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geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 16.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Zeit aus Asche

Zeit aus Asche

Die Sonne brannte sanft vom Himmel, während sich Touristen in kleinen Gruppen durch die Straßen schlängelten. Stimmen, Kameras, Schritte – alles verschmolz zu einem Geräuschteppich aus Erwartung und Wärme.
Eine Reisende aus Berlin, Anna, bewegte sich dazwischen – verführt vom Glanz des Südens: das glitzernde Meer, der Duft von Oliven und Zitronen, die warme Luft, die von den Steinen der Gassen aufstieg. Alles schien zu flimmern vor Leben und Geschichte.
Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch der antiken Stadt Pompeji.
Ein goldenes Licht legte sich auf die Ruinen, als wolle die Sonne selbst die Geschichte der Verschütteten erzählen. Der Vesuv thronte still am Horizont, friedlich, beinahe schläfrig – kaum vorstellbar, dass er einst das Leben hier ausgelöscht hatte. Schon beim Betreten des Geländes spürte Anna etwas, das sie nicht benennen konnte. Zwischen steinernen Häusern, Tempeln und stillen Straßen lag die Vergangenheit wie ein dichter, unsichtbarer Nebel.
Hinter einem Zaun lagen Gipsfiguren, eingefroren im letzten Atemzug. Ein Paar, fest ineinander umschlungen. Ein Kind, zusammengerollt. Ein Hund, gekrümmt vor Schmerz. Stille Schreie der Vergänglichkeit, eingefangen im Stein.
Anna ging weiter. Sie staunte über die erhaltenen Fresken an den Wänden, sie lief über glänzende Marmorfußböden, sah einen Brunnen im Sonnenlicht – alles schien noch zu atmen.
Vor ihrem inneren Auge sah sie Familien lachen, Märkte voller Stimmen, Tavernen mit Wein und Lärm, Tempel im Duft von Weihrauch.
Pompeji war kein Ort der Toten – es war ein Ort, der sich erinnerte. Die Unterschiede zwischen den Häusern verrieten einstigen Reichtum und Armut, Macht und Hoffnung.
Und über allem thronte das Amphitheater – ein Ort, an dem Spiele und Blut den Hunger der Menge stillten, während Herrschende ihre Macht zeigten.
Anna blieb stehen, ließ den Blick über die Steine schweifen – und fühlte, wie die Zeit zu atmen begann. Die Hitze des Tages lag schwer auf den Mauern, als die Müdigkeit sie übermannte. In einem schattigen Hof, zwischen Feuerstellen und alten Gefäßen, setzte sie sich. Ihr Kopf sank auf einen Stein, und für einen Atemzug schien alles still. Ein feiner Rauch stieg auf – und die Welt verwandelte sich.

Das Surren der Kameras verstummte. Stattdessen Stimmen, Schritte, Lachen.
Zwei Frauen in langen Stolas eilten durch den Hof, riefen einander Worte in einer fremden Sprache zu. Das Licht war anders, weicher, goldener.
Anna blinzelte. Bin ich gestürzt? Träume ich? Da trat eine Frau zu ihr. Schön, in reifen Jahren, mit dunklen Augen, die mehr sahen, als sie zeigen wollten.
„Non timeas,“ sagte sie leise. Fürchte dich nicht.
Ihre Hand legte sich auf Annas Schulter – warm, ruhig, echt. „Wer... wer bist du?“ hauchte Anna.
„Man nennt mich Fortunata,“ antwortete die Frau. „Und du? Du trägst das Licht fremder Länder in den Augen.” Anna zögerte, suchte nach Worten. Schließlich zeichnete sie Zeichen in den Staub: Wellen, ein Schiff, die Sonne. Fortunata sah zu, lächelte kaum merklich.
„Das Meer bringt viele, die sich verlieren,“ murmelte sie. „Komm, du brauchst Ruhe.” Fortunata führte sie in ein großes Gemach. Warmes Wasser dampfte in einer steinernen Wanne, Rosenblätter schwebten auf der Oberfläche. Goldene Gefäße reflektierten das Licht, und Düfte von Myrrhe und Öl erfüllten die Luft. „Dies ist kein Traum,“ dachte Anna. „Oder wenn es einer ist – so will ich nicht erwachen.” Fortunata beobachtete sie still.
„Vielleicht bist du gesandt, um zu sehen, was die Zeit verschlang,“ sagte sie leise. „Vielleicht trägst du Erinnerung für jene, die vergessen wurden.”
Anna spürte Tränen, ohne zu wissen warum. Sie nickte nur.
Die Tage begannen früh, mit dem Ruf der Händler und dem Rauschen des Brunnens im Hof. Anna half, beobachtete, lernte – Wort für Wort, Geste für Geste. Fortunata zeigte ihr Dinge, gab ihr Aufgaben, lächelte, wenn sie Fehler machte. „Wie nennt ihr das?“ fragte Fortunata und wies auf den Himmel.
„Himmel,“ antwortete Anna.
„Caelum,“ sagte Fortunata. „Caelum et sol – Himmel und Sonne.“
Anna wiederholte die Worte, langsam, ehrfürchtig, als formten sie Magie. Abends saßen sie im Atrium, wo das Licht durch das offene Dach fiel. „In deinem Land,“ fragte Fortunata eines Abends, „fürchtet man dort die Götter?” Anna dachte lange nach. „Man fürchtet... das Ende. Dass nichts bleibt.”
Fortunata senkte den Blick. „Dann ist euer Gott der gleiche wie unserer – die Vergänglichkeit.”
Manchmal kam ein Mann ins Haus, groß, schweigsam, mit einem Blick wie Sturm über dem Meer.
„Er hat den Blick eines Gladiators,“ sagte Fortunata.
Er kämpft?“ fragte Anna.
„Er lebt vom Applaus der Menge,“ antwortete sie. „Doch niemand lebt lange so.”
Zwischen den Frauen wuchs ein stilles Band – Mutter und Tochter, Schülerin und Lehrerin zugleich.
Anna half, wo sie konnte, hörte Geschichten von Liebe und Verrat, von Träumen, die in Asche endeten.
Und über allem schwebte ein Gefühl, dass etwas naht – etwas Großes, Uraltes.
Der Tag des Festes kam. Das Amphitheater füllte sich, Trommeln dröhnten, das Volk jubelte.
Fortunata saß neben Anna, die das Spektakel kaum ertrug.
„Warum jubeln sie?“ flüsterte Anna. „Überall ist Blut.“
Fortunata antwortete: „Weil sie das Leben spüren wollen, ehe es sie verlässt.”
Da erschütterte ein Grollen die Luft.
Der Boden bebte. Tiere in der Umgebung brüllten.
Am Horizont erhob sich eine dunkle Wolke – der Vesuv wurde lebendig. „Es beginnt,“ sagte Fortunata tonlos.
Panik brach aus. Menschen rannten, stolperten. Anna griff nach Fortunatas Hand.
„Komm! Wir müssen fort!”
Doch Fortunata blieb stehen, die Augen zum Himmel gerichtet.
„Ich gehöre zu dieser Erde, Anna. Mein Ende ist schon geschrieben.“
Fortunata lächelte, Tränen glänzten in ihren Wimpern.
„Du bist aus einer anderen Zeit. Geh – und erinnere dich an uns.“
Ein letzter Druck ihrer Hand – dann wandte sie sich um.
Anna stolperte durch die Gassen, Rauch und Asche vernebelten den Weg.
Doch im Staub erkannte sie Zeichen: Kreise, Pfeile, ein Kreuz – Fortunatas Wegweiser.
Sie folgte ihnen, bis alles schwarz wurde. Dunkelheit.
Dann Licht.
Stimmen, Schritte, jemand rief ihren Namen. „Anna, alles gut? Du bist ohnmächtig geworden.“ Sie öffnet ihre Augen.
Neben ihr kniet ein Mann aus der Reisegruppe. Ringsum hörte sie die Stille in den Ruinen von Pompeji.
Anna schwankt zu dem eingezäunten Gelände. Dort lagen zwei eng umschlungene Gipsfiguren. Sie hielt sich am Zaun fest und konnte ihre Tränen nicht zurück halten. „Vale, Fortunata - leb wohl.“
Die Sonne stand still über der Stadt, golden und heiß. Ihr Blick ging zum Vesuv. Für einen Atemzug schien es, als atmete Pompeji wieder - als erinnere sie die Zeit selbst

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