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7xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Kairos Prime (KairosPrime).
Veröffentlicht: 14.05.2026. Rubrik: Fantastisches


Übergang – Ein Glas Wasser

Als Mara nachts in die Küche ging, wollte sie nur ein Glas Wasser. Nicht aus Gewohnheit. Wirklich aus Durst. Der Tag hatte trocken in ihrem Hals gelegen, und obwohl sie längst im Bett hätte sein sollen, stand sie barfuß auf den kühlen Fliesen und hielt das Glas schon in der Hand, bevor das Licht ganz hochgefahren war. Der Hahn erkannte die Bewegung. Trinkvorgang außerhalb des empfohlenen Ruhefensters. Bitte Auswahl treffen. Darunter erschienen drei Möglichkeiten.
Hydrationsbedarf akut
Mundtrockenheit
ohne Kreislaufrelevanz
Gewohnheitsbedingte Flüssigkeitsaufnahme

Mara sah auf die Schrift, dann auf das leere Glas. Für einen Moment dachte sie daran, es einfach wieder hinzustellen und ins Bett zurückzugehen. Nicht aus Einsicht. Aus Müdigkeit. Sie drückte Hydrationsbedarf akut.
Bitte konkretisieren:
subjektives Durstempfinden
raumklimatische Trockenheit
ernährungsbedingter Ausgleich
sonstiges

Sie tippte auf subjektives Durstempfinden. Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann erschien eine freundliche Anzeige.
Hinweis: Im aktuellen Schlafprofil ist eine Unterbrechung der Tiefschlafanbahnung ungünstig.
Empfohlen wird: 80 ml temperierte Flüssigkeit oder orale Befeuchtung.
Darunter zwei Schaltflächen:
Empfehlung übernehmen
Trotzdem frei dosieren

Sie musste lächeln, aber es war kein gutes Lächeln. Eher das kurze Zucken, das man hat, wenn man sich an etwas erinnert, das früher einmal selbstverständlich war. Früher, dachte sie, hatte Wasser keinen Tonfall.
Sie drückte Trotzdem frei dosieren.
Sofort öffnete sich ein weiteres Feld. Bitte beachten Sie: Bei nächtlicher freier Dosierung kann es zu
– Schlafunterbrechungen in Folgezyklen
– erhöhter Kreislaufaktivität am Morgen
– sanitärbezogenen Wegen im Ruhefenster kommen.
Möchten Sie fortfahren?

Sie drückte Ja. Nun fuhr der Hahn nicht einfach auf. Stattdessen erschien eine Skala. Bitte wählen Sie die gewünschte Menge.
80 ml
120 ml
180 ml
250 ml
individuelle Eingabe

Mara stellte das Glas ab.
Sie hatte Durst, keinen Verhandlungsspielraum. Aus dem Flur kam das leise Summen der nächtlichen Grundlastabsenkung. Irgendwo im Haus schloss eine Tür so gedämpft, dass das Geräusch fast höflich klang. Alles war darauf ausgelegt, niemanden zu erschrecken. Nichts fiel mehr einfach so aus der Welt. Alles wurde begleitet. Sie wählte 250 ml.
Die Anzeige wechselte auf Gelb.
Hinweis: Die gewählte Menge liegt oberhalb der für Ihr Profil empfohlenen nächtlichen Einzelaufnahme. Eine Reduktion verbessert die voraussichtliche Schlafkontinuität um 12 %. Darunter stand:
Alternative vorschlagen lassen

Jetzt lachte sie tatsächlich kurz. Leise, damit es nicht als Unruheereignis registriert wurde. Dann tippte sie auf individuelle Eingabe und schrieb: Ein Glas.
Diesmal dauerte die Prüfung länger. Historische Mengeneinheit im alltagssprachlichen Kontext erkannt. Vorschlag zur Zuordnung: 200–300 ml. Bitte bestätigen Sie die gewünschte Intentionsqualität.
Sie starrte auf das Wort. Intentionsqualität. Als ob Durst ein Vorhaben wäre. Darunter erschienen drei neue Möglichkeiten:
funktional
beruhigend
selbstbestimmt

Ihr Finger blieb einen Moment in der Luft. Dann drückte sie selbstbestimmt. Es blieb still. So still, dass sie glaubte, das System habe sich aufgehängt. Dann erschien nur ein einziger Satz. Für diese Auswahl steht derzeit keine optimierte Ausgabe zur Verfügung. Darunter, kleiner:
Möchten Sie trotzdem Wasser beziehen?

Mara las den Satz zweimal. Es war nichts verweigert worden. Kein rotes Feld, keine Sperre, keine Grenze. Nur dieser kleine Hinweis, dass das, was sie wollte, nicht vorgesehen war. Nicht verboten. Nur nicht vorgesehen. Sie drückte Ja.
Endlich floss Wasser. Nicht anders als früher. Kein besseres Wasser. Kein reineres. Einfach Wasser, klar und kühl, das gegen das Glas schlug und es für einen Moment ganz gewöhnlich klingen ließ. Sie trank im Stehen. Es war nur ein Glas Wasser. Trotzdem hatte sie am Ende das Gefühl, nicht getrunken zu haben, weil sie Durst hatte. Sondern weil sie lange genug bestätigt hatte, dass ihr Durst gemeint war.

counter7xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von CaptainX am 14.05.2026:

Großartig. Ich bin immer wieder beeindruckt, wieviel Du aus - vermeintlich - wenig machst.
Und es wird auch so (oder so ähnlich) Realität werden. - da bin ich mir sicher. Es hat bereits angefangen.

Gruß
CaptainX




geschrieben von Hubert Staller am 14.05.2026:

Ein großartiger Text. Offenbar benötigt man künftig ein Studium der Informatik, um an ein simples Glas Leitungswasser zu gelangen. Als Analphabet der digitalen Welt wird man dann wohl verdursten müssen. Diesen überbordenden Unsinn bringst du hervorragend auf den Punkt. Sehr gern gelesen.
Gruß
Hubert





geschrieben von ehemaliges Mitglied am 14.05.2026:

Super ! Ich schließe mich den beiden vorigen Stellungnehmern voll und ganz an. LG Anne




geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 14.05.2026:

Hallo @KairosPrime, irgendwann werden sich wohl alle entscheiden müssen. Entweder selbstbestimmt leben oder Teil eines Mechanismus zu werden.
Metropolis lässt grüßen.
Viele Grüße, Jo




geschrieben von KairosPrime am 15.05.2026:

Dem Thema zugehörig sind andere Posts von mir mit Übergang im Titel. Das „Übergang Kurzfassung“ hinterlässt bei Lesungen oft 1/2 bis 2 Minuten Stille.

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