Veröffentlicht: 18.06.2026. Rubrik: Lustiges
Der orange Kater
Das Licht war an, doch es war keiner Zuhause.

Das traf auf Quentin perfekt zu.
Quentin war ein großer, orangefarbener Kater mit einem beeindruckenden Bauchumfang, einem noch beeindruckenderen Selbstbewusstsein und einer geistigen Ausstattung, die man wohlwollend als „situationsabhängig verfügbar“ bezeichnen konnte.
Die Menschen behaupteten, alle orangefarbenen Kater der Welt würden sich eine einzige Hirnzelle teilen.
Quentin hatte davon gehört.
Zumindest glaubte er das.
Vielleicht hatte er es auch vergessen.
Wahrscheinlich war die Hirnzelle gerade woanders.
An diesem Morgen saß Quentin vor einer geschlossenen Tür.
Er betrachtete sie lange.
Sehr lange.
Die Tür bewegte sich nicht.
Quentin setzte sich etwas gerader hin.
Die Tür blieb unverändert.
Er miaute.
Nichts.
Weitere zehn Minuten vergingen.
Dann erschien seine Besitzerin.
„Quentin, warum sitzt du vor der Besenkammertür?“
Quentin blickte sie vorwurfsvoll an.
Sie öffnete die Tür.
Der Kater stolzierte hindurch.
Nach drei Schritten blieb er stehen.
Die Besenkammer war leer.
Quentin drehte sich um und verließ sie wieder.
Die Besitzerin schüttelte den Kopf.
„Du wolltest da gar nicht rein, oder?“
Quentin wusste es selbst nicht mehr.
Die Hirnzelle war vermutlich gerade in Australien.
Später entdeckte er einen Sonnenfleck auf dem Wohnzimmerboden.
Ein herrlicher Platz.
Warm.
Gemütlich.
Perfekt.
Er ließ sich nieder und schlief ein.
Nach einer halben Stunde wanderte die Sonne weiter.
Der Fleck verschob sich um etwa zehn Zentimeter.
Quentin öffnete ein Auge.
Er sah den Sonnenfleck.
Er sah, dass er nicht mehr darauf lag.
Er stand auf.
Drehte sich zweimal im Kreis.
Legte sich exakt einen Meter daneben.
Dann schlief er weiter.
Irgendwo in Kanada musste ein anderer orangefarbener Kater gerade die Hirnzelle besitzen.
Anders war das nicht zu erklären.
Am Nachmittag entdeckte Quentin eine Fliege.
Das war eine ernste Angelegenheit.
Er spannte jeden Muskel an.
Die Fliege landete auf dem Fensterbrett.
Quentin schlich näher.
Noch näher.
Noch näher.
Er sprang.
Die Fliege flog davon.
Quentin landete in einem Blumentopf.
Der Blumentopf fiel um.
Die Erde verteilte sich über den Teppich.
Die Fliege setzte sich direkt auf seinen Kopf.
Quentin bemerkte nichts.
Er war bereits damit beschäftigt, die umgekippte Pflanze anzustarren.
Offenbar war sie plötzlich und ohne Vorwarnung umgefallen.
Eine höchst verdächtige Entwicklung.
Am Abend geschah etwas Seltenes.
Die Hirnzelle kehrte zurück.
Für ungefähr zwölf Sekunden.
Quentin bemerkte, dass die Leckerli-Dose auf dem Kühlschrank stand.
Er bemerkte auch, dass der Stuhl am Tisch stand.
Dann den Tisch.
Dann den Schrank.
Dann die Dose.
In einer beeindruckenden Kette logischer Schlussfolgerungen sprang er auf den Stuhl, von dort auf den Tisch und schließlich auf den Kühlschrank.
Dort angekommen stieß er die Dose herunter.
Sie platzte auf.
Leckerlis verteilten sich in der Küche.
Quentin fraß zufrieden.
Seine Besitzerin kam herein und starrte ihn an.
„Wie hast du das denn geschafft?“
Quentin sah sie an.
Für einen winzigen Moment wirkte er weise.
Fast genial.
Fast so, als hätte er die Geheimnisse des Universums verstanden.
Dann rutschte er vom Kühlschrank.
Direkt in den Wassernapf.
Die Hirnzelle war wieder weg.
Wahrscheinlich hatte sie nun ein orangefarbener Kater in Neuseeland.
Quentin schüttelte sich, setzte sich mitten in die entstandene Pfütze und blickte stolz in die Welt.
Das Licht war an.
Doch es war keiner Zuhause.
Und Quentin hätte es nicht anders haben wollen.
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