Veröffentlicht: 25.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Das Idol
Es war an einem warmen Frühlingsabend, als der 12-jährige Emilio zum Schachtraining ging. Kurz bevor er das Spiellokal erreicht hatte, wurde er auf einmal von einem Jugendlichen, vielleicht zwei bis drei Jahre älter, von der Seite angesprochen. „Wie geht´s Schwuchtel?“ Emilio tat, als hätte er nichts gehört und ging eilig weiter, doch der fremde Junge stellte sich, begleitet von zwei etwa gleichaltrigen, ihm in den Weg. „Was ist, kannst du nicht antworten?“ Ängstlich sah Emilio zu ihm hoch. Der Junge fing an, ihn vor sich her zu stoßen. Nun wurde der Vorgang von Ahmet beobachtet, der ein Jahr jünger war als Emilio. Ahmet rannte zum Vereinsheim und sagte Adrian Bescheid. Adrian war der Jugendleiter hier. Bei Schachspielern hat man vielleicht klischeehaft sehr unsportliche Personen vor sich, die ihre ganze Energie in den Denksport steckten. Doch Adrian war nicht nur ein guter Schachspieler, der Heranwachsende motivieren konnte. Er war auch ein großgewachsenes Muskelpaket und mit 24 Jahren im besten Alter. Wer sich nicht gerade auf Kampsport verstand, hatte wenig Lust sich mit ihm zu messen. „Die nehme ich mir vor“, verkündete er entschlossen und ließ sich von Ahmet den Weg zeigen. Umringt war er von acht weiteren Kindern und ein paar Jugendlichen, die den Provokateuren alleine garantiert aus dem Weg gegangen wären. Doch gemeinsam mit Adrian, diesem großwüchsigen Kraftpaket, verloren sie alle Angst. Unter ihnen war auch der 11-jährige Leonhard, der heute zum ersten Mal zum Schachtraining in diesem Verein kam. Er hatte zuvor schon zwei Jahre in einem anderen Verein gespielt. Nachdem er mit seinen Eltern umgezogen war, suchte er sich auch einen neuen Verein. Die Gruppe wurde noch Zeuge, wie der Junge Emilio weiter vor sich her stieß und von seinem Freund aufgefordert wurde, ihm doch einfach die Fresse zu polieren. Doch war die Schachgruppe nicht zu überhören, und Adrian brauchte nichts zu sagen. Sie hörten sofort auf. Er blickte jedem einzelnen scharf in die Augen und keiner von ihnen hielt seinem Blick auch nur eine Sekunde stand. Die drei, die eben noch für Angst und Schrecken gesorgt hatten, standen nun klein wie Mäuse vor Adrian. „Seid ihr die Sandkastenrocker von der Förmchenbande?“ begrüßte Adrian die drei. Diesen Spruch kannte er noch aus seiner Jugend und er verfehlte seine Wirkung nicht, denn alle seine Schützlinge brachen in lautstarkes Gelächter aus und wiederholten ihn: „Ihr seid die Sandkastenrocker von der Förmchenbande“ mussten sich die drei nun von Kindern anhören, die viel kleiner und alleine sicher chancenlos gewesen wären. Und die drei, vor einer Minute noch eine Bedrohung für viele vorbeigehende, waren nun öffentlich bloßgestellt und brachten kein Wort heraus. Adrian spürte ihre Unsicherheit und kostete die Situation voll aus. Mit langsamer, aber bedrohlicher Stimme sprach er weiter, seinen Blick fest auf sie gerichtet: „Ich mag es überhaupt nicht, wenn man sich an meinen Spielern vergreift“. Schließlich antwortete der Junge, der Emilio vor sich her gestoßen hatte mit leiser, unsicherer Stimme: „Wir haben nur Spaß gemacht“. Doch er sprach den Satz kaum zu Ende, denn Adrian fixierte ihn mit seinem Blick, dass er vor Angst kaum weitersprechen konnte. Alleine Adrians Blick reichte, um seine ganze Missachtung zum Ausdruck zu bringen. Er legte seine Hand auf Emilios Schulter und ging mit ihm und den anderen zurück.
Beim Training zeigte Adrian sein ganzes Talent, Heranwachsende für den Schachsport zu begeistern. Fast 90 Minuten lang übte er mit ihnen mit verschiedenen Methoden Stellungsmotive und gab ihnen praktische Tipps. Dabei schaffte er es auch noch, Spieler mit sehr unterschiedlichen Spielstärken gleichzeitig zu trainieren. Leonhard blühte hier auf. Als Adrian zu den drei Jugendlichen gesagt hatte, er möge es nicht, wenn man sich an seinen Spielern vergreift, war er richtig stolz, nun einer von ihnen zu sein. Und dann kam das Training, das ihm und vielen anderen großen Spaß bereitete. Auch die Eltern der Kinder waren begeistert von Adrian. Förderte er ihre Kinder doch nicht nur im Denksport, er ging mit ihnen auch auf viele Turniere. All die Zeit, die sie mit Schach beschäftigt waren, verbrachten sie nicht am Smartphone oder einer Playstation. Am Ende des Trainings wurden Partien gespielt und notiert. Leonhard spielte gegen Ahmet und verlor. Aber er hatte noch von seinem früheren Trainer gelernt, dass man aus Verlustpartien am meisten dazu lernt. So bat er Adrian um eine Partieanalyse. Der nahm den Ball gerne auf und zeigte zum Schluss die Partie der gesamten Gruppe. Leonhard fühlte sich so etwas von geehrt.
Adrian nahm das Partieformular und demonstrierte die Partie am Demobrett. Die Eröffnung hatten beide gut gespielt. Im 12. Zug kam es zu einer taktischen Abwicklung. Leonhard hatte einen schlechten Zug gespielt, doch Ahmet sah seinen Fehler nicht. Adrian kommentierte Leonhards Zug: „Du patzt, nach Sxe4 hängt dein Läufer.“ Auch Leonhards nächster Zug war keine Glanzleistung, er stellte einfach eine Figur ein. „Hat man dir in deinem alten Verein nicht beigebracht, wie man Schach spielt?“ Leonhard war peinlich berührt, zumal die anderen Kinder über diesen Kommentar laut lachen mussten. Ausgerechnet Adrian, der gerade noch sein Idol war, demütigte ihn jetzt vor allen anderen. Drei Züge später hatte Leonhard jedoch einen Bauern geopfert, um zwei Züge später eine Figur zurück zu gewinnen. Er freute sich schon auf Adrians Anerkennung, gab es doch nichts Überzeugenderes, als erfolgreiche Opfer. Doch auch für diesen Zug hatte Adrian nichts übrig. „Opfern sollte man nur, wenn man es auch kann, du verlierst doch einen Bauern für nichts.“ Dieses Mal ließ Leonhard es nicht auf sich sitzen. „Aber nach La3 gewinne ich doch eine Figur!“ Adrian sah auf das Brett und musste erkennen, dass er das Opfer falsch eingeschätzt hatte, seine Kritik war unberechtigt gewesen. „Du hast auf jeden Fall verloren, also konnte es nicht gut sein“, erwiderte er und baute die Stellung ab, bevor andere noch zu einer anderen Meinung kommen konnten. Leonhard standen die Tränen in den Augen.
In den knapp zwei Stunden hatte Leonhard immer mehr Vertrauen in Adrian gewonnen. Es war so groß, dass er zu seinem Idol wurde. Doch in nicht einmal fünf Minuten hatte Adrian alles wieder zerstört. Er war zwar mutig genug, ein paar aggressive Halbwüchsige in die Schranken zu weisen – vermutlich hätte er sich ihnen auch entgegengestellt, wenn sie erwachsen wären. Doch er hatte nicht den Mut, Fehler einzugestehen, geschweige denn sich dafür zu entschuldigen. Seine Erfolge im Schachtraining wurden durch diesen und andere solche Zwischenfälle kaum geschmälert. Er brachte weiterhin vielen Heranwachsenden die Künste des Schachspiels bei und ging mit ihnen auf Turniere. Seine Mannschaften feierten weiterhin große Erfolge. Doch Leonhard kam nie wieder.





