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geschrieben 2002 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 10.06.2013. Rubrik: Total Verrücktes


Oma ist wieder da!

Oma ist wieder da!

Der Spätsommerwind heulte durch die benachbarten Bäume. Mama wedelte entsetzt mit den Armen. "Und das Taschengeld, das gibt sie nur für Süßigkeiten aus. Wenn man von dem ganzen Geld noch irgendwas zu sehen bekommen würde. Aber da ist nichts. Gar nichts."
   "Jaja", antwortete die andere Frau, während sie die Gieskanne mit Wasser füllte. "Das ist alles nicht so einfach."
   "Und in der Schule" Die Mama verzog das Gesicht und blickte auf das Mädchen herab. "Da wird sie auch immer schlechter."
   Die andere Frau drehte den Wasserhahn zu.
   "Was tut die junge Dame? Sie tut nix. Gar nix. Und dann kommt wieder das ´große Hallo´ beim Zeugnis, nicht wahr, junges Fräulein?"
   Sie zogen entlang des Kiesweges an den Gräbern vorbei.
   "Aber der Kleine hier, da ist alles ja noch viel schlimmer." Sie biss die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. "Ich schlepp den nicht mehr zu Frisör. Hab ich aufgegeben." Sie packte den Jungen an den Haaren und drehte der anderen Frau das Gesicht des Jungen zu. "Soll er doch gehen, wann er will. Das Theater tu ich mir nicht mehr an. Und von den Klamotten will ich gar nicht reden."
   Die andere Frau stellte sich vor das Grab und goss die Nelken. "Is´ gar nicht so einfach heutzutage, nicht wahr?"
   "Na ja, jetzt geht's erst mal für vierzehn Tage nach Finnland für mich. Hab ich mir auch verdient."
   "Schönen Urlaub dann. Und grüßen Sie Ihre Frau Mutter von mir."
   "Ja, dann auf Wiedersehen." Die Mama drehte sich den Kindern zu. "Und jetzt kommt endlich ihr Racker."
   Etwas missmutig trotteten die Kinder der Mama hinterher.

"Wie sieht denn das nur aus?" Die Mama wirbelte den blauen Plastiksack herum. "Hast Du den etwa die ganze Zeit am Boden entlang geschleift?"
   Der Junge verzog den Mund und biss sich schief auf die Unterlippe.
   "Na warte nur mal ab, bis das die Oma sieht. Wenn sie die Klamotten nachher nicht anziehen will, dann könnt ihr selbst sehen, wo ihr bleibt."
   Trotzig blickte der Junge herab.
   Die Mama drehte sich dem Mädchen zu und streckte ihm fordernd die geöffnete Hand entgegen. Schnell gab ihr das Mädchen die Schaufel in die Hand.
   "Eigentlich hätte das einer von Euch tun müssen. Geht ja schließlich darum, dass ihr versorgt seid, solange ich in Finnland bin. Oder etwa nicht?"
   Der Junge malte mit den Füssen im Kies.
   "Die Erde ist verdammt hart. Und nun passt gefälligst darauf auf, dass niemand kommt."
   Das Mädchen machte einen Schritt zur Seite und konnte von hieraus besser an der Hecke vorbeiblicken. Außer der anderen Frau, die erneut die Gieskanne füllte, war niemand zu sehen.

"Mann, was haben wir für diesen Kasten damals ausgegeben. Und alles dafür, dass man ihn dann in die Erde eingräbt."
   Staunend hob der Junge den Kopf. Auch das Mädchen gab seinen Posten an der Hecke auf und begutachtete den jetzt den Sarg.
   "Nun beisst mal die Zähne zusammen. Das wird ein bisschen streng riechen. Na gut, da müssen wir jetzt halt mal durch."
   Die Mama hob den Deckel und blickte in den Sarg. Auch die Kinder streckten ihre Nasen nach vorne, nur um dieselben sofort angewidert wieder zurückzuziehen.
   "Uh, das ist ja schlimmer als ich dachte." Mama fächerte sich mit der Hand Luft zu, was bei den ohnehin heftig wehenden Winden ein aussichtsloser Versuch war, den entgegenkommenden Gestank zu mindern. "Und wie Oma nur aussieht. Also ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es so schlimm um sie bestellt sein würde."
   Angewidert und dennoch von der Neugierde getrieben näherten sich die Kinder wieder dem verwesenden Körper.
   "Nehmt ihr die Beine." Die Mama richtete vorsichtig den Oberkörper der leblosen Gestalt auf. "Aber seid vorsichtig, dass nichts abbricht. Da ist nicht mehr viel Fleisch dran und was da einmal bricht, werden wir nicht mehr zusammen bekommen."
   Vorsichtig hoben sie die Oma aus ihrem Sarg.
   "Und jetzt halte du mal beide Beine." Die Mama blickte das Mädchen an. "Lass den Bub gucken, ob die Luft rein ist."
   Das Mädchen nahm beide Beine und der Junge rannte in jene Richtung, wo sich vorher die andere Frau aufgehalten hatte. Sie war nicht mehr zu sehen. Er rannte zurück und berichtete.
   "Dann lasst uns mal zum Brunnen gehen. In diesem Zustand könnt Ihr Euch mit Oma ja nicht sehen lassen. Das ist ja fast noch schlimmer als deine Haare."

"Gehört das noch zur Oma?", fragte der Junge.
   "Lass es lieber dran", mahnte die Mama. "Je mehr von Oma übrig bleibt, desto mehr habt Ihr nachher auch von ihr." Sie blickte das Mädchen streng an. "Und du. Schrub´ nicht so doll. Sonst bist du nachher selber Schuld, wenn von Oma nichts mehr übrig ist."
   "Oma stinkt schon gar nicht mehr so sehr", meinte der Junge strahlend.
   "Ja, und das Gesicht sieht noch richtig so aus wie das von einer alten Frau", antwortete das Mädchen.
   "Gut", rief die Mama. "Dann lasst uns keine Zeit verlieren. Holt die Oma aus dem Brunnen und zieht ihr die Klamotten an. Das bekommt ihr jetzt ganz alleine hin. Habt viel Spaß mit Oma."

"98, 99", hörte das Mädchen den Jungen zählen. "100! Ich komme!" Sie hatte sich hinter dem Sarg versteckt. Sie wusste, dass der Junge nicht gut im Versteckenspielen war. Sie konnte viel schneller rennen als er und hatte kein Problem, sich am Brunnen als ´frei´ abzuschlagen. Sie konnte hören, wie er mit seinen Füssen durch den Kies rasselte und sich immer weiter vom Brunnen entfernte. Sie wartete noch ein wenig, dann sprang sie auf und rannte am Grab vorbei um die Hecke herum zum Brunnen. Sie konnte erkennen, wie auch der Junge kehrt machte und vergeblich versuchte, den Brunnen als erster zu erreichen. Sie klopfte mit der Hand auf den Brunnen und rief "frei!"
   Nun kam auch der Junge am Brunnen an und sagte. "Blödes Versteckenspiel. Sogar Oma war wieder schneller als ich."
   Jetzt erst bemerkte das Mädchen, dass auch die Oma am Rand des Brunnens kauerte. "Wie die das nur geschafft hat, wieder als erste am Brunnen zu sein?"
   "Ich will was anderes spielen."
   "Du hast Recht. Mama ist zwei Wochen weg. Wir können doch nicht die ganze Zeit auf den Friedhof rumrennen und verstecken spielen."
   "Ich finds blöd, dass wir die Oma dabeihaben. Da gibt's nicht viel, was wir zusammen machen können." Missmutig setzte er sich an den Brunnenrand und nahm Omas Hand. "Nicht böse sein, Oma. Aber ich finds total doof, immer nur hier auf dem Friedhof rumzuspielen."
   "Na, wie wäre es dann mit einer kleinen Tour in meinem Motorboot?", fragte die Oma.

"Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön...", hörten die Kinder die Oma mit heiserer Stimme singen.
   "Schneller Oma", rief der Junge.
   "Ja, zeig mal, was dein Motorboot noch drauf hat", meinte das Mädchen.
   Der Motor röhrte auf und Oma lenkte in eine steile Kurve.
   "Pass auf das Segelboot auf", kreischte der Junge.
   "Ieeeh", machte das Mädchen, als ihr ein kalter Schauer Wasser ins Gesicht schlug.
   "Haltet Euch gut fest, jetzt geht es zwischen den zwei Ruderbooten vorbei."
   "Au ja", rief das Mädchen. "Bring sie zum Ersaufen."
   "Super wie das platscht." Der Junge klatschte vor Begeisterung in die Hände.
   "Und jetzt da vorne.", rief das Mädchen. "Der Wasserskifahrer."
   "Auf fein", krächzte Oma. "Da fahr ich einfach drüber weg."
   "Jaaaaa", schrie der Junge und streckte die Arme in die Höhe.

"Puh." Das Mädchen wischte sich über die Stirn. "Ich bin fix und fertig. Mach mal ne Pause Oma."
   "Ich hab ganz doll Hunger", jammerte der Junge.
   Oma zwinkerte ihm zu. "Auch mein Magen ist ganz leer. Guck mal."
   Der Junge lachte, aber auch ihm war die Erschöpfung anzumerken.
   Oma blickte sich um. "Gut. Ich spendiere Euch was. Dort vorne am Ufer, da wohnen zwei Köche, die backen den besten Kuchen."
   Der Junge leckte sich den Mund. "Au fein, Oma."

"Und, schmeckt Dir der Kuchen, Oma?", wollte Friedrich wissen.
   "Ja, Friedrich." antwortete die Oma.
   "Guck mal." Der Junge zeigte auf Max. "Wie dick der Koch da ist."
   Max schaute regungslos nach vorne. "Das liegt daran, dass ich immer ganz viel Kuchen esse."
   "Achso", antwortete der Junge.
   "Ich esse auch gerne Reibekuchen", ergänzte Max.
   "Sehr interessant", meinte Oma.
   "Max isst Reibekuchen sogar noch lieber als ich", sagte Friedrich.
   "Das ist mir auch schon aufgefallen", meinte Max.
   "Auch von Reibekuchen kann man dick werden", stellte Friedrich fest.
   "Da hast du Recht, Friedrich", antwortete Max.
   Oma stand auf. "Mann war das ein Kuchen. Aber jetzt brauche ich wieder ein Abenteuer!" Sie beugte sich den Kindern zu. "Wie sieht es mit Euch aus?"
   "Wir sind mit dabei!"
   "Dann habe ich noch eine Überraschung für Euch!". Sie schwang sich ins Motorboot.
Die Kinder folgten ihr. "Au Oma, sag schon. Was werden wir jetzt machen?"
   "Jetzt geht's den Rheinfall runter!"

Die Mama blickte etwas skeptisch auf das Motorboot. "Da scheinen die Kinder ja wirklich wieder mal viel Spaß gehabt zu haben."
   Oma hatte auf ihrem Sarg Platz genommen. "Du kennst ja meine Touren."
   "Bin ja zum Glück nie selbst mitgefahren." Die Mama beugte sich herab. "Aber deine Blumen brauchen mal wieder etwas Wasser. Schau doch nur, wie dein Grab aussieht. Das wäre mir an deiner Stelle peinlich."
   "Ach, ist mir eigentlich egal. Ich bin ja sowieso lieber im Motorboot unterwegs als in meinem Sarg."
   "Eine Frau in deinem Alter sollte so was nicht machen. Außerdem verwöhnst du nur die Kinder. Aber für die beiden beginnt jetzt auch wieder der Ernst des Lebens."
   Die Kinder lagen im Gras neben dem Sarg und sahen sehr erschöpft aus.
   Oma blickte traurig drein. "Ach, können sie nicht einfach bei mir bleiben? Wir haben doch so viel Spaß miteinander."
   "Davon kannst du träumen, alte Dame. Wenn ich nur an die Noten vom Mädchen denke oder an den Haarschnitt vom Jungen. Nene, die brauchen wieder eine feste Hand, da kannst du Gift draufnehmen."
   "Für was denn noch Schule und Haarschnitt?", entgegnete die Oma. "Die Kinder sind doch sowieso schon tot."
   "Tot?", fragte die Mutter verwundert. "Bist du etwa wieder den Rheinfall runtergefahren? Ich fasse es nicht. Da bist du selbst schon so viele Jahre tot und hast noch immer nichts daraus gelernt.
   Oma blickte an der Mama vorbei. "Aber jetzt, wo die beiden nun mal tot sind..." Oma malte verstohlen mit dem Fuß im Kies herum. "Jetzt gehören die doch sowieso hier her und könnten doch einfach bei mir bleiben."
   Die Mama stützte die Hände in die Hüften. "Das hast du dir ja fein ausgedacht, alte Frau. Aber nicht mit mir." Sie wandte sich den Kindern zu. "Und Euch beiden lasst gesagt sein: Bei mir gibt es keine Drückebergerei! Ab morgen geht es wieder in die Schule und dich werd ich zum Frisör prügeln, wenn es sein muss." Die Mama packte die Kinder am Kragen und schleifte sie neben sich her.

Oma zerrte das Motorboot wieder in das Versteck hinter der Hecke. "Schade", murmelte sie. "Sieht nicht so aus, als ob mich die Kinder so bald wieder besuchen kommen." Mühsam schob sie den Sarg zurück ins Erdloch und kletterte hinein. "Aber eigentlich", überlegte sie, "es gibt doch noch so viele andere Kinder. Und sie alle möchten mal was erleben." Sie legte sich hin. "Mal sehen", murmelte sie und schloss den Deckel.


Titelbild: selbst gezeichnet

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von ehemaliges Mitglied am 17.08.2015:
irgendwie habe ich die Geschichte nicht verstanden:((( Vielleicht liegt es an meiner Brille ,den ich hatte noch nie eine Lesebrille lol




geschrieben von metti am 17.08.2015:
Nein, diese Geschichte ist über weite Strecken völlig sinnfrei.




geschrieben von The Doc Silver am 16.12.2015:
Es muß ja auch nicht immer alles einen Sinn haben. Hauptsache ist die Fantasie.

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