Veröffentlicht: 21.09.2026. Rubrik: Persönliches
Dann drehte ich um (2)
Die bessere Lösung
In den folgenden Wochen sahen wir uns regelmäßig. Rina entschied häufig, was wir unternahmen, welchen Film wir sahen oder was wir aßen. Sie fragte nicht bei jeder Kleinigkeit lange nach, sondern machte Vorschläge, die oft bereits wie fertige Beschlüsse klangen.
Damit erweiterte sie meinen Erlebnisraum. Ohne sie hätte ich manches nicht ausprobiert und anderes vermutlich nicht einmal in Betracht gezogen. Gleichzeitig verbrachten wir viel Zeit damit, miteinander zu reden, uns zu küssen und herauszufinden, wie der andere dachte.
Nach vier oder fünf Wochen schlug Rina vor, dass wir einmal etwas anderes machen könnten.
Programmieren.
Sie hatte neben ihrem eigenen Rechner noch einen zweiten PC zur Verfügung. Wir setzten uns an die beiden Computer und programmierten parallel mit Turbo Pascal. An die genaue Aufgabe erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass wir dasselbe Thema bearbeiteten und jeder seine eigene Lösung entwickelte.
Ich konzentrierte mich auf mein Programm. Nach ungefähr fünfunddreißig oder vierzig Minuten fiel mir auf, dass Rina kaum noch tippte. Sie sah immer wieder irgendwohin, manchmal auch möglichst unauffällig zu mir.
Für mich war die Sache eindeutig: Sie hatte keine Lust mehr. Vielleicht war sie mit ihrer Lösung nicht weitergekommen und hatte aufgegeben.
Ich arbeitete weiter.
Nach ungefähr fünfundvierzig Minuten war mein Programm fertig. Es funktionierte, und ich war mit meiner Lösung zufrieden. Rina kam zu mir herüber, sah sich das Programm an und ließ es sich von mir zeigen und erklären.
Darin ging ich auf.
Ich führte ihr vor, was das Programm machte, erklärte meinen Aufbau und meine Überlegungen. Währenddessen blieb ich überzeugt, dass ich die Aufgabe gelöst hatte, an der sie irgendwann das Interesse verloren hatte.
Als ich mit meiner Erklärung fertig war, sagte ich sinngemäß: „Du hast ja schon fünf oder zehn Minuten, bevor ich fertig war, die Lust verloren.“
Damit lag ich weit daneben.
Rina hatte nicht aufgegeben. Sie hatte auch nicht das Interesse verloren.
Sie war fertig gewesen.
Bereits in dem Moment, in dem sie aufgehört hatte zu tippen, hatte ihr Programm funktioniert. Während ich noch an meiner Lösung arbeitete, hatte sie nichts mehr zu tun gehabt und deshalb im Zimmer umhergesehen – und zwischendurch beobachtet, wie weit ich war.
Nun zeigte sie mir ihr Programm.
Es lief vollständig. Ihre Lösung war besser als meine und außerdem schneller.
Ich sah mir an, was sie geschrieben hatte, und musste anerkennen, dass sie mir nicht nur ein paar Minuten voraus gewesen war.
„Wow, du bist gut“, sagte ich.
Rina hätte das Kompliment einfach annehmen können. Das hätte allerdings nicht zu ihr gepasst.
„Na ja“, sagte sie, „irgendwann kommst du da auch noch hin.“
Dann küsste sie mich innig.
Die Bemerkung war eine Stichelei, aber keine, die Abstand zwischen uns schuf. Sie wusste, dass sie besser gewesen war, und tat nicht so, als wäre es anders. Gleichzeitig ließ sie keinen Zweifel daran, dass ihr der kleine Sieg gefiel – ebenso wie meine Reaktion darauf.
Sie musste sich nicht kleiner machen, damit ich mich neben ihr wohlfühlte. Und ich musste nicht behaupten, sie habe ihre bessere Lösung nur zufällig gefunden.
An diesem Nachmittag verstand ich etwas, das für unsere Beziehung wichtig werden sollte: Rina forderte mich heraus. Sie war nicht nur das forsche Mädchen, das Entscheidungen traf, bevor ich überhaupt wusste, dass eine Entscheidung anstand. Sie konnte mir auch auf einem Gebiet voraus sein, das mir selbst viel bedeutete.
Und sie genoss es, mich damit aufzuziehen.
Wir verbrachten danach noch viel gemeinsame Zeit vor Computern. Wir programmierten, verglichen unsere Lösungen und stichelten gegeneinander. Küssen konnten wir uns anschließend immer noch.
Manchmal sogar besonders gut.
Gerade so machbar
Nach mehr als sechs Wochen kannte Rina mich bereits erstaunlich gut. Gefühlt kannte sie mich genauso gut wie ich mich selbst – manchmal vielleicht sogar besser. Sie wusste nicht nur, was mir gefiel und wie ich über Dinge dachte. Sie kannte auch meine Grenzen.
Eine davon war meine Höhenangst.
Es war Oktober und die Saison der Freizeitparks näherte sich ihrem Ende. Für eine längere Fahrt war es uns inzwischen zu kalt, um die gesamte Strecke mit dem Moped zurückzulegen. Deshalb fuhren wir mit ihrem Vater und zwei ihrer Freundinnen zum Panoramapark. Das Auto war voll, aber wir kamen warm und ohne längere Fahrt auf dem Moped dort an.
Im Park kamen wir irgendwann zur Schiffschaukel.
Schon der Gedanke daran war für mich unangenehm. Die Schaukel bewegte sich nicht nur ein wenig hin und her. Mit jedem Schwung stieg sie höher, bis die Menschen an den äußeren Enden weit über dem Boden hingen. Ich musste nicht ganz außen sitzen, um zu wissen, dass mir diese Fahrt schwerfallen würde.
Rina diskutierte nicht lange mit mir.
„Wir fahren jetzt“, sagte sie. „Du kannst das.“
Sie suchte für uns Plätze relativ weit in der Mitte aus. Dort waren die Höhe und die Bewegungen geringer als an den Enden. Trotzdem war es für mich schlimm. Aber es war gerade noch machbar.
Rina saß neben mir. Während der Fahrt sah sie mich an und hielt meinen Arm fest. Sie versuchte nicht, mir einzureden, dass meine Angst unbegründet sei. Sie wusste, dass sie real war. Ebenso wusste sie offenbar, dass ich diese Fahrt aushalten konnte, wenn sie bei mir blieb und wir nicht zu weit außen saßen.
Als die Schaukel endlich anhielt und wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, zitterte ich. Nicht nur für einen kurzen Moment. Ungefähr zehn Minuten lang bekam ich das Zittern nicht vollständig unter Kontrolle.
Für Rina kam das nicht überraschend.
„Das war erwartbar“, sagte sie. „Aber es ging noch, oder?“
Es war eine sehr typische Frage für sie. Sie fragte nicht, ob es schlimm gewesen war. Das wusste sie. Sie fragte auch nicht, ob ich Angst gehabt hatte. Sie hatte mich während der gesamten Fahrt angesehen und meinen Arm festgehalten.
Sie wollte wissen, ob ihre Einschätzung richtig gewesen war.
Und das war sie.
Es war schlimm gewesen. Ich zitterte noch immer. Aber es war gegangen. Sie hatte mich nicht an einen beliebigen Platz gezerrt und meine Angst ignoriert. Sie hatte die Position in der Mitte gewählt, die Belastung begrenzt und war während der Fahrt bei mir geblieben. Sie hatte meine Grenze verschoben, ohne mich über sie hinauszustoßen.
Allein wäre ich vermutlich nicht in diese Schiffschaukel gestiegen. Wenn mich jemand vorsichtig gefragt hätte, ob ich vielleicht mitfahren wollte, hätte ich wahrscheinlich abgelehnt.
Rina hatte mich nicht vorsichtig gefragt.
Sie hatte mich angesehen, die Entscheidung getroffen und gesagt: „Du kannst das.“
Und sie hatte recht gehabt.
Jenseits der Grenze
Im November gingen Rina und ich zu einem Aussichtsturm irgendwo in der Gegend. Welcher Turm es war, weiß ich heute nicht mehr. Es war einer jener Türme, die als touristisches Ziel ausgeschildert waren und von deren oberster Plattform man weit über die Umgebung sehen konnte.
Wir waren allein unterwegs.
Der Aufstieg führte über Gitterstufen. Durch sie konnte ich nach unten sehen, und mit zunehmender Höhe stellte sich bei mir ein mulmiges Gefühl ein. Gleichzeitig spürte ich das Adrenalin. Das störte mich nicht. Im Gegenteil, ich mochte es sogar. Die Stufen waren sicher. Ich wusste, dass mir dort nichts geschehen konnte, und deshalb blieb das Gefühl beherrschbar.
Oben war es anders.
Die Plattform besaß eine Brüstung, die vielleicht siebzig oder achtzig Zentimeter hoch war. Sie reichte mir nicht einmal bis zur Hüfte. Dahinter befand sich zwar ein Netz, aber es war kaum zu erkennen. Ein Schild verbot das Übersteigen des Geländers, verbunden mit einer Strafandrohung und dem Hinweis auf die eigene Gefahr.
Allein dieses Schild machte die Brüstung für mich nicht vertrauenerweckender.
Ich wollte trotzdem nach vorn gehen. Nach der Fahrt mit der Schiffschaukel glaubte ich zu verstehen, was Rina mit mir machte. Sie zeigte mir Grenzen, die ich bisher für unverrückbar gehalten hatte, und bewies mir, dass ich manchmal weitergehen konnte, als ich selbst dachte.
Vielleicht war dies einfach die nächste Grenze.
Ich ging mit ihr über die Plattform auf die Brüstung zu. Ungefähr zwei Meter vor dem Rand hielt sie mich an.
„Du wartest hier.“
Ich wollte weiter. Schließlich war ich mit ihr auf diesen Turm gestiegen. Ich hatte die Gitterstufen bewältigt und war bereit, es wenigstens zu versuchen.
Rina ließ mich nicht.
„Das kannst du nicht. Du kippst mir um.“
Sie sagte es nicht spöttisch und auch nicht ängstlich. Es war eine Feststellung. So eindeutig wie damals, als sie entschieden hatte, dass ich sie nach Hause fahren würde. Nur traf sie diesmal keine Entscheidung darüber, was ich tun sollte, sondern darüber, was ich nicht tun durfte.
Ich blieb zwei Meter vor der Brüstung stehen.
Rina ging allein weiter bis zum Rand. Ich sah ihr nach, während sie dort stand und die Aussicht betrachtete, für die wir den Turm hinaufgestiegen waren. Ich selbst kam der niedrigen Brüstung nicht näher.
Später sagte sie: „Das war jenseits deiner Grenze. Glaub mir, ich weiß es.“
Und wieder hatte sie recht.
Die Schiffschaukel war schlimm gewesen. Danach hatte ich zehn Minuten lang gezittert, aber ich hatte die Fahrt bewältigen können. Rina hatte das vorher gewusst. Sie hatte einen Platz in der Mitte gewählt, meinen Arm festgehalten und darauf vertraut, dass es gerade noch ging.
Auf dem Turm vertraute sie nicht darauf.
Dort erkannte sie die Grenze, bevor ich bereit war, sie mir selbst einzugestehen. Sie musste mir nichts beweisen und wollte auch nicht herausfinden, wie weit sie mich treiben konnte. Sie wusste, dass ich an dieser Stelle nicht ein wenig über mich hinausgewachsen wäre.
Ich wäre umgekippt.
Rina kannte mich inzwischen gut genug, um mich manchmal weiterzuführen, als ich allein gegangen wäre. Und sie kannte mich gut genug, um mich aufzuhalten, wenn ich ausgerechnet ihr beweisen wollte, dass ich weitergehen konnte.
Auf der Schiffschaukel hatte sie gesagt: „Du kannst das.“
Auf dem Turm sagte sie: „Du wartest hier.“
Beides bedeutete dasselbe.
Ich vertraute ihr.





