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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 08.05.2026. Rubrik: Unsortiert


Praktikum in der Kita "Hotzen-Plotz"

Praktikum in der Kita „HotzenPlotz“
Mein Entschluss stand fest, mich als sogenannte Quer-
einsteigerin für den Beruf als Erzieherin zu bewerben.
Schließlich habe ich ja auch Kinder zur Welt gebracht und
erzogen.
Vor 40 Jahren habe ich auf einem Hof im Osten einer
LPG, heute sagt man ja „Farm“, gearbeitet. Mit vielen Tieren
und Nutzpflanzen. Der ökonomische/biologische Hof war
mit allen möglichen Nutztieren versehen, kleine und große
Viecher, aber alles auf Naturbasis. Früher, vor der Wende,
habe ich die Tiere auf die Weide getrieben, manchmal
habe ich sie auch angeschrien. Dann begann ich mit
jedem einzelnen Tier zu reden. Ich überließ es ihnen, ob
sie auf die Weide gehen oder im Stall bleiben möchten,
mit oder ohne Begleitung.
Viele konkrete Erfahrungen habe ich gemacht, mit einem
Haufen von Lebewesen, die zusammengehalten werden
mussten. Habe sie gefüttert, sauber gemacht, gestreichelt
und pädagogisch betreut. Heute wird ja nicht mehr von
Erziehung gesprochen, sondern die Tiere können selber
entscheiden, was und wann sie fressen, wann sie kacken
und auch wohin, mit wem sie sich vermehren möchten.
Da kamen schon mal sehr makabere Mutationen heraus.
Dann kam das Jahr 1990, ich war keine LPG-Bäuerin
mehr und bin dann auf einige Weiterbildungsmaßnah-
men geschickt worden. Es waren nicht immer sinnvolle
Vorschläge vom Arbeitsamt. Ich sollte unter anderem auf
einer Baustelle Zement mischen. Oder einen Chor leiten,
im Park die Blätter fegen usw. aber durch die engagier-
ten Mitarbeiterinnen im Arbeitsamt habe ich erfahren, was
Integration und Inklusion bedeutet. Jedes Tier, egal sei-
ner Herkunft, unabhängig seines Aussehens, mit und
ohne Fell, seiner Kultur und mit/ohne Behinderung, wird
gefördert. Die Tiere lernen voneinander und versuchten
im Alltag, sich anzupassen und lieb zu haben. So zum
Beispiel sieht es zwar komisch aus, wenn die Kuh auf
dem Hof versuchte, ein Ei zu legen oder das Huhn sich
ständig in der Hundehütte versteckte. Aber egal, sie wa-
ren glücklich, und das ist das, was im Leben zählt.
Dann kam eine neue Herausforderung. Überall wurden
Erzieherinnen gesucht. Warum nicht? So konnte ich meine
Erfahrungen von der Tätigkeit auf dem Hof in der Kita bei
den Kindern anwenden. Meine zukünftige Kitaleiterin war
überzeugt von meinen Kompetenzen. Sie sagte mir in
dem Bewerbungsgespräch vertrauensvoll: „Es gibt auch
bei uns keine Regeln, weder bei den Mitarbeitern noch bei
den Kindern.“ „Wir haben alle die pädagogische Leitung
und in erster Linie geht es um die frühkindliche Betreuung
und Bildung der Kinder. Auch wenn wir unterbesetzt sind,
ist unserer Leitspruch: Jedes Kind wird individuell persön-
lich betreut, entsprechend seinem persönlichen Entwick-
lungsstand.
Die Kita hatte sich auf die Fahne geschrieben, alle Kin-
der können überall sein. In allen Räumen des Hauses.
Sich an Orten zum Ausruhen zurück ziehen. Ein Kind lag
regelmäßig auf meinem Schreibtisch. Das ist schon ok.
Die Kinder können Ihre Mahlzeit einnehmen, wo, was und
wann sie möchten. Meine Tupperbüchse wurde regel-
mäßig geleert aber nicht von mir. Das sind alles Kleinig-
keiten, die das Arbeiten mit den Kindern so abwechs-
lungsreich machten.
Die Kinder sollen ab einem Jahr sich verantwortungs-
voll entscheiden, aber auch lernen, die Konsequenzen
dafür zu tragen. So entscheiden die Kinder mit vier Jah-
ren, ob sie von der Erzieherin gewickelt werden möch-
ten. Ein Beispiel: Die Windel ist voll gekackt. Es stinkt.
Die Hose hängt durch die Füllmasse auf dem Boden und
hinterlässt Schleifspuren. Aber Jerome-Matti möchte nicht
von der Erzieherin Ricarda seine Hose herunterlassen.
Das ist seine Intimsphäre, die respektiert werden muss.
Sonst machen die Eltern eine Anzeige. So läuft Jero-
me-Matti den ganzen Tag und hinterlässt nicht nur eine
Geruchsfahne. Die Leiterin gestand mir im Gespräch,
dass der Krankenstand der Mitarbeiter/innen zur Zeit
91% beträgt. Die meisten Erzieherinnen hören Stimmen.
Das waren schon erschwerte Bedingungen für die
zukünftige Tätigkeit als Erzieherin. Die Leiterin strahlte
jedoch sehr viel Optimismus aus: „Ach, das bekommen
wir schon hin. Die Kolleginnen, die noch da sind, haben
super abgenommen.“
Na, das hat mich sofort überzeugt. Abnehmen wollte ich
schon länger. Auch wirtschaftlich sind wir gut organisiert.
Da bei den kleineren Kindern ständig die Nase läuft, rei-
chen die Papierhandtücher nicht mehr aus, wir nehmen
deshalb Restbestände von Tapetenrollen. Bei den Mahl-
zeiten wird jedes einzelne Kind individuell gefragt: „Möch-
test du Pasta mit Soße oder lieber Nudeln ohne Soße?“
Da die Antworten der Kinder nicht immer eindeutig und
zügig kommen, wir aber die Kinder nicht verhungern las-
sen dürfen, fragten wir gerne noch einmal nach. „Möch-
test du zwei Nudeln mit Soße oder lieber drei Nudeln ohne
Soße?“ Da das Thema gesunde Ernährung auch bei uns
an erster Stelle steht, versuchen wir zu jeder Mahlzeit mit
tänzerischen Bewegungen einige Gemüsesorten darzu-
stellen. Am schwersten war die Aubergine. Beim letzten
Mal hatte die Kollegin die Farbe der Aubergine angenom-
men, wir mussten sie reanimieren.
Die Leiterin strahlte mich an. Doch dann sah ich ein
Zucken um ihre Mundwinkel und an den Augen.
Nach zwei Tagen in der Kita war ich selbstmord-
gefährdet!
So bin ich doch wieder zu meinen Wurzeln zurück-
gekehrt und arbeite in einem Zooladen mit Schwerpunkt
Fische.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von lüdel am 08.05.2026:


Unglaublich, aber wahr …

Also, ich habe auch mal – vor Jahren – im Kindergarten unterstützt: den Kindern Tee eingeschenkt, beim An- und Ausziehen geholfen. Es war eine schöne Zeit. 🌥️

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