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geschrieben 2019 von Andreas Mettler (Metti).
Veröffentlicht: 14.12.2019. Rubrik: Satirisches


Eine Sünde im Himmel

Eine Sünde im Himmel

„Soso, der Herr ist also allmächtig?“, provozierte ich den Engel. „Ich bin der lebendige Beweis dafür, dass auch dem lieben Gott Fehler passieren.“
„Dein Name steht im goldenen Buch“, säuselte die geflügelte Lichtgestalt. Ein Mopsgesicht mit verfilzten goldenen Locken. Der Astralleib des jungen Angelo Kelly.
„Ha“, meinte ich. „Steht da auch, wie viele Kirchenwitze ich erzählt habe?“
„Der Herr hat Dir vergeben. Allein deine guten Taten sind es, die zählen.“
„Gute Taten?“ Ich versuchte mich zu erinnern. Anderen Menschen zu helfen hatte mich jetzt nie wirklich interessiert. „Gutmensch war zu meiner Zeit ein Schimpfwort, das weißt du hoffentlich?“
Der Engel zuckte mit seinen Flügeln und begann auf seiner Harfe zu spielen. Eigentlich ein musikalischer Genuss, aber an diesem Ort recht unpassend.

Die Wolke kitzelte ein wenig an meinen Füßen. Sie roch nach Fichtennadel-Badeschaum. Für mich hatte sich nichts verändert. Ich war streitlustig und auf Widerspruch gebürstet.
„Hey, Harpo. Hör mal auf mit dem Krach.“
Der Engel ließ von der Harfe ab und setzte wieder sein künstliches Lächeln auf.
„Was soll das nun werden? Ich bin keine zehn Minuten hier und fange schon an, mich zu langweilen. Soll das etwa der Himmel sein?“
„Du kannst alles tun, was du willst, mein Bruder“, säuselte er mit seiner lieblichen Fistelstimme. „Nur eines nicht: Du kannst nicht mehr sündigen.“
Das begann mich zu interessieren. „Und wenn ich es nun doch tue?“
„Es geht nicht. Noch niemand hat im Himmel gesündigt.“
„Nun“, grübelte ich. „Das kann doch nicht so schwer sein.“

Das frischgebackene Brot auf dem goldenen Opfertisch duftete verführerisch. Ich genehmigte mir ein Stück davon. Eine Sünde? Offenbar nicht. Ich pustete die Kerzen des siebenarmigen Leuchters aus. Keine Reaktion. Aber es wurde dunkler.
„Komm herein mein Freund“ – Eine weiche Stimme voller Güte sprach mich hinter dem Vorhang an.
Ich bahnte mir den Weg durch die Textilie.
„Oh, der Meister persönlich?“, staunte ich.
„Naja, fast. Ich war Jeffrey Hunter. Einer von da oben meinte, das könnte dir bei deiner Integration helfen.“
„Hm, du hast ja auch total das Jesusgesicht. “
„Ha“, machte Jeffry. „Du Ahnungsloser. Jesus kam aus dem mittleren Osten.“

„Weißt du, was das hier ist?“, fragte mich Jeffry.
Eine vergoldete Truhe aus Akazienholz. Mit zwei Tragebalken. Darauf das Abbild zweier Löwen mit Menschengesicht.
„Klar“, meinte ich. „Indiana Jones, Teil 1.“
„Das sind die zehn Gebote“, Jeffry Hunter wirbelte mit seinen Fingern durch die Luft und die Truhe öffnete sich. Die Macht war mit ihm. „Wer gegen eines der Gebote Gottes verstößt, der begeht eine Sünde.“
„Ach, cool“, nickte ich. „Das ist schon mal ein Anfang!“
„Na, dann viel Erfolg“, hörte ich den falschen Jesus lachen. „Und viel Spaß beim sündigen.“
Der erste Mensch, der im Himmel eine Sünde begeht. Das wäre ein Fall für die Geschichtsbücher. Ich hatte wohl meine Aufgabe im Himmel gefunden.


Vom selben Ketzer: Major Oddity und die Blasphemie des Schöpfers...


„Mal sehen“, murmelte ich. „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“
Das ergab überhaupt keinen Sinn. Niemand hatte mich aus Ägypten geführt. Aber das Wort JHWH faszinierte mich. „JHWH. JHWH. JHWH“, sagte ich immer wieder vor mir her. Bestimmt fünf Minuten lang. Geil, ein Wort ganz ohne Vokale. Das hat was.

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“
Das war also das erste Gebot. Eigentlich leicht zu knacken.

Aus dem Knet, den ich mir herbeigezaubert hatte, formte ich einen Arsch mit Ohren. Auf dem Schädel drückte ich Watte fest. Dazu ein paar Rosinen als Augen und eine Karotte als Nase. Ich nannte ihn „Togg“.
„Lieger Togg“, brummelte ich mit gefalteten Händen. „Du bist mein Gott. Ich glaube an dich. Nur an dich.“
Mal sehen, was jetzt passieren sollte.
Ich hörte das Freizeichen. Dann ein leises Klicken.
„Hier ist Togg. Schön, dass du dich bei mir meldest, mein Sohn.“
Wow, nicht zu fassen. Ich hatte einen neuen Gott erschaffen. Und er antwortete mir.
„Ich freue mich, dass du mich endlich anbetest. Das hast du zu deinen Lebzeiten ja nie getan.“
„Ich habe nie zu Gott gebetet. Aber jetzt bete ich zu Togg. Ich bin nämlich ein ganz großer Sünder, weißt du?“
„Ach, Gott“, meinte Gott. „Togg, Jehova, Allah, Manitu. Alles verschiedene Telefonnummern. Aber derselbe Anschluss.“
Mist, eins zu null für den Himmel.

„Du sollst den Sabbat heiligen.“ - Das zweite Gebot.
Ich war am Dienstag gestorben, soweit ich mich erinnern konnte. Diese Sünde musste ich mir für später aufheben. Für Samstag. Oder Sonntag. Keine Ahnung.

„Du sollst nicht töten.“ - Das dritte Gebot.
Ein Mord im Himmel? Klingt wie der Titel eines schlechten Kriminalromans. Das wäre ein erschlagender Beweis, dass auch hier eine Sünde möglich ist. Mit etwas gutem Willen jedenfalls.

„Nun, mein erster Gedanke war, ihn hiermit zu töten.“ Ich zeigte dem Weib meines Opfers das Messer.
„Hätte aber in einer Rangelei enden könnten. Das hab´ ich schon in Schulzeiten gehasst.“
Sie nickte leicht verstört, ob meiner Weitsicht.
„Auch eine Kreuzigung wäre sicherlich angemessen gewesen.“
„Naja,“ murmelte sie.
„Passt schon irgendwie zum Setting. Aber das dauert mir zu lange. Er hängt dann tagelang am Kreuz und singt Lieder von Monty Python. Ne, danke.“
Der Knecht, die Magd und das Vieh meines Opfers starrten mich offenen Mundes an.
„Aber als sich der Mann ein Bier holen wollte, da hatte ich den richtigen Einfall. Ich sperrte ihn im Kühlschrank ein und sicherte die Tür mit diesem schräg gestellten Stuhl.“
Verhaltenes Nicken von allen Seiten.
„Und das ist jetzt sechs Stunden her. So lange kann niemand im Kühlschrank überleben. Dann wollen wir mal nachsehen, was?“

Ich zog den Stuhl vom Kühlschrank und öffnete die Tür. Die Leiche meines Opfers purzelte auf den gefliesten Fußboden.
„Hallo! Schön, dass du mich befreit hast. Das wurde auch Zeit. Und das Bier ist auch schon alle.“
„Wie, du bist nicht tot?“
„Doch. Natürlich.“
„Aber“, stammelte ich. „Aber…“
„Wir sind alle tot. Hast du das vergessen? Das hier ist der Himmel! Der Hiiiiiiimmel!“

Das vierte Gebot:
„Du sollst nicht mit dem großen Zeh deine Nase berühren.“

Das hatte ich irgendwie anders in Erinnerung. Aber das macht nichts. Ich hatte als Kind ein großes Talent für solche akrobatischen Übungen. Wäre doch gelacht, wenn ich das heute nicht mehr hinbekäme.

Autsch. Ein Krampf in der Wade. Und mein Rücken. Schon wieder ein Hexenschuss?

„Gelobt sei der Herr!“, brüllte ich mit dem Chor. Die restlichen sechs Gebote musste ich mir für später reservieren. Wenn die Wade und der Hexenschuss verheilt sind. Was sollte es schon schaden, den Gottesdienst zu besuchen? Viel mehr wurde ja hier sonst nicht geboten.

„Lasset uns beten. Vater unser. Geheiligt werde dein Name…“
Ich plapperte das Gebet mit. Nicht ganz textsicher und manchmal auch eine halbe Silbe zu spät.“
„Ich danke der Gemeinde für dieses schöne Gebet“, meinte der liebe Gott. Er hatte sich einen weißen Bart angeklebt und trug ein rotes Gewandt mit einer Zipfelmütze. In der Hand eine Einwegflasche mit Coca-Cola.

„Herr, wir loben und preisen dich, Amen.“
„Eigentlich eine ziemliche Heuchelei, wenn ich das mitspreche, was?“, murmelte ich meinem Nebensitzer zu. Es war der Mann aus dem Kühlschrank.
„Ach, was“, beschwichtigte er. „Wir meinen das alle nicht so, wie wir es sagen.“
„Hm. Lippenbekenntnisse, was?“
„Naja, was bleibt uns anderes übrig? Der Boss ist eben der Boss. Der Obermotz, der Babo.“
„Aber Moment mal“, ich versuchte mir die verbliebenen sechs Gebote in Erinnerung zu rufen. „War da nicht noch irgendwas was mit kein falsch Zeugnis reden oder so?
„Jo, das achte Gebot“, antwortete er.
„Ach?“, fragte ich erstaunt. „Ach was? Wir lügen? Und das während des Gottesdienstes?“
„Hey, wo es keinen Richter gibt, gibt es auch keine Anklage. Und dem Boss scheint es zu gefallen.“
„Aber. Aber“, stotterte ich. „Das wäre doch eine Sünde im Himmel. Oder nicht?“
„Nur, solange jemand darüber redet. Und der Boss hält dicht. Jetzt sei still.“

„Heilig, heilig, heilig“, begannen wir zu singen. „Heilig ist der Herr.“
Der liebe Gott zwinkerte mir zu. „Ho-Ho-Ho“, rief er. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus seiner Einwegflasche.

8xhab ich gern gelesen
Titelbild: geralt / pixabay.com (pixabay license)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Metti am 14.12.2019:
Es muss die Weihnachtsstimmung sein, die mich dazu gebracht hat, diese Geschichte zu schreiben...




geschrieben von Markus Mettler am 14.12.2019:
Hervorragend!! Witzig und besinnlich zugleich sollte sie auch den letzten Häretiker unter uns wieder fromm machen. Jener aber, den nicht, versündigt sich nicht erst im Himmel sondern also schon bereits auf Erden eindeutig an der Vorweihnachtszeit!




geschrieben von Metti am 15.12.2019:
Dafür gibt es auch keine bessere Zeit :-)




geschrieben von Wunderbaum am 15.12.2019:
Wieder mal herrlich abgedreht. Weihnachtsstimmung hätte mich bei Dir jetzt ehrlich gesagt auch verwundert.




geschrieben von Metti am 16.12.2019:
Doch, das ist schon Weihnachtsstimmung. Auf meine Weise eben ;-)




geschrieben von Labertasche am 17.12.2019:
Solange Du solche Geschichten schreibst, kommst Du bestimmt niemals in den Himmel ;-)




geschrieben von Metti am 18.12.2019:
Schade, dann muss ich noch zu Lebzeiten lernen, wie man Harfe spielt.




geschrieben von Labertasche am 19.12.2019:
OMG :-)




geschrieben von Relle am 11.01.2020:
Ziemlich durchgeknallt der Protagonist. Steckt was von Dir in ihm?




geschrieben von Metti am 13.01.2020:
Gar nichts. Natürlich nicht. Ich bin doch nicht verrückt. Nicht die Spur. ;-)

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