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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Marques Ron.
Veröffentlicht: 09.05.2026. Rubrik: Unsortiert


Gefangen!

Wir lebten nun schon eine Weile im Condomínio "Arco Iris" in der "Rua Pérola" im "Bairro Santa Esmeralda". Auf Deutsch: In der Wohnanlage "Regenbogen" in der Perlenstraße im Stadteil des "Heiligen Smaragdes". In einer 100000 Einwohner Stadt 100km nördlich von Sao Paulo.
Wohnanlage: 6 schmucklose blaue Blöcke (wieso Regenbogen?), umgeben von einer Mauer. Mit einem Portier am Eingang, der bei Bedarf das Portal öffnete, kontrollierte wer ein und ausging (er hatte tatsächlich alle Bewohner im Kopf) und aktiv wurde, sobald die Bewegungssensoren auf der Mauer anschlugen, was in unserer Zeit dort nur einmal geschah.
Unser Nachbar: Etwa 50 Jahre, lebte mit seinem 10 jährigen Sohn und seiner dementen Mutter auch schon 4 Jahre dort. Er war an Beinen und Armen über und über tätowiert und wahrscheinlich am Körper auch.
Das Leben war recht ruhig. Es ging das Gerücht um, es lebe ein "ladrao de caminhoes" im Condomínio, aber niemand sagte genau wer es war. Ein Lastwagenräuber verdient, wie der Name schon sagt, seinen Lebensunterhalt damit, nachts Lastwägen auszuräumen und die Ladung gewinnbringend zu verkaufen. Das war jetzt nicht beunruhigend, denn erstens hatten wir keinen Lastwagen, und zweitens würde er nie im eigenen Stadviertel aktiv werden. Faustregel: vor dem Banditen in der Nachbarschaft bist Du sicherer als vor dem ein paar Straßen weiter.

Der Wecker klingelte. Ich wälzte mich herum. Ich war allein zuhause. Meine Frau war auf Dienstreise und würde erst in ein paar Tagen wieder heimkommen. Gähnend stand ich auf, wankte ins Badezimmer. Schmiss frische und alte Kleidung schlampig vor dem Badezimmer auf den Boden, schloss die Tür. Unter die Dusche, den Hahn aufgedreht. Es dauerte ein paar Sekunden bis der elektrische Duschkopf mit 7kW den Wasserstrom auf eine angenehme Temperatur brachte. Zu kurz um zu zittern, gerade lange genug um zu fluchen. Ich duschte mich gründlich. Die Lebensgeister erwachten. Abtrocknen. Ein Liedchen pfeifend. Zähne putzen. Die Tür auf, Kleidung an und auf in die Arbeit. Pustekuchen! Die verdammte Tür ging nicht auf. Ich rüttelte, ich schrie sie an, ich ... Dazu muss man sagen, brasilianische Türen verfügen nicht über das was wir eine Klinke nennen, zumindest viele nicht. Stattdessen gibt es eine Art Hebelsystem, das man mit dem Daumen betätigt, während man mit dem Rest der Hand einen Griff erfasst und daran die Tür aufzieht oder stößt. Und dieses Hebelsystem war kaputt. Gebrochen, verrostet, verottet, was weiß ich. Ich konnte zwar den Hebel drücken, aber es hatte keine Wirkung. Die Tür ging nicht auf.

Gefangen! Panik erfasste mich. Das Fenster - zwar zwei Meter breit, aber zu niedrig um meine 100 Kilo durchzuzwängen. Ein Besen.... ich schlug damit gegen die Tür, aber das hatte Null Effekt. Ich verzichtete darauf, mich wie im Film dagegen zu werfen - erstens ging sie nach innen auf, zweitens war kein Raum zum Schwung holen und drittens wollte ich mir nicht die Schulter brechen. Ich wurde ruhiger. Dachte nach. Das Handy ... unerreichbar auf dem Nachtkästchen. Meine Frau ... unerreichbar für die nächsten Tage. Bis sie Verdacht schöpfte, weil ich mich nicht meldete, würde Zeit vergehen. Verdursten würde ich nicht, die Leitung enthielt Trinkwasser. Erfrieren auch nicht. Sitzen konnte ich auf dem Lokus. Ich schrie mich heiser. Niemand antwortete. Ich schien der einzige Bewohner des Regenbogens zu sein. Ich sah, dass das Fenster des Nachbarns offen stand, nahm den Besen und klopfte dagegen. Vielleicht war er ja zuhause und schlief nur. Eine mumienhafte Hand griff aus dem Fenster und zog es zu. Die demente Mutter! Ich rief. Sie war taub. Das Fenster schloss sich. Ich war eine Hoffnung ärmer.

Ich sass auf dem Lokus. Nackt. Sinnierte Stunden vor mich hin. Da hörte ich Kinderstimmen. Ich stürzte zum Fenster. Sah die Gruppe einen Häuserblock weiter. Rief. Sie hörten mich nicht. Ich nahm eine volle Shampooflasche, warf sie so weit ich konnte durch das enge Fenster. Es reichte. Ich hatte ihre Aufmerksamkeit. Neugierig kamen sie näher. Ein Stein fiel von meiner Seele. "Hallo, ich bin in meinem Badezimmer eingeschlossen! Könntet ihr BITTE den Pförtner holen!" - "Was soll denn der Pförtner da machen?" fragte einer. Oh mein Gott! Musste ich jetzt auch noch mit naseweisen Fratzen herumargumentieren! Irgendwie schaffte ich es, sie zu überzeugen und bald bildete sich ein Menschenauflauf vor meinem Fenster. Es gab also doch welche.

Wie konnte man mir helfen? Ich konnte ihnen ja keinen Schlüssel geben. Ratlosigkeit. Bis schließlich der kleine Nachbarsjunge stolz sagte: "Ich kann durch ein Fenster klettern! Ich weiß, wie die aufgehen!" -
So wurde es getan. Weiß der Teufel, wie er das Wohnzimmerfenster von draußen aufkriegte. Er sperrte die Wohnungstür auf und die Meute strömte herein bis vor das Badezimmer, trampelte auf meinen gebrauchten und frischen Kleidern herum. Ich hatte inzwischen den Duschvorhang abmontiert und ihn notdürftig um mich geschlungen. Zum Glück hatten wir keine Kabine mit Glas. Man reichte mir einen Schraubenzieher durchs Fenster. Und meine Shampooflasche. Gab mir Anweisungen. Ich löste die Schrauben. Jemand drückte von draußen gegen die Tür und unter Protest kam sie mir entgegen. Ich nahm sie mit einer Hand - mit der anderen hielt ich den Duschvorhang. Ich hatte 20 Reais daheim, mehr nicht. Die gab ich dem Nachbarsjungen - was aus dem wohl geworden ist? - bedankte mich bei allen überschwenglich. Man zog sich dezent zurück und ich mich an. Jemand lud mich auf ein Bier ein nach dem Schreck. Ich nahm an. Mit reichlicher Verspätung kam ich an dem Tag ins Büro. Und seither gehe ich nicht mehr ohne Handy duschen.

counter2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Andy Loginius am 09.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Oh Marques! Ist das aber amüsant. Ist das dir wirklich passiert?

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