Veröffentlicht: 07.04.2026. Rubrik: Historisches
Markus Wolf I: Die Legende von Mischa
Zur Erklärung:
Mich faszinert die Person Markus Wolf schon lange. Nun, da ich Ferien habe, spürte ich in mir den Wunsch, wieder in die Tasten zu hauen und etwas, irgendetwas zu Papier zu bringen. Eine Fingerübrung, die keinen Sinn haben müsse. Doch je länger ich schrieb, desto stärker zog es mich von der anderen Seite her. Ich schrieb und schrieb, bis mir klar wurde: Da möchte etwas raus. Fragen tauchten auf, die wohl solch ein Echo besaßen, dass der da drüben wach wurde ...
Dies ist der erste Teil meiner Wolf-Trilogie.
Die Legende von Mischa
Maulwürfe sind auch nur Menschen. Sind sie, wenngleich ohne Gesicht. Ich hatte einen Narren am Mann ohne Gesicht gefressen. Er lebte unter uns, ganz einfach, geradezu bescheiden. Damals, hier auf der Fischerinsel, in einem der Hochhäuser. Niemand wusste, was er tat, niemand ahnte, dass er im gleichen Haus wie Mielke arbeitete, nur im gegenüberliegenden Flügel, sodass sie sich beide zuwinken konnten. Er sprach nicht viel, von sich aus kaum. Zwei Leben, drei Leben – oder anders: ein Leben, viele Schichten. Da war er, der Maulwurf, der Mann ohne Gesicht – und dabei gefiel er den Frauen, weil er solch ein schönes Gesicht hatte und über sehr viel Charme verfügte. Er rauchte, seine Zähne waren vom Nikotin braun und stumpf geworden. Wen störte es, wenn er lächelte? Mich lächelte er oft an, denn ich saß an der Kasse der Kaufhalle, in die er oft ging. Da er nicht auffallen durfte, benahm er sich normal. Für ihn, so erinnere ich mich, hob ich manchmal Bückware auf, die ich jedem anderen meiner Freunde und Bekannte auch aufhob. Damals tat ich es, weil ich dachte, dass ich ihm damit einen Gefallen täte – heute weiß ich, dass er alles hatte, alles, wovon ein Otto-Normalbürger nicht einmal zu träumen wagte. Dennoch lächelte er, und schien dankbar zu sein, dass ich an ihn gedacht hatte.
Er war ein Mann mittleren Alters, groß, schmal, wie ein Intellektueller. Er hatte Frau und Kindern. Was beneidete ich seine Frau!
Als der Film Die Legende von Paul und Paula in die Kinos kam, träumte ich davon, dass ich die Paula und er der Paul sei.
Wie nah ich mich damals an der Realität befunden hatte, fiel mir erst nach der Wende auf und ich musste herzlich lachen.
Paula ist so eine wie ich war – ein Mädchen, das von der Liebe träumt und im realen Leben an der Flaschenannahme steht oder eben an der Kasse sitzt. Paul hingegen, der war studiert und ein Offizier bei der Armee und im Gegensatz zu Paula ein wenig verklemmt. Mein Paul verriet mir einmal, dass er Mischa heiße.
„Und Sie trinken gerne Cola“, lachte ich. „Oder Ihre Kinder?“ Da lachte auch er, erwiderte jedoch nichts. Am nächsten Tag brauchte er drei Spreequellflaschen zu mir an die Annahme. Am übernächsten zwei Pilsner und ich verstieg mich zu der Bemerkung, dass er wohl wisse, was gut sei. Er lächelte mich wieder an und mir war klar, dass ich mir wirklich etwas erhoffte. So einen Mann wie ihn trifft man nicht alle Tage – mit so einer Aura. Hätte ich geahnt, dann hätte ich sofort gewusst, denn so richtig passte er nicht in unsere Welt. Seine Mimik, seine Gesten, die Art, wie er ging und sich bewegte – das war keiner von uns. Das war ein Mann von Welt. Ja, manchmal war es so, als täte sich ein Riss auf – ich kann es nicht anders beschreiben: hier er, dort auch er. Aber beide standen sich gegenüber, beinahe so, als kennten sie sich nicht.
Dass er eigentlich Markus hieß, erfuhr ich erst, als ich ihn im Fernsehen sah. Das war am 04.11.1989. Er trat als Redner bei dieser großen Demo am Alex auf und hatte sich für eine Erneuerung der DDR ausgesprochen. Die Leute hatten ihn ausgebuht. Damals hatte ich das nicht verstanden. Ich hatte mich gewundert, denn die Menschen waren doch gerade wegen einer Neuen DDR zusammengekommen. Erst später ahnte ich, was sie getrieben hatte: in ihren Augen war er ein Verräter, der Chef der Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit. Freilich, von solch einem Menschen wollten sie sich nicht sagen lassen, wie die DDR der Zukunft auszusehen habe. Dass er sich für Neuerungen einsetzte, klang ihnen wie Hohn im Ohr. Vielleicht fühlten sich einige tatsächliche verraten von den Organisatoren und wandten sich ab?
Irgendwann, es muss in den späten 90ern gewesen sein, da sah ich Markus auf einem Solibasar am Alex wieder. Er verkaufte seine Bücher, darunter auch eines mit dem Titel Troika. Ich kaufte es mir, weil ich glaubte, dass es sich um die Perestroika in der ehemaligen Sowjetunion handelte. Stattdessen erzählte es von der Freundschaft dreier Jungen im russischen Exil – einer davon war sein eigener Bruder, Konrad Wolf, der Regisseur. Von ihm stammt der Film Solo Sunny. Der wiederum erzählt von einer Frau, einer Sängerin, die ihr Leben alleine stemmt. Sie braucht keinen Mann, um glücklich zu sein. Vielleicht eine emanzipierte Paula? Ich sehe beide Filme noch immer gerne an. Geben sie das Leben in der DDR realistisch wieder? Ja, denn nicht jeder konnte, wie Solo Sunny sein und seine Arbeit im Betrieb hinschmeißen, aber jeder träumt von der Liebe … Und wenn ich ehrlich bin: was kümmerte mich der Sozialismus? Die Einhaltung der Ziele? Ich träumte davon, dass Mischa in die Kaufhalle käme und mich fragen würde, ob … Ich wagte nicht weiterzudenken, aber zu einem Glas Wein hätte es doch reichen können?
Manchmal kaufte er Schokolade und Felinchen – wahrscheinlich für seine Kinder – und das riss mich dann wieder aus meinen Träumen heraus.
Damals, als ich bei ihm am Stand auftauchte, sagte ich nichts, lächelte ihn nur an. Er brauchte einige Momente, bis er mich erkannte und dann spürte ich, dass er zu einer Erklärung ansetzen wollte. Vielleicht hätte ich ihn lassen sollen, vielleicht, doch ich unterbrach ihn, indem ich auf das Buch Troika tippte. Und dann sagte ich ihm, während ich die Geldbörse hervorkramte: „Mischa, ich weiß, aber das interessiert mich nicht.“
Ich hoffte, ihn damit zu entlasten. Er sollte wissen, dass er bei mir nicht sprechen musste, denn er war und blieb Mischa, der mir einmal sogar Nelken und einen buntbemalten Holzlöffel zum Geburtstag in die Halle gebracht hatte. Als ich den Löffel in der Hand hielt, wohl ein wenig ungläubig guckend, sagte er leise: „Mögen Sie mit ihm aus dem Leben schöpfen.“ Dabei berührte er meine Hand und lächelte mich an. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Ich fragte mich immer wieder, warum er das getan hatte. Und warum diese seltsamen Worte? Ich solle mit ihm aus dem Leben schöpfen? Waren sie ernst gemeint?
Meine Kolleginnen lachten damals und sagten: „Dein Mischa hat ein Auge auf dich geworfen.“ Also erwartete er eine Einladung zum Essen?
Leider kann ich den Löffel nicht mehr finden. Ich muss ihn bei einem der Umzüge verloren haben. Aber ich erinnere mich an ihn: Er war schwarz und mit leuchtend roten Blüten bemalt.
Es war lange nach der Wende, da stieß ich auf ein Interview mit Heiner Carow, dem Regisseur von Paul und Paula. Er sagt darin, dass er etwas dagegen habe, Menschen zu verurteilen, die der Zeit folgten, in die sie geboren worden sind. Er hatte das mit seinem Film Die Russen kommen gezeigt. Wie kann man einen Jungen dafür verurteilen, dass er gern in die Hitlerjugend eingetreten war und für sein Vaterland gekämpft hatte. Wenn überhaupt, so hatte Carow gesagt, sei er der Unschuldigste unter den Schuldigen gewesen.
Heute frage ich mich, was mir Mischa damals hatte sagen wollen. Er war viel zu klug, um nicht zu wissen, dass selbst einfache Leute von ihm wussten. Aber was wussten sie und was meinten sie zu wissen? Dass er bereits vor der Wende, nach seiner Absetzung im Jahr 1987, Gesicht gezeigt hatte? Aber welches Gesicht hatte er gezeigt? Wie kann man einem Mann ohne Gesicht glauben? Wie seine Worte nicht als Rechtfertigung werten, als billigen Versuch, das Geschehene und vor allem sich selbst ins rechte Licht zu rücken? Vielleicht wäre es damals zu viel verlangt gewesen, ihn aussprechen zu lassen. Vielleicht wollte man es aber auch gar nicht, ihm zuhören. Wann lässt man jemanden sprechen? Dann, wenn man sich sicher ist, dass er sich mit jedem seiner Worte selbst verurteilt?
Doch selbst ich, die ich mir neulich erst eines der seltenen Interviews mit ihm ansah, habe den Eindruck, dass er sich in Erklärungen erging und sich vor allem als Opfer sah. Aber nun frage ich mich: „Spinne ich? Was habe ich erwartet? Etwa ein: Ja, ich habe … ich war … ich bin …
Was, wenn er die Wahrheit sagte, wenn das seine Wahrheit war, und wenn er wirklich vom Glauben an eine Neue DDR getrieben war?
3x



