Veröffentlicht: 21.09.2026. Rubrik: Persönliches
Dann drehte ich um
Der zweite Helm
Anfang September 1990 war ich siebzehneinhalb und fuhr mit meinem Moped durch Lindenhain, als mir eines von drei Mädchen am Straßenrand zuwinkte.
Ich kannte keine von ihnen. Im ersten Moment war ich mir nicht einmal sicher, ob das Winken tatsächlich mir gegolten hatte. Also fuhr ich weiter.
Erst einige Meter später begann ich darüber nachzudenken. Hinter mir standen drei Mädchen, ungefähr fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, und eine von ihnen hatte ziemlich eindeutig in meine Richtung gewinkt. Vielleicht hätte ich anhalten sollen. Vielleicht war tatsächlich ich gemeint gewesen.
Ich drehte mit dem Moped um und fuhr zurück.
Als ich bei ihnen anhielt und meinen Helm absetzte, blieb mir kaum Zeit, etwas zu sagen. Das Mädchen, das gewinkt hatte, wandte sich sofort an ihre beiden Freundinnen.
„Ist meiner. Ich habe gewunken. Finger weg.“
Damit schien für sie geklärt zu sein, weshalb ich zurückgekommen war und wem von den dreien mein Interesse zu gelten hatte. Dass ich selbst von dieser Entscheidung noch nichts wusste, spielte offenbar keine Rolle.
Wir unterhielten uns einige Minuten. Drei Mädchen zwischen fünfzehn und sechzehn und ich, siebzehneinhalb, der eigentlich nur angehalten hatte, weil eines von ihnen gewinkt hatte. Worüber wir in diesen ersten Minuten genau sprachen, weiß ich heute nicht mehr. Geblieben ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich für sich beansprucht hatte. Nicht schüchtern, nicht als Scherz, hinter dem man sich bei Bedarf verstecken konnte, sondern so bestimmt, dass ihre Freundinnen wussten, wie die Sache aus ihrer Sicht aussah.
Sie hieß Corinna, wurde aber Rina genannt. Sie war fünfzehn, im Januar 1975 geboren; ich war im Februar 1973 zur Welt gekommen. Und sie hatte offenbar bereits einen Plan gefasst, von dem ich noch nichts wusste.
Nach einigen Minuten mussten oder wollten die drei nach Hause. Ihre beiden Freundinnen würden zu Fuß gehen. Rina dagegen wusste, dass ich im Topcase einen zweiten Helm dabeihatte.
Den hatte ich fast immer dabei – falls ich einmal jemanden mitnehmen wollte. Man konnte schließlich nie wissen.
„Du hast einen Helm dabei“, stellte sie fest. „Also fährst du mich nach Hause. Meine beiden Freundinnen gehen ohne mich.“
Es war keine wirkliche Frage. Ebenso wenig wie ihre Erklärung gegenüber den anderen beiden eine Frage gewesen war. Rina hatte gewinkt, ich war umgedreht, und damit hatte ich in ihrer Vorstellung anscheinend bereits eine Reihe von Entscheidungen getroffen.
Ich widersprach nicht. Vermutlich hätte ich es auch dann nicht getan, wenn mir schnell genug etwas eingefallen wäre. Ich öffnete das Topcase und gab ihr den zweiten Helm. Sie setzte ihn auf und stieg hinter mir auf das Moped. Ihre Freundinnen gingen ohne sie weiter, genau wie sie es angekündigt hatte.
Ich brachte sie nach Hause.
Das Grundstück war größer, als ich erwartet hatte. Darauf stand ein schönes, großes Haus. Die Autos wirkten etwas besser als die, die man gewöhnlich sah, und alles war ausgesprochen gepflegt. Schon beim Ankommen war zu erkennen, dass hier auf Ordnung und das äußere Erscheinungsbild Wert gelegt wurde.
Wir stellten das Moped auf dem Hof ab, nahmen beide unsere Helme ab und unterhielten uns noch eine Weile. Ich achtete nur auf Rina und bemerkte deshalb zunächst nicht, dass sich uns von hinten jemand näherte.
„Hallo, Rina“, sagte eine Männerstimme.
Ich drehte mich um. Es war ihr Vater.
Rina ließ sich durch sein Auftauchen nicht aus der Ruhe bringen.
„Das ist mein neuer Freund“, sagte sie.
Sie sagte es einfach. Ohne mich vorher zu fragen. Ohne auch nur zu mir hinüberzusehen, um festzustellen, ob ich dieselbe Vorstellung von den vergangenen Minuten hatte wie sie.
Ihr Vater betrachtete die Situation nicht weiter und stellte auch keine Fragen.
„Du kommst aber spätestens in dreißig Minuten zum Abendessen rein.“
Dann ging er wieder. Kein weiteres Wort. Keine Nachfrage, wer ich war, woher ich kam oder seit wann ich der neue Freund seiner Tochter sein sollte.
Ich blieb sprachlos neben Rina stehen.
Bis dahin hätte ich unsere Begegnung noch für einen ungewöhnlichen Zufall halten können. Ein Mädchen hatte mir zugewinkt. Ich war zunächst weitergefahren, dann doch umgedreht. Wir hatten uns ein paar Minuten unterhalten, und weil ich einen zweiten Helm dabeihatte, hatte ich sie nach Hause gebracht.
Nun war ich ihr neuer Freund.
Während ich noch versuchte zu verstehen, was eigentlich geschehen war, hatte Rina die entscheidenden Schritte bereits für uns beide erledigt: Sie hatte mich herbeigewinkt, vor ihren Freundinnen für sich beansprucht, sich von mir nach Hause fahren lassen und mich ihrem Vater als ihren neuen Freund vorgestellt.
Und ihr Vater hatte das offenbar akzeptiert. Seine einzige Bedingung bestand darin, dass sie in spätestens dreißig Minuten zum Abendessen hereinkam.
Eigentlich hätte mich dieses Vorgehen abschrecken können.
Aber das tat es nicht.
Ihre freche, forsche Art gefiel mir. Rina hatte mich überrumpelt, doch sie hatte damit eine Entscheidung getroffen, die ich selbst niemals so schnell und mit einer solchen Selbstverständlichkeit hätte treffen können.
Bevor ich nach Hause fuhr, tauschten wir unsere Telefonnummern aus.
Dann küsste Rina mich zum Abschied auf die Wange. Noch bevor ich begriff, was gerade geschehen war oder irgendwie darauf reagieren konnte, war sie bereits verschwunden.
Ich blieb einen Moment zurück, setzte schließlich meinen Helm wieder auf und verließ das große, gepflegte Grundstück.
Auf dem Heimweg und auch später dachte ich noch einmal darüber nach, was an diesem Nachmittag geschehen war. Ich war zu drei unbekannten Mädchen zurückgefahren, weil eine von ihnen mir zugewinkt hatte. Wenig später hatte genau dieses Mädchen mich vor ihren Freundinnen für sich beansprucht, sich von mir nach Hause fahren lassen und mich ihrem Vater als ihren neuen Freund vorgestellt. Zum Abschied hatte sie mich auf die Wange geküsst und mir erneut keine Zeit gelassen, etwas zu sagen oder zu tun.
Nun hatte ich ihre Telefonnummer.
Am Anfang unserer Geschichte stand deshalb kein vorsichtiges Kennenlernen, kein langes Werben und nicht einmal eine Frage.
Am Anfang stand ein Mädchen, das mir zuwinkte.
Ich fuhr zunächst an ihr vorbei.
Dann drehte ich um.
Um sechzehn Uhr
Am nächsten Tag telefonierten wir miteinander. Rina legte während des Gesprächs fest, dass wir auch am darauffolgenden Tag wieder telefonieren würden. An diesem Tag hatte ich lange Schule. Ein Treffen schied für sie deshalb offenbar aus; die Möglichkeit, gar keinen Kontakt zu haben, allerdings ebenso.
Bei unserem zweiten Telefonat wurde schnell deutlich, dass uns mehr verband als ihre spontane Entscheidung am Straßenrand. Wir waren beide das, was man heute vermutlich Computernerds nennen würde. Uns interessierten Computer, aber vor allem mochten wir Logik. Wir hatten Freude an Dingen, die sich durchdenken ließen, an Strukturen, Regeln und Lösungen. In diesem Gespräch kristallisierte sich zum ersten Mal heraus, dass ihre forsche Art nicht das Einzige war, was mir an ihr gefiel.
Rina erfuhr dabei auch von einer meiner festen Gewohnheiten: Wenn ich aus der Schule kam, erledigte ich sofort meine Hausaufgaben. Nicht irgendwann am Abend und nicht erst dann, wenn ich Lust dazu hatte. Ich musste sie direkt nach der Schule machen. Anders funktionierte es für mich nicht.
Auch daraus zog sie umgehend eine Konsequenz.
Sie legte fest, dass ich sie am darauffolgenden Tag besuchen würde. Um sechzehn Uhr. Dann war die Schule vorbei, und ich hatte genügend Zeit gehabt, meine Hausaufgaben zu erledigen.
Wie schon bei unserer ersten Begegnung stellte sie keine Frage. Sie plante den nächsten Schritt und berücksichtigte dabei ganz selbstverständlich, was ich brauchte.
Zwei Tage zuvor hatte ich noch nicht gewusst, dass es sie gab.
Nun wusste ich, wann wir wieder telefonieren würden, was uns miteinander verband und zu welcher Uhrzeit ich sie besuchen sollte.
Am vereinbarten Tag fuhr ich wieder mit dem Moped zu ihr. Ich war pünktlich. Um sechzehn Uhr bog ich auf das große Grundstück ein.
Noch während ich auf den Hof fuhr, öffnete sich die Haustür und Rina kam heraus. In der Hand hielt sie einen Müllbeutel. Natürlich war es reiner Zufall, dass sie genau in diesem Augenblick den Müll hinausbringen musste.
Wer es glaubt.
Jedenfalls brauchte ich nicht zu klingeln und musste auch nicht darauf warten, dass mir jemand öffnete. Sie war bereits da.
Zur Begrüßung bewegte sie sich mit gespitzten Lippen auf mich zu. Vermutlich wollte sie mich wieder auf die Wange küssen. In diesem Moment drehte ich den Kopf, und ihre Lippen trafen meinen Mund.
Damals war ich überzeugt, dass ich den Kopf ganz bewusst gedreht hatte. Dass wenigstens diese eine Entscheidung von mir gekommen war. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich tatsächlich so entschlossen gewesen war oder ob alles wieder einmal schneller geschah, als ich reagieren konnte.
Aber sie küsste mich auf den Mund.
Wir blieben zunächst ungefähr zehn Minuten auf dem Hof. Ich stellte mein Moped ordentlich ab, und wir unterhielten uns. Erst danach gingen wir ins Haus und hinauf in ihr Zimmer.
Dort zeigte sich noch deutlicher, was sich bereits bei unseren Telefonaten angedeutet hatte. Rina hatte einen PC mit einem 386DX-Prozessor, MS-DOS und Windows 3, das damals noch etwas zum Ausprobieren war. An die Taktfrequenz des Rechners erinnere ich mich nicht mehr. Ich selbst hatte einen Atari 1024 mit Schwarz-Weiß-Bildschirm und einem zusätzlichen Anschluss für den Fernseher.
Es waren unterschiedliche Systeme, aber unser Interesse daran war dasselbe. Wir redeten nicht nur über Computer. Wir mochten beide Logik, klare Zusammenhänge und Probleme, für die sich Lösungen finden ließen. Wir wollten verstehen, wie etwas funktionierte – und zunehmend auch, wie der jeweils andere funktionierte.
Wir küssten uns an diesem Nachmittag noch einmal richtig.
Danach verbrachten wir allerdings nicht die restliche Zeit damit, uns immer wieder zu küssen. Der Kuss war schön gewesen, und damit war zugleich etwas geklärt. Es fühlte sich anschließend selbstverständlich an, dass wir zusammen waren. Wir mussten es nicht fortwährend durch weitere Küsse bestätigen.
Wichtiger war uns, miteinander zu reden und den anderen besser zu verstehen. Wir hatten nur zwei Stunden, aber in diesen zwei Stunden begannen wir herauszufinden, wie ähnlich wir uns in manchen Dingen waren und wie unterschiedlich in anderen.
Um achtzehn Uhr fuhr ich wieder nach Hause.
Drei Tage zuvor hatte ich Rina noch nicht gekannt. Seitdem hatte sie mich herangewinkt, vor ihren Freundinnen für sich beansprucht, sich von mir nach Hause fahren lassen, mich ihrem Vater vorgestellt, zwei Telefonate und meinen ersten Besuch festgelegt.
Und nun hatten wir uns geküsst.
Vielleicht hatte ich den Kopf tatsächlich aus eigenem Entschluss gedreht.
Es wäre immerhin meine erste Entscheidung in dieser Geschichte gewesen.





