Veröffentlicht: 22.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Die Legende vom einsamen Rächer (Aprilaktion)
Ein eisiger Wind fegte über diese trostlose Landschaft, trieb lose Kugeln aus aus dürren Gräsern vor sich her.
Er lag auf einer Anhöhe, die Straße oder dass, was man als solche bezeichnete, fest im Blick.
Er lauerte.
Jetzt nur nicht einschlafen, dann wäre alles umsonst gewesen?
Sein Gegner Ike Teckler war einst ein respektloser Revolvermann, körperlich stark und blitzschnell mit dem Colt.
Er, Pieter Bellingfox wollte hier draußen in dieser Öde seinen Überraschungseffekt nutzen.
Nur sie Beide.
Auge um Auge.
Pieter bereitete sich die vergangenen zehn Jahre auf den heutigen Tag vor, der auf dieses finale Treffen hinauslief.
Er prüfte bereits zum wiederholten Mal die beiden Pistolen.
Die Waffen waren blitzblank poliert.
Er hatte sie in einen ölgetränkten Lappen gewickelt, um zu verhindern, dass im entscheidenden Moment die Mechanik blockierte.
In weiter Ferne sah er die Staubwolke.
Es musste Ike Teckler sein.
Der Stationsdiener hatte Pieter heute Morgen das Telegramm übergeben.
Da war Ike Teckler bereits aus dem Zuchthaus entlassen worden.
Zum späten Nachmittag, so hatte er es sich ausgerechnet, würde Teckler die Stelle passiert haben, wo sich Pieter vorübergehend eingerichtet hatte.
Pieter sann auf Rache.
Teckler vielleicht ebenso, da Pieter ihn mit seiner Aussage ins Zuchthaus brachte.
Aber das war Pieter egal.
Ike Teckler hatte Pieters Familie auf dem Gewissen.
Seine Frau und die Zwillinge überfallen und getötet.
Als sich Pieter an seinen Verlust erinnerte, brach er in Tränen aus.
Zehn lange Jahre trainierte er Tag für Tag für das finale Duell.
Kehrtwende, acht Schritte laut abzählen, kurz Zielen, Klick.
Manchmal lud Pieter die Waffe auch vor dem Prozedere.
Dann musste eine leere Whiskyflasche daran glauben.
Das waren Tage des Schmerzes.
Er musste sich täglich ermahnen, damit der Hass auf Teckler ihn nicht zerfraß.
Morgen war es vorbei, fasste er neue Zuversicht.
Er würde von diesem vergangenen Trauma erlöst sein.
Er betete, dass von diesem Moment an, nichts mehr schief geht.
Am morgigen Tag würde er in Frieden mit sich und der Welt aufwachen.
Im Normalfall hätte man Teckler an Ort und Stelle aufknüpfen müssen.
Aber der Sheriff selbst war korrupt, hatte sich schmieren lassen.
Dafür drückte er bei der Festnahme Tecklers ein Auge zu.
Gerade zehn lächerliche Jahre hatte Teckler für den Dreiffachmord bekommen.
Teckler und auch Bellingfox würden nur einen Schuss zur Verfügung haben.
Da der Reiter nicht mehr weit von Pieters Lager entfernt war, holte Bellingfox seine Rifle aus der Gewehrtasche.
Als Teckler in Reichweite der Rifle war, richtete Pieter sich auf.
Die Waffe auf Teckler gerichtet, der abrupt seinen Gaul stoppte.
"Oh, Bellingfox", grunzte er. "Welche Ehre, dass du mich schon vor der Stadt empfängst."
"Ich möchte nur vermeiden, dass mir der korrupte Sheriff ein zweites Mal in die Quere kommt. Du hättest damals hängen müssen. Ich bin hier, um den Tod meiner Familie zu rächen."
"Da müsstest du Waschlappen mich erst erlegen. Du hattest damals nicht den Mumm mich an Ort und Stelle abzuknallen. Und du schaffst es heute nicht."
"Ich hatte an das Gesetz geglaubt", entschuldigte sich Bellingfox.
"Das Gesetz ist der Colt."
"Genau! Deswegen stehen wir uns auch gegenüber."
Teckler kniff die Augen zusammen.
Er wog seine Chancen ab.
"Du meinst es ernst?"
"Todernst", bestätigte Pieter Bellingfox. "Doch jetzt wirft mir deinen Gurt mit deiner Kanone rüber. Und keine Zicken."
"Ein Duell ohne Waffe?"
"Du bekommst eine. Wir duellieren uns wie Gentleman. Jeder hat einen Schuss. Das Schicksal entscheidet."
"Bellingfox, du bist ein unverbesserlicher Träumer. Aber gut. Wir händeln die Sache nach der alten Schule."
Teckler gehorchte wie befohlen, warf den Gurt vor Bellingfox Füße.
Dann sprang er vom Pferd und verharrte an Ort und Stelle.
Bellingfox nahm den Waffengurt an sich und brachte ihn zu seinem Lager.
Dann holte Pieter den ölgetränkten Lappen mit den zwei Vorderladerpistolen.
Er überreichte Ike Teckler eine der Pistolen, mit der Mündung auf ihn gerichtet.
Teckler ergriff die Pistole und sah ungläubig auf die Waffe.
"Ist das Ding auch geladen?"
"Du kannst ja einen Probeschuss abfeuern".
Bellingfox grinste bei der Bemerkung.
"Scherzkeks", knurrte Teckler.
"Ich sagte doch, wir halten es wie Gentleman. Ich war Offizier bei den Konförderierten. Duelle sind eine Frage der Ehre."
"Lass uns die Sache endlich zu Ende bringen. Ich wollte noch vor Sonnenuntergang in der Stadt sein."
"Auf einen Treff mit Tanner, diesem korrupten Hund?", fragte Bellingfox.
"Der kann mir gestohlen bleiben. Ich möchte ins Freudenhaus. Endlich eine Frau spüren. Verstehst du das?"
"Well. Ich vermisse meine Frau jetzt auch zehn Jahre. Bevor du nicht unter der Erde bist, rühre ich auch keine Neue an", knirschte Pieter Bellingfox.
"Dann teilen wir ein Schicksal."
"Ertragen wäre die richtige Schlussfolgerung."
"Lassen wir den Smalltalk. Wie halten wir es jetzt?"
"Wir beginnen Rücken an Rücken, spannen den Hahn und laufen jeder laut zählend acht Schritte ab. Auf eins drehen wir uns um und schießen."
"In Ordnung, ich bin bereit."
Das Duell begann.
Beide Kontrahenten schossen gleichzeitig.
Bellingfox verzog das Gesicht.
Die Kugel aus Tecklers Pistole hatte seine Schulter gestreift.
Blut tränkte seinen Hemdsärmel.
Teckler fiel in den Staub der Wüste.
"Bellingfox, bitte lass mich hier nicht wie Aas verrotten. Bring meinen Leichnam in die Stadt und übergib ihn dem Totengräber", röchelte Teckler seine letzten Worte. "Es sind noch ein paar Dollar für ein Begräbnis in den Satteltaschen."
"Teckler, was denkst du von mir", antwortete Bellingfox leise. "Ich bin doch ein zivilisierter Mensch."
Er verschloss dem Toten die Augen, huckte ihn hoch und legte ihn quer über dessen Pferd.
Dann schritt Bellingfox entspannt zurück in die Stadt.
In der Hand hielt er den Zügel von Tecklers Gaul, der hinterdrein trabte.
Pieter hielt kurz Inne, schloss die Augen und zog die kühle Abendluft ein.
"Morgen beginnt mein neues Leben, frei von Hass und Rache."
Jens Richter, im April 2026
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