Veröffentlicht: 20.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Bin ich eine Sammlerin oder Jägerin
Bin ich eine Sammlerin oder eine Jägerin?
Sich Gedanken über sein Leben zu machen, macht Sinn.
Irgendwann muss man sich im Leben entscheiden, eine
Sammlerin oder eine Jägerin sein zu wollen? Trotz mei-
nes hohen Alters habe ich mich bislang nicht entscheiden
können.
Muss ich ja auch nicht. Bisher wurde ich von nieman-
dem beurteilt, was ich sein möchte. In den Siebziger-
jahren wurde ich während der Disco gefragt: „Bist du
Beatles- oder Rolling Stone Fan?“ Wenn meine Antwort
allerdings lautete: „Ich stehe auf Frank Schöbel“ war der
Tänzer weg.
Immer mal wieder kommen mir diese Gedanken, zum
Thema, was oder wer bin ich? Das liegt sicher daran,
dass wieder ein neues Jahr begonnen hat.
Vielleicht bin ich sowohl als Sammlerin und Jägerin un-
terwegs. Sammeln von Kleidungsstücken finde ich ganz
normal. Da bin ich durch und durch eine Frau. In verschie-
denen Rollen zu schlüpfen, abhängig von meiner Stim-
mung, macht meine Persönlichkeit aus. Schwarz macht
schlank und lässt einen seriös erscheinen. Kann aber
auch Abschied bedeuten.
Farbenfrohe Kleider entsprechen eher meinem Seelen-
zustand. Vor dem Spiegel stehend, hellt sich meine Stim-
mung auf. Unter dem Motto „nicht schlecht, Herr Specht“!
Was der Vogel Specht allerdings damit zu tun haben soll,
keine Ahnung?
Beeren und Pilze im Wald zu sammeln, ist nicht so
meine Stärke. Da würde ich mich und andere in Lebens-
gefahr bringen. Manche sehen nur schön aus. Meine
Oma würde sagen: Es zählen mehr die inneren Werte!
Eine Zeit lang habe ich kleine Engel gesammelt. Es hat
geholfen, denn sie haben mich vor Überschwemmungen,
Erdrutschen und Vulkanausbrüchen bewahrt.
Mein Liebster allerdings unterstellt mir, ich würde Ge-
würze sammeln, die ich dann doch nicht zum Einsatz
bringe. Sicher, sechs Tüten Lorbeerblätter machen keinen
Sinn. Ich warte auf den Moment, wenn im Haus jemand
sich Lorbeerblätter ausborgen möchte. Dann bin ich vor-
bereitet und kann helfen.
Das Thema, Dinge aufzubewahren, daran arbeite ich
gerade. So habe ich mich konsequent von Fotos getrennt,
auf denen Natur oder Menschen zu sehen waren, die es
nicht mehr gibt. Unter anderem Eisberge und Verstorbene.
Jagen oder auf die Jagd gehen, ist für mich schon mehr
ein Thema. Natürlich erlege ich keine Tiere im Wald. Ob-
wohl, warum eigentlich nicht?
Auf der Jagd nach intensivem Leben, nach Aktionen,
nach Abwechslung, nach kreativen Erlebnissen und neuen
Erfahrungen, das ist mir wichtig. Warum sollte ich jetzt
auch ruhiger werden? Jetzt, wo ich Zeit habe. Doch mein
Körper sendet mir schon bisweilen Signale und meint, un-
gefragt mir mitteilen zu müssen: „Übertreibst du nicht, stän-
dig nach neuen Erlebnissen zu jagen, in deinem Alter?“
Ausruhen kann ich mich immer noch, wenn ich gestor-
ben bin, ist meine Antwort.
Aufgrund meiner glücklichen Lage, einen toleranten
Mann zu haben, der mich mit Freundinnen um die Häuser
und in andere Länder ziehen lässt, jagt ein Höhepunkt
den anderen. Denn sexuelle Höhepunkte haben sich
schon reduziert. Wird auch überbewertet!
Inzwischen steht der schmackhafte Verzehr von herr-
lichen Speisen und von prickelnden Getränken, bei mir an
erster Selle. Daher kommt sicher der Spruch: „Essen ist
der Sex des Alters.“
Sicher kann ich nicht klettern, Bungeespringen oder
tauchen, aber danach stand mir noch nie der Sinn. Län-
der und andere Städte erkunden, ins Theater gehen, die
kreative Seite ausleben, außergewöhnliche Restaurants
besuchen, interessante Menschen treffen, ist meine Welt.
Bemerkenswert sind manche Reaktionen im Umfeld,
die mich vereinzelt dazu auffordern, ruhiger zu werden.
„Wovor rennst du eigentlich weg? Übertreibst du nicht,
lässt du deinen Mann nicht zu oft alleine?“ Hast du keine
Angst? Wovor soll ich mich fürchten, frage ich sie?
Diese Menschen meinen es natürlich nur gut mit mir.
Sicher haben einige ältere Menschen ihre Gründe, an-
dere Lebensmaximen für sich aufzustellen. Wenn nach
vielen Jahren der Partner wegfällt, finanzielle Not herrscht,
gesundheitliche Probleme im Vordergrund stehen, ist es
sicher schwierig, allein klarzukommen. Sich jedoch in den
jüngeren Jahren Freundschaften zu erobern und dann
sie weiter zu pflegen, fällt nicht jedem leicht, aber ist eine
wichtige Prämisse im Leben.
Ja, ich bin auf der Jagd nach interessanten Erlebnissen,
nach Lachen, nach tollem Essen, nach neuen Menschen.
Zu lernen, auf die Signale des Körpers zu hören und sie
nicht zu ignorieren, ist eine tägliche Aufgabe. Grenzen zu
akzeptieren und auch Menschen loszulassen, die einem
nicht guttun, ist eine sinnvolle Herausforderung. In die-
sem Sinne bin ich eine Sammlerin mit Ambitionen zum
Jagen.
Ich wünsche allen Menschen auch in meinem Alter
weiterhin Mut, sich auf neue Dinge einzulassen.
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