Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 20.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Der schönste Tag

Der schönste Tag
im Leben einer Frau — theoretisch!
Es gibt natürlich immer ein Vorspiel, für den großen
Schritt. Zwei Menschen treffen freiwillig die Entscheidung
zu heiraten. Manchmal werden Ehen fremdbestimmt.
Kennt ihr diese Filme, die sowas aus dem Leben erzäh-
len? Der Mann hockt auf seinen Knien in der Pfütze. Oder
er steht auf der Bühne und stellt vor 10000 Menschen
diese eine Frage. Dazu spielen Geigen im Hintergrund.
Natürlich gehörte ich auch zu den jungen Mädchen, die
wenigstens einmal in ihrem Leben gefragt werden möch-
ten. Er muss ja nicht auf einem weißen Pferd daher ge-
ritten kommen. Es könnte auch ein braunes Pferd sein.
Eine Verlobung vorher, ist auch ein muss. Einen Ring mit
einem Stein versteckt in der Bulette oder im Sektglas.
Es kam anders, sehr viel anders in meinem Leben. So
wurde ich das erste mal mit dieser „Romantik“ konfrontiert
als ich 18 Jahre war. Mit meiner ersten großen Liebe, die
ich in der Berufsausbildung kennen gelernt habe. Wir hat-
ten uns verlobt. Es war toll, denn wir bekamen Geschenke.
Es hat nichts genutzt. Meine Liebe war gegangen.
Ich floh an einem Ort, außerhalb von Berlin, um zu stu-
dieren und den Schmerz zu vergessen. Wahrscheinlich
hat es dazu beigetragen, dass ich viel zu hektisch in die
nächste Beziehung hinein geraten bin, die so viel verspre-
chend begann. Aber sich schon nach einem halben Jahr
für eine Ehe zu entscheiden, war naiv von mir.
Da die Hochzeit in Berlin statt finden sollte und wir
außerhalb studierten, mussten wir die Organisation des
großen Tages meinen Eltern überlassen. Da beide Eltern,
wie es Tradition ist, die Feier finanzierten, fand sie statt.
Es gab schon im Vorfeld ernst zu nehmende Anzei-
chen, diese Ehe nicht einzugehen.
A. Die weißen Pumps kaufte ich auf den letzten Drücker
und so stellte ich an dem Tag fest, dass der rechte Schuh,
zu groß war.
B. An dem Tag regnete in Strömen.
C. Im Warteraum kam nach einigen Minuten die Stan-
desbeamtin auf uns zu und fragte: „Haben sie die Ringe
schon abgegeben, wir finden sie nicht?“
D. Nach der Trauung hatte meine Mutter in einem be-
kannten Restaurant ein Mittagessen bestellt.
Wir waren ca.15 Personen. Als wir dort ankamen,
schaute das Personal irritiert. Darauf hin wurde in dem
Bestellbuch nachgesehen. Da stand nichts. Keine Bu-
chung. Na super, zumal meine Eltern in ihrer Wohnung
schon den Kaffeetisch gedeckt hatten. In den anderen
Zimmern standen die Möbel übereinander. Die Situation
wurde immer absurder. Es war weder Hochzeitsdekora-
tion vorhanden, noch waren die Tische eingedeckt. Eine
Stunde später, nachdem der Hunger und der Unmut der
Gäste stieg, übernahm mein Vater die Regie. Die meis-
ten Gäste sahen die Situation locker, nur ich nicht. Meine
Vorstellung von einer Traumhochzeit begann immer mehr
zu schwinden.
Auch ohne eine Mahlzeit eingenommen zu haben, riss
der Reißverschluss meines langen Hochzeitskleides. Da
liefen mir dann doch die Tränen. Eine Stunde später er-
griff mein Vater die Initiative und sprach „wir gehen und
bezahlen nichts, für diesen miesen Service.“
Das Problem war jedoch, dass wir alle Hunger hatten
und zu Hause der Kuchen zwar bereit gestellt stand, aber
keiner von den Gästen darauf Appetit hatte.
Darauf hin fuhren einige Männer zum Goldbroiler (Hähn-
chenstand) um für alle Gäste einen halbes Hähnchen zu
besorgen. In Silberfolie eingewickelt aßen wir die Broiler
mit dem Teller auf dem Schoß. Was für ein Chaos und so
langsam kam mir der Gedanke, das sind alles Zeichen,
die eine abwechslungsreiche Ehe versprechen. So kam
es auch, nach einem Jahr ließen wir uns scheiden. Aber
irgendwie kamen wir nicht von einander los. Da wir weiter
an dem Institut zusammen studierten und im Internat leb-
ten, kamen wir uns wieder näher. Heirateten das zweite
Mal. Der Grund war sicher auch, das zu erwartende Baby.
So fuhren wir 1977 zum Standesamt in Berlin mit der
Strassenbahn in einem einfachen Outfit.
Die Standesbeamtin baten wir, sich ihre traditionelle
Rede zu sparen und die Musik weg zu lassen. Außerdem
hatten wir keine Ringe. Auch diese Ehe war zum schei-
tern verurteilt.
Ein Jahr später ließen wir uns endgültig scheiden.
Danke an meine tolerante Mutter, die diese unruhige
Zeit mit viel Verständnis und Humor überstanden hatte.
Der Spruch: „drum prüfe, wer sich ewig bindet“ trifft wohl
zu. Ich habe nie wieder geheiratet aber seit 35 Jahren
bin ich in einer glücklichen Partnerbeziehung, ohne Trau-
schein.
Inzwischen bin ich in einem Alter, indem ich mir nicht
vorstellen könnte, in einem Prinzessenkleid zu passen.
Außerdem, bei einem Antrag auf die Knie zu gehen, macht
sicher keinen Sinn, er müsste ja auch wieder hoch kom-
men. Wie soll mein Partner mit über 55 auf ein Pferd
kommen, egal welche Farbe das Pferd hätte?
Also feiern wir andere Feste mit Bravour. Es gibt so viele
Anlässe: Endlich neue Zähne, der Blutdruck ist normal,
die Hämorriden haben sich verkleinert, die Blase ist
dichter geworden, das Hörgerät ist super, auch die Lese-
brille sieht schick aus.
Was kann ich nicht ändern? Altersflecken, schrumplige
Haut, schnelle blaue Flecke, einige Muskeln lassen nach,
die, die als Schließer fungieren sollten.
Ich warte allerdings noch auf die Altersweisheit und die
Altersmilde in nervigen Situationen.
Was solls`.— Das Leben ist kein Ponyhof!

counter1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Marianne Lubos:

Bin ich eine Sammlerin oder Jägerin
Zwischen Mauerfall und Mutproben
Zeit aus Asche
Ich bin noch da!
Urlaubsstimmung