Veröffentlicht: 08.05.2026. Rubrik: Unsortiert
Nanne in Lebensgefahr
Nanne in Lebensgefahr!
Hurra ich habe eine Einraumwohnung mit Küche bekom-
men, 1972. Nicht ganz legal. Ich war eine Hausbesetzerin
ohne politische Ambitionen. Habe die Miete bezahlt und
niemand hat mich gefragt. Eine Wohnung mit einfachen
Fenstern, Ofenheizung und Außentoilette. Egal, mit neun-
zehn Jahren eine eigene Bude zu haben, war schon ver-
lockend. Durch meinen Flur gehend, befand sich eine
größere Wohnung, in der eine Familie mit Kindern wohnte.
In den vier Jahren lernte ich nur durch von mir aus-
gelösten Katastrophen den Nachbar kennen, der Taxifah-
rer war.
Mein Zimmer habe ich mit der beruhigenden Farbe rot/
weiß samt der Möbel gestrichen. Die Wände waren mit
Ostplakaten bestückt. Ich fühlte mich wohl. Auch wenn
beim ersten Mal heizen der Ofen qualmte.
Mein Bruder erklärte sich freiwillig bereit, meine Küche
mit Ölfarbe zu streichen.
Das Geld war immer knapp. Daher bestanden die Mahl-
zeiten aus Schmalz, Knäckebrot und Kartoffelsuppe.
Der Hauptgrund war jedoch, dass ich im Exquisit, das
Modegeschäft für Reiche, regelmäßig einkaufen ging.
Es war Sommer 1972 und wiedermal stand ein Topf
mit Schmalz, Zwiebeln und Speck auf meinem Gasherd.
Auf einem schwarz/weiß Fernseher lief eine Folge mit
Charlie Chaplin. Er rannte hektisch hin und her, da sein
Haus brannte. Im Nachhinein ein verrückter Zufall.
Plötzlich klopfte es lautstark an meiner Wohnzimmer-
tür. Der Nachbar fragte „Ob ich was auf dem Herd hätte?“
Hatte ich, nämlich Schmalz. Die Küchentür wurde aufge-
rissen und was ich sah, löste bei mir Panik aus.
Der Topf brannte lichterloh. Ein Glas Wasser auf den
Topf zu schütten, war von mir keine brandtechnische
kluge Entscheidung. Die Flammen schossen hoch. Ent-
lang der gespannten Wäscheleine zu den Küchengardi-
nen. Der Nachbar riss die Wäsche von der Leine, damals
waren meine Schlüpfer noch kleiner, um die Flammen
auszuschlagen. Zusammen rannte ich mit Charlie Cha-
plin durch die Küche mit der Information „ Feuer, Feu-
er“! Mein cleverer Nachbar schmiss den Topf aus dem
Fenster. Dann kam die Feuerwehr, die die Küche nach
Brandherden abklopfte. Die Wände waren voller Blasen.
Nicht nur die Wände, auch meine Hände und mein Ge-
sicht. Den Topf konnte ich nicht mehr verwenden. Ich war
traumatisiert. Daher mein Entschluss, das Kochen in Zu-
kunft anderen zu überlassen. Was bis heute angehalten
hat. Schmalz wurde dann erst ein mal vom Speisezettel
gestrichen.
Die nächste Storie hat wieder mit meinem Nachbarn zu
tun. Er bot mir ab und zu an, mich zur Arbeitsstelle mitzu-
nehmen. Was mir im Nachhinein das Leben gerettet hatte.
Irgendwann bekam ich einen neuen Gaszähler. Der of-
fensichtlich nicht fachgerecht angeschlossen wurde. Je-
den Morgen machte ich die Gasflammen an, damit ich mich
im Winter in der Küche waschen konnte, ohne zu erfrieren.
Über einen längeren Zeitraum bemerkte ich einen süß-
lichen Duft, den ich regelmäßig einatmete. So ging es über
Wochen. Eines Morgens hatte ich mich schon fertig ge-
macht, um zur Arbeit zu fahren. Dann wurde mir schlecht
und ich fiel um, nachdem ich durch das Zimmer wie eine
Betrunkene taumelte. Später fand ich meine Handtasche
hinter dem Ofen. Offensichtlich hatte ich keine Kontrolle
mehr über meinen Körper.
Es klopfte an meiner Tür und zum Glück fand der Nach-
bar mich auf dem Fußboden. Ich war nicht ohnmächtig
aber ich konnte mich nicht bewegen. Er rief einen Ret-
tungswagen. Meine Diagnose war eine Gasvergiftung.
Es wurde mir klar, dass ich sehr gefährlich lebe und
dafür sorgen muss, in Zukunft nicht alleine zu bleiben.
Es kam eine verrückte Zeit, gefüllt mit Freundschaften
und Partys. Ich hatte einen tollen Freundeskreis, beste-
hend aus fünf Männern und deren späteren Partnerinnen.
Auch diese Freundschaften hielten an.
Eine andere Geschichte war dann die Zeit der Bewer-
bungsgespräche von Kandidaten, die sich um mich küm-
mern wollten.
Die Bewerber mussten sich vorbereiten auf folgende
Fragen:
1. Sicheres regelmäßiges Einkommen vorhanden?
2. Erfahrungen in der Haushaltsführung?
3. Großzügigkeit im Umgang mit der persönlichen
Freiheit erwünscht?
Da nichts passendes dabei war, ging ich zum Studium
außerhalb von Berlin.
Da das Leben in einem Wohnheim statt fand, wurde
ich von den Kommilitonen vor Gefahren beschützt. – Also
nicht vor der Liebe, das ist eine andere Geschichte.
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