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geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 16.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Zwischen Mauerfall und Mutproben

Zwischen Mauerfall und Mutproben

Aus dem Leben einer Sozialarbeiterin in den 90er-Jahren Die Mauer war weg – und in manchen Köpfen tat sich eine neue auf. Ich arbeitete damals als Ausbilderin in der Elektrotechnik beim DDR-Rundfunk. Als dieser aus gesellschaftlich-politischen Gründen abgewickelt wurde, stand ich plötzlich auf der Straße. Arbeitslos. Meine Zukunft lag wohl nicht in der Elektrotechnik – zu viele abstrakte Zusammenhänge blieben mir ein Rätsel. Warum hatte der Transistor nur drei Beine, und ich fragte mich: Woher wissen die Elektronen eigentlich, wohin sie müssen? Und warum bekommt der Vogel keinen Schlag, wenn er auf der Stromleitung mit beiden Beinen sitzt? Schon damals war klar: Mein Herz schlug nicht für Technik, sondern für Menschen. Besonders für Kinder und Jugendliche.
In dieser wilden Zeit nach der Wende entstanden überall neue Projekte. Ideen sprossen wie Frühblüher im Beton: Paula e.V. nähte Baumwollwindeln, eine Initiativküche wurde gegründet, Statistiken erstellt, um herauszufinden, welche sozialen Einrichtungen nach dem Umbruch überhaupt noch existierten.
1991 bekam ich die Chance, im Bezirk Marzahn/Hellersdorf genau daran mitzuwirken. Doch die Euphorie der Einheit hatte auch ihre Schattenseiten. Aus den Kellern und Hinterzimmern tauchten selbstbewusst Nazis auf – in ihren Uniformen, mit Glatze und Springerstiefeln. Die Politiker/innen im Bezirk war überfordert. Niemand wusste, was erlaubt war und wo die Grenze lag. Es begann mit Musik und endete bei ihrem Outfit. Links- und rechtsextreme Gruppen beanspruchten die Jugendclubs für sich. Und wir Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – waren voller Tatendrang, Mut, Naivität und mit Optimismus – stürzten uns mitten hinein. Wir diskutierten, oft hitzig, manchmal gefährlich nah an der Grenze.
Einmal riet ich einem Jugendlichen mit auffallend jüdischem Nachnamen, Ahnenforschung zu betreiben, da er sein faschistisches Gedankengut präsentierte.„Mit deinem Namen wärst du damals der Erste gewesen, der im Ofen gelandet wäre“, sagte ich ihm – hart, aber ehrlich.
Ich organisierte Discos, bei denen Links- und Rechtsorientierte gemeinsam feiern sollten. Meist endete das kurz vor einer Massenklopperei. Ich war Anfang dreißig, tanzte mit den Nazis, um sie abzulenken, und lernte: Manchmal rettet ein Tanz mehr als hundert Diskussionen.

So wurde ich über Nacht zur Streetworkerin – 1991 wusste ich nicht einmal, wie man das schreibt. Es war eine verrückte, gefährliche, aber auch unglaublich lebendige Zeit.
Eines Abends rief man mich, um eine Prügelei zu verhindern. Mit meiner Berliner Schnauze, meinem Humor und meinem selbstbewussten Auftreten schaffte ich es, die Situation zu beruhigen. Kurz darauf meldete sich der Amtsleiter von Hellersdorf. Er bat mich zu einem Gespräch. „Da muss ich erst mal in meinen Terminkalender schauen“, und so hatte ihn sofort auf meiner Seite. Er fragte mich: „Können Sie sich vorstellen, eine leere Kita in eine Kinder- und Jugendeinrichtung umzuwidmen?” Auf dem Tisch lag ein großes Schlüsselbund – mit Etiketten wie Wickelraum, Schlafraum, Küche. Ich sah ihn an, sah die Schlüssel – und wusste: Das ist meine Chance. Also machten wir uns ans Werk. Wir räumten, planten, beantragten Fördergelder, kauften Möbel, Sportgeräte, Bürobedarf. Dank einer großzügigen Spende konnten wir richtig einkaufen gehen. Ich liebe zwar das Shoppen, aber diese Summe überforderte mich. Zum Glück bekam ich Unterstützung. Langsam lernte ich, wie Verwaltung funktioniert – wer welche Anträge genehmigt und wie man seine Ziele durchsetzt. Später verstand ich: Mit Wertschätzung und Verständnis erreicht man mehr. Ich lud manche der „verbissenen“ Kolleginnen einfach in unseren Club ein – nach einem gemeinsamen Nachmittag wurden wir im Umgang miteinander wertschätzender.
Zehn Jahre lang leitete ich die Kinder- und Jugendeinrichtung. Es war die beste Zeit meines Berufslebens.
Wir hatten Freiheit, Kreativität und Teamgeist. Unsere Türen standen offen für alle: deutsche Jugendliche, Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, später Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien. Integration lebten wir – jeden Tag, in Projekten, beim Kochen, Musizieren, im Sport.
Natürlich gab es auch Konflikte. Eine Gruppe albanischer Jugendlicher kam eines Montags mit denselben teuren Turnschuhen. „Vom LKW gefallen”, sagten sie grinsend. Anfangs verstanden sie nicht, dass eine Frau den Club leitete. „Du sollst lieber zu Hause kochen”, riefen sie. Ich lachte: „Genau das kann ich am schlechtesten.“ Sie merkten schnell, dass man mit Humor und klaren Regeln auch Autorität ausstrahlen kann. Für viele Jugendliche wurde der Club ein zweites Zuhause. Ein Hausverbot war die härteste Strafe. Manche kamen mit Blumen, um mich umzustimmen.


Eines Tages bat mich eine Praktikantin, mit einem männlichen Jugendlichen zu sprechen. Sie beschwerte sich darüber, dass er, wenn sie sich durchsetzen wollte ihr den Spruch „Fick dich ins Knie.” an den Kopf knallte. Ich bat ihn ins Büro, stellte zwei Stühle gegenüber und sagte: „Ich kenne 365 Stellungen, aber wie man jemanden ins Knie ficken kann, das musst du mir zeigen.” Dabei krempelte ich mein Hosenbein hoch. Der Junge wurde knallrot.„Na, das ist doch nur so ein Spruch …“
Er sagte es nie wieder.

Bei einer Feier auf der zugehörigen Freifläche des Clubs hatten sich einige Ältere mit Alkohol versorgt. Als sich der Amtsleiter ankündigte, zog ich mit Kreide eine Linie auf den Boden. „Los, balancieren – mit geschlossenen Augen!“, befahl ich. Alle machten mit. Später gestand ich, dass es nur ein Spaß war. Da waren sie beleidigt – ihre männliche Ehre wurde verletzt.
Nach zehn Jahren wollte ich mich verändern, suchte eine neue Herausforderung – und bereute es bald. Ich wechselte ins Jugendamt, um meine Erfahrungen im Umgang mit problematischen Familien, besonders mit Jugendlichen, einzubringen. Doch dort erlebte ich, was ich nie für möglich gehalten hätte: Neid, Misstrauen, Kälte – und das unter Sozialarbeiterinnen. Nach einem halben Jahr wurde ich krank.
Bis heute erschüttert mich, wie in einem Beruf, der auf Menschlichkeit beruht, so wenig davon gelebt wurde.
Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, sehe ich ein buntes, chaotisches, lautes, manchmal gefährliches, aber zutiefst menschliches Kapitel meines Lebens. Wir hatten nichts – und machten alles. Wir glaubten, mit Herz und Humor die Welt verändern zu können.
Vielleicht taten wir das auch – wenigstens ein kleines Stück.

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