über Huberts Fertigkeiten: Mit dürrem, abgestorbenem Gras, trockenem Laub und einigen dünnen Ästchen als Grundlage hatte er in Minutenschnelle das schönste Feuerchen gezaubert. Wir warteten, bis die Glut soweit war; dann brieten wir Würstchen und Steaks. Sogar für Weißbier hatte Hubert gesorgt; die Dosen kühlten wir auf meinen Vorschlag hin, bis das Grillgut fertig war, in einem kleinen Teich.
Als Würstchen und Fleisch gar waren, ließen wir es uns erst einmal schmecken. Das war einer dieser Momente, in denen wirklich alles zusammenpasste: Der Hunger sowie der Durst, die man von einer Wanderung mitbringt, das Prasseln des Feuers in der Abenddämmerung, der Widerschein der Flammen während die untergehende Sonne mit ihrem letzten Licht den westlichen Horizont erleuchtet, das Rascheln der Blätter im Wind.
Als wir unsere Mahlzeit beendet hatten, war das Feuer bis auf einen Glutrest niedergebrannt. Ich sah Hubert fragend an, und er schien meine Gedanken zu erraten. "Nein, Jung, an so einem schönen Abend gehen wir noch nicht gleich schlafen!" sagte er und gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Er blies in die Glut, legte Holz nach, und wenig später brannte wieder das schönste Feuer.
Inzwischen wurde es vollends Dunkel, und allmählich verebbten auch die Geräusche des Tages. Der Wind legte sich. Die Vogelstimmen wurden leiser bis sie irgendwann nicht mehr zu hören waren, und es entstand eine majestätische Stille. Sie wurde nur hin und wieder vom Knacken eines Ästchens im Feuer unterbrochen.
Einige Minuten verbrachten wir in andächtigem Schweigen. Dann griff Hubert in seine Tasche. Was er da herausholte, konnte ich nicht sehen; aber umso mehr gab es etwas zu hören. Er begann nämlich leise und gefühlvoll auf der Mundharmonika zu spielen. Nichts hätte diese ohnehin schon geradezu märchenhaften Augenblicke noch mehr verzaubern können als diese sanften Töne. Es ertönten unter anderem die Melodien von "Abendstille überall", "geh aus mein Herz und suche Freud" oder "Kein schöner Land". Diese abendliche Stimmung am Lagerfeuer allein mit dem väterlichen Freund, das war "One Moment in Time..."
Als der letzte Ton verschwebte, drang noch eine andere Melodie an mein Ohr. Es hörte sich an wie ferne Glöckchen; aber sie erklangen in einer Reinheit, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen.
Wieder muss mein Blick sehr fragend gewesen sein.
"Das sind Unken!" sagte Hubert. "Sie sind in den letzten Jahren selten geworden, aber hier im Nitztal in der Eifel sind sie noch regelmäßig anzutreffen. Sie sind gleich hier vor uns im Tümpel!"
Das überraschte mich, denn die Rufe schienen aus weiter Ferne zu kommen. Dabei waren die Tierchen ganz nahe. An diesem Abend schien alles geheimnisvoll und fast schon märchenhaft zu sein. Mitternacht war lägst vorüber, als wir uns im Wohnwagen schlafen legten.
Am nächsten Tag unternahmen wir eine größere Wanderung, und am Tag danach hieß es Abschied nehmen. Ich habe auch in den Jahren danach zusammen mit Hubert noch viele schöne Ausflüge in die Natur unternommen. Das war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ich schätzte seine aufrechte, geradlinige Art sowie sein Gespür für die Naturdinge. Und er freute sich, wenn ich ihm biblische Inhalte und Zusammenhänge erklärte. Er sagte er mir auch einmal, er habe ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Kindern; sie seien jedoch nicht so für die Natur zu begeistern.

Nach ungefähr 20 Jahren erreichte mich eine sehr traurige Nachricht: Hubert hatte lange Zeit Herzprobleme gehabt; er hatte jedoch trotzdem noch lange Zeit ein verhältnismäßig normales Leben führen können; doch dann ereilte ihn eine Krebserkrankung. Begonnen hatte es mit der Prostata, aber irgendwann bildeten sich auch noch Metastasen an den Knochen. Die letzten Wochen waren für ihn sehr qualvoll; dann wurde er von seinem Leiden erlöst.

Diese Nachricht hatte mich tief betroffen gemacht. Inzwischen denke ich jedoch: Jetzt genießt Hubert die Natur in Gottes himmlischem Garten, wo es kein Leiden und keine Schmerzen mehr geben wird. Und in meinen Gedanken sowie in meinen Erinnerungen wird Hubert immer einen festen Platz haben; denn er war mein väterlicher Freund, und ich bin dankbar für das, was er mir für meinen Weiterweg mitgegeben hatte.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Butterblume am 15.04.2026:

Sehr berührt hat mich deine Geschichte.

Gern gelesen.

Dieser Freund wird immer in deinem Gedächtnis bleiben.

Beste Grüße Butterblume

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