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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 09.05.2026. Rubrik: Total Verrücktes


Duschfreuden

Mit dem Glauben in meiner Familie ist das so eine Sache. Meine Schwägerin ist sehr katholisch – die Sorte, die Katastrophen sammelt wie andere Leute Briefmarken. Sobald irgendwo ein Schatten auftaucht, ruft sie: „Nur Gott kann uns retten!“ Vor fünf Jahren hatte mein Schwager Covid. Sie machte aus einem mittelschweren Verlauf gleich ein Sterbebett und mobilisierte die gesamte Verwandtschaft zum Beten. Bei mir und meiner Tochter biss sie auf Granit. Heute erfreut er sich bester Gesundheit – *graças a Deus*, wie sie sagen würde. Wäre er gestorben, hätten wir Zweifler natürlich die Schuld getragen. Gegen Ungläubige ist selbst der Allmächtige machtlos.
Ich selbst bin als Agnostiker nach Brasilien gekommen und als Atheist zurückgekehrt. Auch eine Art wundersame Heilung.
Zu Pfingsten soll der Heilige Geist damals in Feuerzungen vom Himmel auf die Apostel herabgekommen sein. Eine intensive, überirdische Leuchterscheinung. Manchmal passiert so etwas angeblich auch heute.

SatirepatzerSatirepatzer„Die Europäer stinken. Die baden sich höchstens einmal am Tag“, sagte meine Schwägerin, das Badetuch noch kunstvoll um die frisch gewaschenen Haare geschlungen, süß duftend nach der dritten Dusche des Tages. Lange würde das nicht reichen. Es war drückend schwül, die Luft stand. Besonders mir rann der Schweiß in Bächen den Rücken hinunter.
Gleich am ersten Morgen hatte ich die Dusche in der Wohnung meiner Schwiegereltern inspiziert. Der Duschkopf wackelte auf einer rostigen Stange, zwei Drähte hingen verdächtig weit heraus. An einer Stelle waren sie mit dickem Isolierband umwickelt – keine Blockklemmen, einfach Tape. 240 Volt zwischen den Phasen, je 127 Volt gegen Erde. Ich stellte mich nur zögernd darunter. Dreimal am Tag? Nicht mit mir. Ruf der Europäer hin oder her.

Weihnachten 2004. Wir sind gerade in unsere erste eigene Mietwohnung gezogen, hundert Kilometer nördlich von São Paulo, in die Stadt, in der wir beide für dieselbe Firma arbeiteten. Am Wochenende installierte ich unseren neuen Duschkopf. Gehobene Preisklasse: 170 Real. „Nie wieder Schock!“ stand auf der Verpackung. Heizwiderstand keramikisoliert. Aus dem Kopf ragten drei Drähte – zwei Phasen und ein Schutzleiter. Aus der Wand kamen nur zwei. Erde gab es keine. Egal, einer bleibt frei.
Man hatte mir abgeraten, Blockklemmen zu benutzen. „Die erhitzen sich, schmelzen, die Drähte erodieren.“ Stattdessen: Die beiden abisolierten Drähte fest zusammendrillen, Isolierband drüber. Aber unser Luxus-Modell kam mit zwei roten Hartplastikhülsen. Theorie: Drähte rein, drehen, eine innere Wendel schneidet sich fest. Praxis: Es saß bombenfest.

In den folgenden Monaten richteten wir uns in unserem neuen Leben ein. Die Stadt war ein typisches brasilianisches Mittelzentrum: viel Industrie, viel Verkehr, wenig Glamour. Aber unser Viertel war ruhiger, fast schon ländlich. Morgens gingen wir zusammen die 20 Minuten zur Arbeit, abends kamen wir erschöpft zurück in unsere kleine Wohnung im Erdgeschoß. Ich lernte, mit Stromausfällen, tropischen Gewittern und der brasilianischen Bürokratie zu leben. Wir grillten am Wochenende im Park innerhalb der Wohnanlage, tranken eiskaltes Bier und schauten den Nachbarn dabei zu, wie sie lautstark feierten, stritten und wieder versöhnten.

Es ist inzwischen Juni geworden. Meine Frau hat einen besseren Job in São Paulo gefunden und wohnt mit unserer Tochter wieder bei ihren Eltern. Das Pendeln wäre Wahnsinn. Allein die Strecke von Santo André nach São Paulo und zurück dauert pro Richtung zwei bis drei Stunden – für gerade mal dreißig Kilometer. Wir sind nur Samstag/Sonntag zusammen.
Ein regnerisches Wochenende. Wir kommen vom Einkaufen heim, klatschnass und durchgefroren.
„Gehst du zuerst duschen, Schatz, oder soll ich?“, frage ich. „Geh du nur, ich brauche ja länger.“
Ich dusche.
Das Wasser prasselt warm auf meine Schultern. Ich schließe die Augen, genieße die seltene Ruhe. Da – ein Knistern über mir. Erst leise, dann lauter. Plötzlich gleißende Helligkeit, tanzende blaue Schatten an den Fliesen. Das Knistern wird zu einem aggressiven Brutzeln. Funken sprühen. Ich denke in einer absurden Sekunde: "Der Heilige Geist sinkt auf mich nieder."

Panik. Ich springe aus der Kabine, reiße den Duschvorhang mit, stolpere darüber, fange mich halb, drehe mich, rutsche aus und knalle hin. Meine linke Hand landet zwischen Wand und Klo. Der Mittelfinger verhakt sich in der Klobesenhalterung und wird brutal nach hinten gebogen – mehr als 90 Grad. Es knackt, aber er bricht nicht. Der Schmerz kommt später.

Ich rapple mich auf. Über mir bruzzelt und leuchtet es weiter. Es stinkt nach verschmorter Isolation. Ich traue mich nicht an den Wasserhahn. Solange das Wasser läuft, ist der Heizwiderstand unter Strom. Nackt und tropfend renne ich durch die halbe Wohnung zum Sicherungskasten und drücke den schwarzen Knopf. Endlich Ruhe.

„Schatz, du solltest derzeit besser nicht duschen!“, rufe ich in Richtung Küche und halte den schmerzenden Mittelfinger.
„Wieso nicht?“
„Wir haben ein Problem!“

Ich erzähle ihr alles, zeige ihr das Chaos, versuche den zerfetzten Vorhang irgendwie wieder aufzuhängen. Dann wage ich mich an die Ursache. Ich ziehe an der bombenfesten roten Hülse. Der Draht zerbröselt unter meinen Fingern wie verkohltes Papier. Zurück bleiben zwei traurige, schwarze Stümpfe. Die Hülse scheint unversehrt.

Ich betätige mich wieder als Elektriker. Entferne die zweite Hülse, verdrille die kurzen verbliebenen Drähte mit bloßen Händen und umwickle alles großzügig mit Isolierband. Sicherung rein. Wasser auf. Kein Schlag. Kein Feuerwerk. Nur warmes Wasser.

„Schatz, du kannst wieder duschen!“
„Wolltest du nicht zuerst?“
„Eh… nein. Ich habe ja schon…“

counter3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Andy Loginius am 09.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hi, die Erzählung ist sehr lustig und bildhaft beschrieben. Habe sehr gerne gelesen. Grüße Andy




geschrieben von lüdel am 09.05.2026:
Kommentar gern gelesen.

Gut, dass dir nichts passiert ist. Im Ausland haben wir auch schon kuriose Dinge erlebt, die dort als ganz normal angesehen werden …
Lüdel🧚‍♂️

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