Veröffentlicht: 10.05.2026. Rubrik: Aktionen
Die Uhrmacherin von Nebelfurt - Fantasiefreunde
Wenn der Nebel kam, verstummte Nebelfurt.
Keine Glocke erklang mehr über den Kanälen, keine Händler riefen ihre Preise. Selbst die Möwen schienen dann tiefer zu fliegen, als hätten sie Angst, den Himmel zu berühren.
Liora liebte diese Tage.
Sie saß in ihrer kleinen Werkstatt direkt unter dem schiefen Westturm und reparierte Uhren, Kompasse und gelegentlich seltsame Dinge, die Fischer aus dem Fernwasser mitbrachten. Geräte ohne erkennbare Herkunft. Kleine Metallkugeln, die warm wurden, wenn man log. Splitter aus schwarzem Glas, in denen Sterne flackerten.
Die Leute sagten, sie habe zu viel Zeit allein verbracht.
Vielleicht stimmte das.
An diesem Morgen klopfte jemand gegen ihre Tür.
Nicht hastig. Nicht laut.
Drei präzise Schläge.
Liora öffnete und blickte direkt in den Nebel. Erst nach einem Moment erkannte sie die Gestalt davor. Ein Mann in einem langen dunklen Mantel, das Gesicht halb verborgen.
„Bist du die Uhrmacherin?“
„Kommt darauf an, wer fragt.“
Er zog etwas aus seiner Tasche und legte es vorsichtig auf ihren Arbeitstisch.
Eine Taschenuhr.
Doch sie tickte nicht.
Sie summte.
Leise. Tief. Fast wie ein Atemzug.
Liora spürte sofort, dass etwas daran falsch war. Oder vielleicht zu richtig.
Das Gehäuse bestand aus einem silbrig dunklen Metall ohne Kratzer oder Nähte. Keine Zahnräder waren sichtbar. Kein Schlüssel. Kein Mechanismus.
Nur auf der Rückseite befand sich ein einziges Symbol:
Ein Kreis mit einer Linie hindurch.
„Kannst du sie reparieren?“ fragte der Fremde.
„Was ist kaputt?“
„Die Zeit.“
Liora hob den Blick.
Der Mann lächelte nicht.
Sie setzte sich langsam an ihren Tisch und öffnete vorsichtig das Gehäuse. Im selben Moment flackerte das Licht der Werkstatt.
Nicht einmal.
Mehrfach.
Wie Sekunden, die stolperten.
Plötzlich stand der Fremde nicht mehr an der Tür.
Dann wieder doch.
Die Schatten im Raum verschoben sich, obwohl draußen kein Wind ging.
Liora schloss die Uhr sofort wieder.
„Woher hast du das?“
Der Mann antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Aus einer Stadt, die morgen untergeht.“
Sie hätte lachen sollen.
Stattdessen fragte sie: „Warum bringst du sie zu mir?“
„Weil du die Einzige bist, die Dinge repariert, die nicht existieren dürften.“
Der Nebel draußen wurde dichter. Durch das Fenster sah Liora plötzlich Menschen über die Brücke laufen.
Dann dieselben Menschen erneut.
Wie ein Bild, das sich wiederholte.
Die Uhr summte stärker.
Und plötzlich wusste sie etwas, das sie unmöglich wissen konnte:
Wenn die Uhr stehen blieb, würde Nebelfurt verschwinden.
Nicht zerstört werden.
Nicht brennen.
Einfach nie existiert haben.
Der Fremde beobachtete sie genau.
„Jetzt verstehst du das Problem.“
Liora schluckte trocken und legte ihre Finger erneut auf das kalte Metall.
Sie hätte Angst haben müssen.
Aber tief in ihr regte sich etwas anderes.
Neugier.
Die gefährlichste aller Eigenschaften.
„Gut“, sagte sie schließlich.
„Dann reparieren wir eben die Zeit.“
4x



