Veröffentlicht: 07.04.2026. Rubrik: Historisches
Markus Wolf II: Das Ritual der Brüder
Zur Erklärung:
Mich faszinert die Person Markus Wolf schon lange. Nun, da ich Ferien habe, spürte ich in mir den Wunsch, wieder in die Tasten zu hauen und etwas, irgendetwas zu Papier zu bringen. Eine Fingerübrung, die keinen Sinn haben müsse. Doch je länger ich schrieb, desto stärker zog es mich von der anderen Seite her. Ich schrieb und schrieb, bis mir klar wurde: Da möchte etwas raus. Fragen tauchten auf, die wohl solch ein Echo besaßen, dass der da drüben wach wurde ...
Dies ist der zweite Teil meiner Wolf-Trilogie.
Das Ritual der Brüder
Warum ist er damals ans Mikrophon getreten und hat zu den Menschen gesprochen? Ich meine, das, was er sagte, traf den Kern der Sache: die über 600.000 Demonstranten, die sich auf dem Berliner Alexanderplatz versammelt hatten, wollten Reformen, eine neue DDR, einen wahren, von Demokratie getragenen Sozialismus. Aus seinem Munde aber musste sich diese Forderung für die Menschen wie Hohn angehört haben. Da sprach der ehemalige Chef des Auslandsspionagedienstes der Staatssicherheit zu ihnen. Was sollte das? Bis vor kurzem hatte er noch die Meinungsfreiheit unterbunden und nun gab er vor, sich für sie einzusetzen?
Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass viele der damaligen Demonstranten davon ausgingen, dass es ihm nicht um die Sache selbst, sondern um die Selbstinszenierung als Reformer gegangen war. Warum ihn die Organisatoren dennoch zu Wort hatten kommen lassen, mochte vielen nicht eingegangen sein. Ja, mehr noch, es machte wütend und ließ viele sogar an der Aufrichtigkeit dieser Veranstaltung zweifeln. Und dabei wollten die Veranstalter doch gerade den Dialog fördern, wollten alle Stimmen zu Wort kommen lassen, auch die der Machthaber, durch deren Befürwortung sie jedoch ihre eigenen Ziele zu verraten drohten – zumindest in den Augen der Demonstranten …
Die Frage, die mich seither beschäftigt, ist, ob es ihm vorrangig wirklich um eine Neue DDR ging, oder ob ihn vor allem persönliche Motive dazu trieben, ans Mikrophon zu treten.
Ich kenne Markus Wolf nur als Mischa. Nicht den Privatmann, nur den Kunden in unserer Kaufhalle auf der Fischerinsel. Bis zu seiner Enttarnung durch den Stockholmer Geheimdienst im Jahr 1978 kam er regelmäßig zu uns und kaufte ein. Dass er mir seinen Namen verraten hatte, war mir damals wie ein himmlisches Glück erschienen, denn ich hatte mich in den großen, schlanken Mann mit den tiefbraunen Augen und der distinguierten Art verknallt. Freilich galt uns spätestens nach dem Film Die Legende von Paul und Paula alles preußisch-konservative als spießig und hinterwäldlerisch. Doch obwohl Mischa so wirkte, als käme er aus dem letzten Jahrhundert, besaß er eine Aura, die ihn über all das erhob. Intuitiv wusste ich, dass sich in ihm mehr barg, als er uns zeigte, ja, dass er sich nur an seine eigenen Regeln hielt.
Er war stets freundlich. Ganz anders als die anderen Hochhäusler, die ihre Nase in den Himmel reckten und sich in ihrer Berühmtheit nicht recht gewürdigt sahen, wenn man ihnen erklärte, dass sie sich hintenanzustellen hätten. Ja, selbst dann, wenn sie es eilig hätten. Er war da anders. Er stellte sich an und wenn er dran war, grüßte er freundlich. Er machte den Eindruck, als verstehe er uns, die wir von morgens bis abends mit Kunden zu tun hatten, die bei uns ihre Prunkfedern zu glätten gedachten. An der Fleischtheke, an der ich damals noch aushalf, fragte er mich eines Morgens: „Was können Sie mir heute empfehlen?“, und ich sagte ihm, wovon ich ihm abraten würde, nämlich von der Ungarischen Salami, weil die gar nicht aus Ungarn stamme und obendrein tranig schmecke.
„Ich habe Sie nicht danach gefragt, was schlecht ist“, erwiderte er sanft und lächelte mich an.
„Was mögen Sie denn?“
„Leberwurst – was können Sie mir da empfehlen?“
„Feinste Kalbsleberwurst, ganz frisch“, sagte ich schnell, weil ich seinen Blick noch immer auf mich gerichtet wusste.
„Gut, dann geben sie mir bitte 200 gr.“
„Sehr wohl.“
Ich machte mich daran, die Wurst zu schneiden, sie abzuwiegen und einzupacken, während er mir dabei zusah.
„Und dann bitte noch 2 kg Gehacktes, ebenfalls vom Feinsten.“
Unwillkürlich sah ich auf. Mich empfing wieder ein Lächeln.
„2 kg?“
Er nickte.
Ich runzelte die Stirn. „Was haben Sie denn mit 2 kg vor, wenn ich fragen darf.“
„Nun ja …“ Er holte tief Luft und sagte: „Wie jedes Jahr bin ich heute ein Jahr älter geworden.“
„Und? Wollen Sie für eine ganze Kompanie kochen?“
Er wirkte amüsiert, als er sagte: „Nicht ganz, nur für 20 Leute, macht 2 kg.“
„Und was? Klopse? Bouletten? Sie …“, und ich neigte mich über die Theke, weil mir plötzlich ein Gedanke gekommen war. „Wenn Sie ein fantastisches Rezept für Bouletten haben wollen … Ich kann Ihnen verraten, wie Sie ihre Bouletten richtig saftig und weich bekommen. Das Zauberwort heißt …“
Ich unterbrach mich, weil er zu grinsen begann – leicht spöttisch, wie ich fand.
„Ja?“, fragte er jedoch. „Wie lautet das Zauberwort?“
„Ähm“, machte ich.
Er hob die Augenbrauen.
„Na ja … alte Schrippen“, flüsterte ich verschämt. „Weichen Sie sie ein und …“
Da prustete er los. „Das klingt gut, sehr gut. Nur habe ich nicht vor, Bouletten zu machen.“
„Sondern?“
„Sie sind aber neugierig“, kam es von ihm.
Ich spürte, dass ich rot wurde, zuckte jedoch mit den Schultern. „Ist so meine Art.“
„Na, dann will ich’s Ihnen verraten.“ Bei diesen Worten winkte er mich heran. Wieder sahen wir uns in die Augen und ich bemerkte, wie es um seinen Mund zuckte.
„Na los, doch“, stieß ich hervor, weil er noch immer schwieg.
„Ich mache Pelmeni – das heißt, mein Bruder und ich machen sie. Jeder 200 Stück …“
„Mo … Moment“, unterbrach ich ihn und hob den Zeigefinger. „Sie kneten jeder 200 Stück. Wie lange wollen Sie denn daran sitzen? Bis morgen früh? Ich dachte, heute ist ihr Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch übrigens. Gesundheit und so. Aber 200 …“
Er grinste. „Danke, vielen Dank. Und nein, wir sitzen nicht ewig. Wir sind Profis“, entgegnete er unbekümmert. „Wir machen das seit unserer Kindheit. Es ist sozusagen unser Ritual – zu jedem Geburtstag.“
„Ach …“, machte ich, „klar, dann haben Sie Übung.“
„Und dann lassen wir die Anderen darüber abstimmen, wer die besseren gemacht hat“, fuhr er fort.
„Na ja, wenn Sie beide die gleichen Zutaten benutzen, dann schätze ich mal, ist von Unterschied kaum ...“
„Falsch“, unterbrach er mich. „Es gibt sie schon, die kleinen Unterschiede. Kleine, aber feine.“
„Und worin bestehen die?“
Er winkte mich noch näher, dann sagte er beinahe verschwörerisch: „In der Liebe.“
„Wie?“ Ich stutzte. „Sie wollen mir sagen, dass Sie Liebe mit reinkneten? Und wer mehr Liebe mit reingeknetet hat, gewinnt?“ Ich runzelte die Stirn, aber er nickte.
„Na die würde ich ja gerne mal probieren – diese Liebespelmeni“, erwiderte ich provozierend.
„Ich kann Ihnen welche vorbeibringen – so fein in Butter angebraten. Und Sie entscheiden, welche besser schmecken.“
„Na, das ist ein Wort“, stieß ich hervor. „Aber wir machen es so …“ Und nun winkte ich ihn heran. „Sie sagen mir nicht, wer welche gemacht hat.“
„Abgemacht. Aber hüten Sie sich, die Besserschmeckenden mir zuzuordnen.“ Wieder zuckte es um seinen Mund.
„So wenig vertrauen Sie Ihrer Kunst?“, fragte ich ihn, ehe mir die Doppeldeutigkeit seiner Aussage bewusstwurde und ich erneut errötete. Gott sei Dank hatte er den Blick abgewandt, sodass ich ihm das Gehackte abwiegen konnte.
„2 kg“, murmelte ich.
„Ja“, erwiderte er ebenso leise.
„Na, dann herzlichen Glückwunsch.“
„Danke nochmals.“
Ich räusperte mich, sah auf. Er krauste die Nase, grinste und nahm das Fleisch entgegen. „Also bis morgen?“
„Wie?“, stotterte ich.
„Na, Sie wollen doch kosten.“
„Ach ja …“
„Sind Sie denn dann auch hier, morgen?“
Mir brummte der Schädel. „Ja … wahrscheinlich …“
„Und wenn nicht, nach wem darf ich dann fragen?“, fuhr er fort.
„Rosie.“
„Also Rosie.“ Er lächelte, nickte mir zu und wandte sich zum Gehen.
„Aber ich bin in jedem Fall hier“, sagte ich etwas lauter, über die Theke geneigt. Er hob die Hand.
„Und mit wem habe ich das Vergn …“
„Mischa“ kam es prompt von ihm.
Mein Herz raste, als ich ihm nachsah. Groß, schlank, fast hager. Ein wenig so, wie ich mir Sherlock Holmes vorstellte. Es fehlte nur die typische Regenmütze und die Pfeife im Mundwinkel. Unwillkürlich musste ich grinsen.
Als ich ihn am 04.11.1989 im Fernsehen sah, traf mich fast der Schlag, nur, um mir im nächsten Moment darüber bewusst zu werden, dass ich diesen Markus Wolf gar nicht kannte. Ich hatte damals Mischas Pelmeni gekostet und wusste, dass er versucht hatte, mich auf den Arm zu nehmen, als er bei meiner Entscheidung, ob er, ob sein Bruder, nickte und meinte, dass ich eine bemerkenswerte Gabe hätte, Menschen anhand ihrer Kochkünste zu erspüren.
Erst später erfuhr ich, dass sein Bruder der berühmte Regisseur Konrad Wolf war. Ich fühlte mich ihm – allein aufgrund seiner Filme – sofort verbunden. Er war ehrlich – ehrlich in dem Sinne, dass er meinte, was er sagte und zeigte. Ihm ging es um den Menschen, allein um ihn. Wie gern erinnere ich mich an Solo Sunny, eine Frau, die ihren eigenen Weg als – zugegeben mittelmäßige – Sängerin geht: kompromisslos, aber nicht verbissen. Sie zerbricht die Brille eines Schleimers, tritt einer Frau, die sie denunziert, auf die Hand und nennt einen Eckenpinkler Eckenpinkler. Sie stolpert, sie scheitert. Sie ist einsam, sie ist verzweifelt, aber will um keinen Preis der Welt zurück in ihren Betrieb. Am Ende trifft sie auf eine Band, die bereit ist, sie aufzunehmen – trotz ihrer mageren Stimme.
Als ich Mischas Pelmeni aß – 10 Stück hatte er mir gebracht – versuchte ich etwas zu spüren, was ich nicht finden konnte. Für mich schmeckten sie alle gleich. Dennoch tat ich so, als wüsste ich zu unterscheiden. Und er spielte mit. Er hätte mich auch korrigieren, ich aber auch etwas sagen können, statt nur zu essen und zu nicken. Sie waren köstlich und sie ließen in mir eine Sehnsucht erwachen, von der ich zuvor nicht gewusst hatte. Und während ich aß – er sah mir dabei zu, aufmerksam, beinahe gespannt –, versuchte ich mir vorzustellen, wie die beiden Brüder beieinander in der Küche saßen und Pelmeni kneteten und sich dabei unterhielten und lachten und sangen. Ja, dass sie miteinander sangen, hatte mir Mischa auch erzählt. Lieder zu singen, mache Mut.
„Mut? Wofür denn Mut?“, fragte ich ihn. Da lächelte er nur und nahm selbst eine Pelmeni.
In Konrads Film Ich war 19 gibt es eine Szene, in der der junge Hauptdarsteller Hunderte von Pelmeni kneten lässt. Sie sind Teil eines Festessens anlässlich des Siegs der Roten Armee über den Nationalsozialismus. Im Beiheft zur DVD las ich, dass es für Konrad mehr als nur eine Szene war – es war für ihn das Zelebrieren eines Rituals. Pelmeni zu kneten und sie mit Freunden zu essen, galt ihm – so schreibt es der Musiker Wenzel – als höchstes Glück, als Seligkeit, als Erinnerung an seine Heimat, die Sowjetunion.
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