Veröffentlicht: 06.11.2026. Rubrik: Abenteuerliches
Die Pyramide
Ich stand völlig neben mir.
Drei Tage war es jetzt her, als Isabella sich in die Teleportationskapsel gesetzt und eine mir unbekannte Zeiteingabe eingestellt hatte.
Was hatte sie nur geritten?
Ich wollte ihr die Tage endlich einen Heiratsantrag machen, hatte meinen ganzen Mut zusammen genommen.
Dabei hatte ich mich wegen der Verlobungsringe noch in Unkosten gestürzt.
Und nun ist diese Kapsel seit drei Tagen leer.
Professor Marcelloni ging mir seitdem aus dem Weg.
Er konnte mich unmöglich trösten.
Ich hasste seine Erfindung, die Zeitmaschine!
Gerade auch deswegen, weil der Professor sich von meiner Mutter um den Finger wickeln lassen hatte.
Andererseits hatte mir die Feldforschung das begehrte Ingenieursdiplom beschert.
Doch was nützt mir dieses Papier, wenn Isabella nicht mehr bei mir war.
An der Seite dieser attraktiven Frau wollte ich alt werden.
Was habe ich übersehen?
Hatte sie mir irgendetwas angedeutet, dass für ihre Zukunft wichtig war?
Ich schüttelte den Kopf.
Wir hatten gemeinsam Pläne geschmiedet, gemeinsam gelacht, uns gestritten.
Am heftigsten über Marcelloni.
Ich verteidigte seine Forschungen.
Isabella hielt sie für naiv.
Doch da war noch was anderes.
Die letzten Nächte vor ihrem Verschwinden hatte sie Albträume.
Sie sprach laut in diesen Träumen.
Aber es war nicht ihre Stimme.
Mir kam es so vor, als lebte noch eine weitere Persönlichkeit in ihrem Körper.
Mir gruselte es vor dieser unbekannten Stimme.
Es war nicht nur die Stimme, die mir Angst machte.
Es war diese alte Sprache.
Ich tippte auf Altägyptisch.
Irgendwann hatte ich ihre nächtlichen Monologe mit dem Tonband aufgenommen.
Ich sprach Isabella auf ihre Träume an.
Sie konnte sich natürlich an nichts erinnern.
Oder sie wollte nicht.
Auf jeden Fall musste ich es herausfinden.
Ich fing an nach Anhaltspunkten zu suchen und nahm alles von Isabella unter die Lupe.
Ihre Schränke, ihren Spint im Labor, ihre Aufzeichnungen.
Sie forschte für ihr Magisterdiplom.
Das Thema war Teleportation.
Und es gab noch ihr Tagebuch.
Hatte ich das Recht es zu lesen?
Eigentlich stand es mir nicht zu.
Ein Tagebuch ist etwas intimes, dem vertraut man jede Freude, jede Kleinigkeit und alle Sorgen an.
Es ist wie der beste Freund, dem man etwas mitteilt, ohne Gefahr zu laufen, dass er das Gesagte bei passender Gelegenheit preisgibt.
Ich öffnete es dennoch.
Ich musste Gewissheit erlangen, wo sich Isabella aufhielt.
Auf den ersten Seiten stand nur Blabla.
Ich fand Einträge wie wir Beiden uns lieben lernten, über ihren Mentor Professor Marcelloni und über ihre nächtlichen Albträume.
Was sie am Ende in ihrem Tagebuch niedergeschrieben hatte, war interessant.
Isabella träumte von einer Pyramide tief in der Wüste Ägyptens, die von der Gottheit Seth erbaut war.
Was sie so besonders machte, war, dass die Pyramide aus losem Sand bestand und nie zwei Tage an einem Ort verweilte.
In einem früheren Leben war Isabella eine Hohepriesterin unter Seth.
Seth war der Gott des Chaos, des ungestümen Handelns und der Sandstürme.
Isabelle wurde von der Göttin Maat an die Seite Seths gestellt, um ihn zu zähmen.
Maat galt als die Göttin der Harmonie, von Recht, Gesetz und der Wahrheit.
Daher war sie bestrebt die göttliche Ordnung aufrecht zu erhalten.
Isabella wurde in ihren Träumen von Maat zur Pyramide zurückgerufen, um die Völker entlang des Nils vor großer Finsternis zu bewahren.
Seth war durch List und Tücke in Besitz des allsehenden Kristallauges gelangt, wodurch er das gesamte ägypische Reich kontrollieren konnte.
Die Mischung seines unberechenbaren Wesens und der Macht des allsehenden Auges stellten selbst für die anderen Gottheiten eine Gefahr dar.
Isabella sollte das allsehende Auge zu dem Einen (der obersten Gottheit), der immer war und immer ist, zurückbringen.
Seths einzige Schwäche war die Hohepriesterin an seiner Seite, die es vermochte ihn nach belieben um den Finger zu wickeln.
Ihre ausgeprägten fraulichen Reize zogen Seth magisch an.
Sein Verlangen nach ihr war toxisch.
Er war eifersüchtig auf jeden Untertan, der es wagte, die Hohepriesterin auch nur anzusehen.
Diese unglücklichen Männer wurden von ihm auf der Stelle getötet.
Irgendwann kam Seth zu der Einsicht, dass er nicht alle Männer auslöschen konnte.
In einem Anfall zerstörerischer Eifersucht erschlug er die Angebetete.
Isabella erlangte in ihren Träumen über sämtliche Details Kenntnis, wann und wo die Pyramide landen würde.
Sie hatte die Teleportationskapsel mit der Zeitmaschine gekoppelt, um nach Ägypten ins Tal der Könige zu reisen.
Anfangs wollte ich diese abstruse Geschichte nicht glauben, hätte sie nicht die exakten Koordinaten des Standortes der Pyramide in ihr Tagebuch eingetragen.
Ich verglich die Daten mit Isabellas Verschwinden .
Sie war tatsächlich mehr als zehntausend Jahre in die Vergangenheit gereist.
Ich musste ich mich entscheiden.
Wenn ich ihr irgendwie helfen konnte, dann musste ich sofort handeln.
Und ich wollte ihr helfen.
Ich packte meinen Rucksack, steckte Mutters Derringer ein und holte meinen Jo aus der Kammer.
Ein Seil mitzunehmen, schien mir auch keine schlechte Idee zu sein.
Mir war klar, dass diese Unternehmung, auf die ich mich einließ, ein Ticket ohne Rückkehr sein könnte.
Ich wischte meine Zweifel beiseite, denn ich wollte bei Isabella sein.
Marcelloni und seine Studenten machten Feierabend.
Das ich mitunter bis spät im Labor arbeitete, war für den Professor kein Problem.
"Max, schaltest du den Strom ab, bevor du die Halle verlässt?"
"Mach ich, Professor", antwortete ich.
Der Professor verließ die Universität.
Ich lud die Energiespeicher beider Maschinen auf.
Jetzt zur abendlichen Stunde das öffentliche Stromnetz dermaßen anzuzapfen, könnte zu einer Frequenzveränderung führen.
Hoffentlich verursachte ich so keinen Stromausfall.
Das Glück war auf meiner Seite.
Ich gab die selben Zieldaten wie vor mir Isabella in das System der Teleportationskapsel ein.
Dann holte ich meine Utensilien und setzte mich in die Kapsel.
Das Dröhnen brachte mich beinahe um den Verstand.
Dann war ich gelandet.
Zu meinem Erstaunen landete ich zeitgleich mit Isabella in der Wüste, genauer gesagt im Tal der Könige.
Wir schauten uns verdattert an.
Statt sich über meine Anwesenheit zu freuen, wetterte sie los.
"Max, hast du es gewagt in meinem Tagebuch zu lesen?"
Sie schmollte.
"Und du wolltest dich wohl so mir nichts, dir nichts aus dem Staub machen? Isabella, ich liebe dich!"
"Max, das hier verstehst du nicht."
"Du hättest es mir erklären können!"
"Ich hatte geglaubt, du würdest mich auslachen und mich von meiner Mission abhalten."
"Vielleicht, weil ich mir Sorgen mache."
"Es gibt kein Zurück mehr für mich, Max."
"Dann gibt es für uns Beide kein Zurück mehr."
"Ach Max."
Sie umarmte mich und gab mir einen Kuss.
Wie im Märchen trieb der Wüstenwind Sand vor sich her, der sich zu einen Berg auftürmte und sich schließlich zu einer Pyramide formte.
"Was ist dein Plan, Isabella?"
"Seth hat gerade die Hohepriesterin erschlagen. Ich muss an ihre Stelle treten. Wir gehen in die Pyramide, ich lenke Seth ab und du nutzt diesen Moment aus, um das allsehende Auge zu holen. Du machst dich schleunigst aus dem Staub und bringst das Artefakt in Sicherheit."
"Nein", widersprach ich.
"Doch, du gehorchst. Seit tausenden Jahren inkarniere ich immer aufs Neue, um diese Mission zu vollenden."
"Isabella!"
"Schweig jetzt, Max. Mach es für mich nicht noch schwerer. Vertraue mir, alles fügt sich."
Wir schritten gemeinsam zur Pyramide.
Ich hatte den Rucksack und meinen Jo dabei.
Die Wachen am Eingang der Pyramide ließen uns problemlos durch.
Sicher lag das an Isabellas Präsenz.
Die Männer schöpften keinerlei Verdacht.
Nach endlosen Gängen, gelangten wir in eine überdimensionale Halle.
Im Zentrum der Halle ruhte Seth kniend vor dem Leichnam der Hohepriesterin.
Ihr Haar war mit Blut verklebt.
Seth war ein riesiges Wesen, halb Tier, halb Humanoid.
Sein Kopf glich dem einer Antilope.
Ganz sicher war ich mir nicht, aber Bilder dieser Gottheit hatte ich bereits im Fundus meines Oheims gesichtet.
Der Was-Stab und das Anch-Symbol lagen neben Seth am Boden.
Lautstark trauerte er um seine Priesterin.
Im Hintergrund der Halle stand eine Stele, angeleuchtet vom Schein der Fackeln, auf der das ominöse allsehende Auge ruhte.
Isabella zeigte darauf.
Ich verstand.
Forsch schritt sie auf Seth zu.
Dieser stieß vor Schreck einen schrillen Laut aus, als hätte er einen Geist gesehen.
Im Schatten der Wände tastete ich mich lautlos bis zur Stele vor.
Ich nahm das Relikt herunter und verstaute es im Rucksack.
Eine heftige Diskussion entbrannte zwischen Seth und Isabella auf Altägyptisch.
Sie schimpfte auf Seth ein.
Ich hatte beinahe den Weg zurück zum Zugang der Halle geschafft, als er mich erblickte.
Er ergriff seinen Stab und verfolgte mich.
Und er war schnell.
Er holte zum Schlag aus.
Mit dem Jo konnte ich den Schlag parieren.
Aber sein Schlag war dermaßen heftig, dass mein Jo in zwei Teile zerbarst.
Isabella hechtetet hinter Seth her, sprang an seinem Rücken hoch und umklammerte ihm am Hals.
Seth fiel rücklings zu Boden.
Wütend rappelte er sich auf, holte erneut aus und schlug auf Isabella ein.
"Lauf Max", röchelte sie, bevor ihre Stimme erstarb.
Sie war tot.
Seth fiel auf die Knie.
Als wenn er sagen wollte, was habe ich nur angerichtet?
Er warf seine Arme auf Isabella und schluchzte markerschütternd.
Ich sah ein, dass ich nichts mehr für meine Geliebte tun konnte und sprintete, was meine Beine hergaben, an den Wächtern am Eingang vorbei, ins Freie.
Im Sand zu rennen war nicht einfach.
Die Wächter warfen ihre Speere nach mir.
Sie verfehlten mich nur knapp.
Ein Speer hob ich im Lauf auf, man weiß ja nie, wozu er noch gut war.
Im letzten möglichen Moment erreichte ich die Teleportationskapsel, denn zwischenzeitlich verfolgte mich auch Seth.
Ich zog die Tür der Kapsel zu und verriegelte sie von Innen.
Die Gottheit wütete draußen, während ich hastig, unter wild pochendem Herzschlag die Heimatkoordinaten einstellte.
Auf der Rückreise stellte ich mir das entsetzte Gesicht des Gottes vor.
Dann überkam mich eine unendliche Trauer.
Ich hatte Isabella verloren, musste sie in der Pyramide zurücklassen.
Die nächsten Wochen und Monate benötigte ich, um meine Trauer zu verarbeiten.
Das allsehende Auge verstaute ich in einem Pappkarton auf dem Dachboden in Mutters Haus.
Dazu den Speer des Wächters.
In Isabellas Tagebuch schrieb ich das Abenteuer ein, dass wir gemeinsam in der Pyramide erlebt hatten, bevor sie mir von diesem Seth genommen wurde.
Dann legte ich das Tagebuch in Isabellas Spint zurück.
Mir würde ohnehin kein Mensch das Erlebte glauben.
In meinem Zimmer richtete ich einen Schrein für meine teure Geliebte ein.
Vielleicht war es Forschern nicht vergönnt eine intensive Beziehung zu führen.
Warum sollte es mir besser gehen, als meinem Oheim Alexander.
Irgendwann, ich hatte meine Forschungsarbeiten längst wieder aufgenommen, als sich die Teleportationskapsel wie von Zauberhand alleine verriegelte und der Energieaufladeprozess hochfuhr.
Dann dröhnte die gesamte Apparatur.
Als die Tür aufging, erschien Isabella.
Ich stutzte.
"Kneif mich bitte. Bist du es wirklich Isabella?"
Sie lachte.
"Ach Dummerchen, glaub es doch endlich. Wir leben immer. Ich war Seths Hohepriesterin, ich war Isabella und jetzt stehe ich als Mara vor dir, weil ich zweihundert Jahre aus der Zukunft zurückgekehrt bin, um endlich bei dir zu sein."
"Ihr Beide wart doch tot oder?"
"Nur unsere Körper."
Ich war nicht sicher, ob ich schon verrückt bin.
"War deine Mission wenigstens von Erfolg gekrönt?
"Ja sicher, die Gottheit konnte zumindestens die Zukunft nicht mehr beeinflussen und so verlief die Geschichte wie wir sie kennen."
Jens Richter, Juni 2025
6x
Geschichte Nummer 11314



