Veröffentlicht: 28.01.2026. Rubrik: Unsortiert
Inneres Eis
Sicht- und hörbar lebte die Stadt. Die Leuchtreklame gegenüber von einer Apotheke zeigte 4.18 Uhr wechselte zur 19. Ich durfte nicht die Augen schließen, blieb wach, hellwach musste jetzt bleiben.
Es wurde mir kalt im Shirt und den Bermudashorts. In der Küche stand die Senseo, füllte Wasser nach, griff zu einem Espresso-Pad in einer der drei runden Dosen. Die schwarze dampfende Brühe floss hörbar in die Tasse. Ich griff zu einem Ei im Kühlschrank, schlug es auf, ließ das Eigelb in die Tasse gleiten, rührte vorsichtig um mit einem Löffel, trank ein wenig davon. Die Wirkung kam schlagartig. Ich trank die Tasse leer.
„Hat es dir geschmeckt?“
„Hast du mich schon länger beobachtet, nehme es an“. Sie stand angelehnt im Türrahmen, sah süß aus in ihrem gelben Nachthemd, das bis zu den Knien reichte.
„Ich merke schon, wenn neben mir was fehlt. Was war los, sah dich draußen sitzen immer mal ein Bein anheben“.
„Wenn ich jetzt sage es sind die Dämonen meiner Erinnerung wirst du lachen, mich nicht verstehen. Glaub mir, nach dem Ereignis bot man mir Hilfe an, ging hin und es hielt so vier oder fünf Jahre an bis … ja, bis es diesen Autounfall gab, war nur Zeuge, stand wegen einem Stau auf der Autobahnraststätte, sah auf den Verkehr und dann ach, egal will dich nicht belasten damit“. Tomatensaft stand im Kühlschrank. Ich goss mir ein Glas voll, tat Pfeffer dazu, trank es schluckweise leer. „Komm lass uns wieder ins Bett gehen“.
„Gut, aber deine Traumgeschichte will ich wissen, du erzählst sie mir“.
Sie legte sich mit dem Rücken zu mir ins Bett. Ich spürte ihre kalten Füße. Es widerstrebte in mir alles ihr davon zu erzählen. Was mir nicht gut bekam würde sie aufregen, zu Fragen an mich verführen, wo alles wieder aufgerollt wird von dem, was ich nicht vergessen konnte.
Es gibt so Situationen da schliddert man rein, lernt Jemand kennen der umgezogen neuer Kollege wird oder Kollegin. Wir gingen damals alle 14 Tage samstags zum Bowling, dann in einen Diner und oft noch in die Spätvorstellung im Kino-Center.
Die Neue, von uns gleich Karin genannt, kam wie von selbst gleich mit in den Kreis. Wir hatten Männerüberschuss, Karin gleich herzlich aufgenommen, obwohl wir von ihr eigentlich nichts wussten außer sie hat ihre erste eigene Wohnung, kam mit einem schwarzen Smart zu Arbeit.
Karin schrieb die Rechnungen für unsere Kunden, achtete auf fehlende Zahlungen und nahm Beschwerden an. Alles lief normal wie immer bis sie von Ärger mit einem anderen Hausbewohner sprach.
Am folgenden Samstagabend fehlte sie am Treffpunkt. Ulf rief sie an, sagte später zu uns sie ist krank, liegt im Bett mit Fieber. Montag erschien sie gut gelaunt, entschuldigte ihr fehlen. Um 17 Uhr pünktlich beendeten wir die Arbeit. In Karins Smart saß ein Mann mit Vollbart.
Wir fuhren los, sie als letzte hinter uns.
Hinterher waren wir alle, wie soll ich es beschreiben, entsetzt was geschehen war und niemand verstand. Karin gab mir gleich zu Anfang ihren Wohnungszweitschlüssel, bat mich ihn aufzubewahren. Ich fragte, warum und sie antwortete, hatte mich ausgesperrt, nun ein neues Wohnungsschloss du kannst mein Retter sein sollte es nochmal passieren.
Es vergingen Wochen, sie machte wieder mit, kam zum Bowling, ging mit in die Spätvorstellung, in die Disco. Selbst bei Barbesuchen sagte sie komme mit. Drei Wochen Urlaub, ich kam erholt zurück und ihr Schreibtisch war besetzt mit einer älteren Dame.
Günter unser Chef bat mich in sein Büro.
„Bevor du fragst, Karin hat gekündigt, vor ein paar Tagen noch ihren Resturlaub genommen“.
„Warum, war doch alles ok mit ihr. Ich habe noch einen Schlüssel ihrer Wohnung“.
„Kanntest du sie näher?“
„Eigentlich nicht, sie gehörte zu uns, du kennst doch unser Samstagsvergnügen. Bei ihr in der Wohnung war ich nie, wohl keiner von uns“.
„Dann fahr doch hin zu ihr, sie hat hier noch private Sachen dagelassen. Frau Franz hat sie zusammengepackt“.
„Soll ich sie ihr jetzt bringen?“
„Frag nicht so viel fahr einfach“.
Ja so war es damals. Ich fuhr bis nah an ihr Wohnhaus, sah den schwarzen Smart dastehen. Klingelte ohne Reaktion darauf. Ich wartete, versuchte es noch einmal. Wieder nichts, drückte wahllos auf eine andere Klingeltaste. Eine weibliche Stimme fragte wer ich sei, die Post reichte, war drin.
Im Aufzug standen die Namen neben den Etagen-Knöpfen. Ich drückte bei Karins Namen, verließ den Fahrstuhl auf ihrer Etage. Auf mein Klingeln bei ihr kam niemand. Es war still in ihrer Wohnung.
Warum nicht, ich bin einmal da und zurück wieder mit ihren Sachen wollte ich nicht. Ich schloss auf, ging hinein, stellte die Sachen auf den Garderobenschrank. Es roch muffig, abgestandene Luft und doch sehr eigenartig für mich.
Wäre die Polizei hereingekommen sie hätten gerufen sauber bis aufs Bad, wo die Türe nur angelehnt war und ich sie anstoßend ganz öffnete. Mit starren Augen sah Karin mich an. Ihr Blick ließ mich nicht los. Ihr Gesicht war bleich, der Mund leicht geöffnet. Das viele Blut die leere Gin-Flasche, im Wasser der Wanne lag ein Filetiermesser und hinter ihr auf der Ablage eine leere Packung IBU 800. Ich weiß nicht, wie lange ich fassungslos dastand.
Aufgewacht bin ich erst sitzend auf der Etagentreppe, als ein Polizist kam. Was folgte war ein Albtraum, mir gegenüber ein Beamter, der bitte noch einmal von vorne zu mir sagte.
Am nächsten Tag hieß es wir mussten nach ihrem Handy fragen, ist alles ok. Er schob es mir hin, schwieg zu den laufenden Ermittlungen.
Drei Wochen später standen wir in Paderborn an ihrem Urnengrab legten Blumen hin. Ihre Eltern sprachen länger mit dem Chef. Ich hielt mich zurück, sah wie beide zu mir hinsahen.
Dieses warum konnte niemand beantworten. Suizid, die Akte wurde geschlossen. Bei den Beteiligten blieb es hängen.
Autounfälle sehen zu müssen Blut, Verletzte oder sogar Tote ergaben nächtliche Träume. Mein mehr Schweigen war meine Verteidigung. Andere ging mein Erlebnis nichts an.
Es reicht das in mir alles abgelegt ist, habe es mal einer Psychologiestudentin erzählt im Urlaub. Es war sonst außer uns beiden bei dem Spaziergang, einem Zufallstreffen, niemand dabei. Ich wurde es los, hörte ihre Meinung dazu. Sie fand es interessant. Sie sind ein komischer Mann sagte sie nicht, interessanter Fall, sagte sie nur, erweitert mein Wissen.
So nun ist Ende hier, war genug und das Leben hat schöne sonnige Zeiten, Momente zum Glücklich sein.





