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geschrieben 2019 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 20.06.2019. Rubrik: Satirisches


Wer jetzt nicht trommelt, ist für die Eiszeit!

Wer jetzt nicht trommelt, ist für die Eiszeit!

Die Prophezeiung

Der Medizinmann strich sich über seinen langen weißen Bart. „Ich bin sehr besorgt. Es wird immer kälter.“
„Jaja, der Winter kommt“, meinte ich.
„Oh, nein Häuptling. Das ist es nicht.“
„Ach?“, wunderte ich mich.
„Eine Eiszeit steht bevor. Das müsst ihr mir glauben.“
„Donnerwetter!“ Reflexartig legte ich noch etwas Holz in das Feuer. „Woher weißt du das?“
„Das hier ist das Wetter der vergangenen Woche.“ Er zeichnete mit einem spitzen Stock eine Linie in den Sand. „Seht her: Es wird immer kälter!“
„Ich sagte ja schon: Es wird Winter.“
„Ihr seid zu leichtfertig, Häuptling. Schaut her, wenn ich diese Linie weiter zeichne, wisst Ihr wohin das führt?“
„Ja, wohin denn?“
„Direkt in eine Eiszeit. Wir werden alle erfrieren.“

Die Versammlung

Auch der alte Fischer hinkte nun auf den Dorfplatz zu. Der Medizinmann hatte bereits seine Rede begonnen.
„Wir selbst haben die kommende Eiszeit verursacht“, meinte er. „Und wir müssen unser Leben grundlegend ändern, um den Schaden abzuwenden, so weit wie das eben noch möglich ist.“
Offene Münder, zweifelnde Gesichter.
„Zunächst einmal ist da unser Feuer“, er zeigte auf die tänzelnden Flammen in der Mitte unseres Dorfplatzes, die uns allen gerade die Füße wärmten. „Feuer bringt Rauch. Und der Rauch macht die Wolken. Und die Wolken bringen Kälte.“
Er drehte seinen Bierkrug und schüttete ihn in das Feuer. „Ab sofort ist unser Feuer erloschen.“
Einige „Aaahs“ und „Oohs“ aus der versammelten Gemeinschaft.
„Nun,“ meinte ich. „Eigentlich hatte uns das Feuer im Winter immer etwas Wärme geschenkt.“
„Und damit ist es nun vorbei. Das Opfer müssen wir schon bringen, wenn wir die kommende Eiszeit überstehen wollen.“
„Und was ist mit den Wolken, die über das Meer kommen? Sie wandern von Horizont zu Horizont.“
„Das ist der Rauch der Feuer anderer bewohnter Inseln. Doch wo kämen wir hin, wenn nicht wir den Anfang machen und auf unser Feuer verzichten?“
„Nun gut“, ich verschränkte streng meine Arme. „So sei es beschlossen. In diesem Winter gibt es kein Feuer mehr.“
Gemurmel. Teils anerkennend, teils zweifelnd.

„Ja, und dann wäre da noch das Fischerboot!“ Der Medizinmann hatte erneut das Wort ergriffen.
„Was soll mit meinem Boot sein?“, argwöhnte der betagte Fischer.
„Boote machen Wellen. Wellen machen Winde. Und Winde bringen kalte Luft. Auch auf das Fischerboot müssen wir ab sofort verzichten.“
„Ja, soll ich denn das Meer selbst durchschwimmen und mit den Fischen ringen? Auf meine alten Tage?“
„Am besten verzichten wir ganz auf den Fisch. Auf unserer Insel wachsen genug Beeren und Kräuter. Eine neue Ernährung wird uns allen ganz guttun.“
Ich seufzte. „Gut, so sei auch dies nun beschlossen. Das Fischerboot ist ab sofort tabu. So lasst uns nun wieder an die Arbeit gehen und dem Winter entschlossen entgegentreten.“
„Eins noch“, meldete sich der Medizinmann wieder zu Wort. „Trommeln!“
„Wie bitte?“
„Trommeln! Trommeln hat schon immer geholfen. Wir müssen trommeln. Rund um die Uhr. Um die Eiszeit zu vertreiben.“
„Lasst uns ein paar Trommeln holen.“ Ich holte tief Luft. „Es sei angeordnet, dass bei Tag und bei Nacht getrommelt wird. Die Versammlung ist hiermit geschlossen.“

Die letzte Ermahnung

Auch der Medizinmann hatte dunkle Ränder um seine Augen. So wie wir alle. Die ständige Trommelei in der Nacht setzte uns zu.
„Ihr habt die gesetzten Ziele nicht erreicht, Häuptling!“
Ich vergrub mein Gesicht unter der wärmespendenden Wolldecke. Es war tatsächlich sehr kalt geworden. Vor allem das Lagerfeuer fehlte jetzt meinen kalten Füßen. „Wie kannst du so etwas sagen, Medizinmann? Es brennt kein Feuer, das Fischerboot liegt an Land und ich höre die Trommeln. Wir haben alles getan, was du uns aufgetragen hast.“
„Offenbar aber nicht genug. Ich sehe immer noch Wolken am Himmel, ich fühle die Winde und es wird jeden Tag kälter. Ihr habt versagt, Häuptling.“
„Nun, vielleicht liegt der Fehler ja auch in deinen Empfehlungen, Medizinmann? Ich meine, Trommeln gegen den Winter. Ist das wirklich die Lösung?“
„Eine Unverschämtheit!“ Zornig spuckte er in den Feuerplatz, der seit Wochen schon erloschen war. „Ich sehe schon. Das Denken des Häuptlings ist zu starr geworden, um noch etwas zu bewegen. Ich gehe jetzt zu unseren Kindern. Sie sind unsere letzte Hoffnung!“

Die Kinder

„Wer jetzt nicht trommelt, ist für die Eiszeit!“, verkündete das zornige Mädchen mit den traurigen Augen.
Lautes Getrommel.
„Wer jetzt nicht trommelt, ist für die Eiszeit!“, wiederholten die anderen Kinder.
„Was ist denn nur mit unseren Kindern los?“, fragte mich der Fischer. „Die sind ja gar nicht wieder zu erkennen.“
Ich senkte meinen Blick. „Ich glaube, der Medizinmann hat sie verängstigt.“
„Tut doch etwas dagegen. Ihr seid der Häuptling!“
„Ich weiß“, murmelte ich verlegen. „Aber das sind Kinder. Wenn ich jetzt das Wort erhebe, dann sind meine Tage als Häuptling gezählt.“

Der Ketzer

Der Fischer humpelte wieder als Letzter zur Dorfversammlung. „Was für ein herrliches Frühlingswetter!“
Erstaunte Blicke. Der alte Mann trug sein Hemd offen.
„Falsch!“, rief das zornige Mädchen. „Es wird immer kälter.“
„Ach was“, meinte der Fischer. „Die Sonne steht am Himmel. Kommt raus aus Euren Wolldecken. Wir haben den Winter überstanden.“
„Ketzer!“, brüllte der Medizinmann. „Auf unserer Insel herrscht Einigkeit darüber, dass die Eiszeit immer schlimmer wird. Und die Mehrheit hat immer Recht!“
„Wir sind wütend, wir sind laut, weil du uns die Zukunft raubst!“, riefen die Kinder zusammen im Chor.

Epilog

Ich möchte nicht im Detail erzählen, was der wütende Mob mit unserem armen Fischer gemacht hatte. Jedenfalls gab es an diesem Tag nach vielen Monaten endlich einmal wieder Fleisch zu essen. Etwas alt und zäh. An einem Feuer gebraten hätte es gewiss noch besser geschmeckt.


Diese Kurzgeschichte und der Film Rettet den Klimawandel haben sich parallel entwickelt. Das eine endete als satirische Abenteuergeschichte, das andere als durchgeknallter Ratgeber. Und doch gehört irgendwie beides zusammen!

Titelbild: jplenio / pixabay.com (pixabay license)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Noxlupus am 22.06.2019:
So ein Pech, ich habe meine Trommelstöcker verloren. Ich hol dann schon mal dicke Wolldecken. Hat der Discounter - der mit A beginnt - gerade im Angebot ;-)




geschrieben von metti am 26.06.2019:
Was? Du willst nicht mittrommeln? Du bist Schuld an der Hitzewelle heute. Oder an der Eiszeit. Was auch immer!




geschrieben von Noxlupus am 27.06.2019:
Dann nehme ich die Eiszeit! „Was auch immer“ ist mir zu unbeständig.




geschrieben von metti am 28.06.2019:
stimmt :-)

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