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11xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 12.05.2026. Rubrik: Persönliches


Man muss sie nicht lieben

"Du sollst Vater und Mutter ehren!" Steht in der Bibel. Nicht: "lieben". Nicht, dass ich mich an die Bibel halten würde oder auch nur an sie glaubte. Aber ich habe sie gelesen. Im Gymnasium, das Teil eines Stiftes war. Besser: lesen müssen. Natürlich nicht die ganze. Ausgewählte Teile. Die Rosinen sozusagen. Später habe ich dann selber bestimmt, was ich lese. Von vorne, schonungslos. Wieweit ich gekommen bin? Kann ich nicht sagen. Einiges ist hängen geblieben. Zum Beispiel: Kohelet. "Alles ist Windhauch!" Oder in anderen Sprachen "Alles ist Eitelkeit!". Ich finde, Windhauch trifft es besser. Streift ein bisschen an den Buddhismus an. Der hat mich damals auch schon interessiert. Oder: 1. Könige 19,11-12. Gott ist nicht im Feuer, nicht im Sturm und nicht im Erdbeben sondern im Säuseln. Ich hab es lieber leise.

Es gibt Leute, denen kann man es nie recht machen. Sie kritisieren um zu kritisieren. Macht man es so, ist es dumm. Macht man es eine Woche später anders, ist es wieder falsch. Logik spielt dabei keine Rolle. Bloß Macht. Ich hatte drei dieser Menschen in der Familie. Von klein auf. Dazu drei schwere Alkoholiker - ihre Ehemänner. Doch die "Opas" starben früh und mein Vater kämpfte bald allein auf weiter Flur. Er resignierte.

Mein freies Leben begann 1997. Als ich beschloss, Portugiesisch zu lernen. Einfach so. Mein Unterbewusstsein wusste natürlich genau, was es wollte. Wohl liebte ich Portugal, verbrachte jedes längere Wochenende dort, aber war das Grund genug die Sprache zu lernen?

2 Jahre später traf ich dann im Internet, über ein Chatprogramm namens ICQ, eine Brasilianerin, die in der Nähe von Lissabon lebte. Mein Portugiesisch, bis dahin nur theoretisch vorhanden, wurde schnell besser. Wir trafen uns bald persönlich und verliebten uns. Zwei Jahre später heirateten wir und ich zog nach Portugal, ließ alles zurück. Oder fast alles. Manche Sachen schleppt man mit sich herum, ob man will oder nicht.

Kontakt bestand weiterhin, die Beziehung normalisierte sich beinahe. Aber die wenigsten können aus ihrer Haut und so entstanden bald, über die Entfernung hinweg, neue Spannungen.

Es kam der 11. September 2001. Es kam die Wirtschaftskrise. Meine Frau und ich wurden arbeitslos. Wir entschlossen uns, in Deutschland unser Glück zu suchen - ich fand tatsächlich bei einem internationalen Konzern, für den ich schon vorher gearbeitet hatte ein Unterkommen. Kurzum, wir ließen uns in Köfering, 12 km von Regensburg, nieder. Die Entfernung war auf etwa 300 km geschrumpft. Wie sich herausstellte: Viel zu wenig.

Wieder war am Anfang eitel Freude. Wieder führten Egoismus und Selbstsucht zu unerträglichen Situationen.
Meine Frau bekam von all dem nichts mit, genoss das Leben als Zimmermädchen. Lernte Deutsch. Wurde schwanger. Bald erwachte der Wunsch: zurück nach Brasilien! Ich war sofort Feuer und Flamme. Mehr als 10000 km mussten reichen.

Als unsere Pläne bekannt wurden, war die Katastrophe perfekt. Ich versuchte, den Kontakt komplett abzubrechen, aber wir waren zu nah dran.

Bisher klingt das wahrscheinlich wie nichts Besonderes. Spannungen in der Familie, mein Gott die gibt es überall.

Bis eines Tages mein Vater vor der Tür stand. Ich merkte, dass er stockbesoffen war. Mir ging es nicht gut. Ich ließ ihn nicht in die Wohnung, igelte mich ein. Er begann zu schreien, schlug gegen die Fenster. Ich ließ die Außenjalousien herunter. Rief die Polizei. Jemand war an der Tür der Wohnung. Meine schwangere Frau! Während mein Vater ums Haus torkelte, war sie unbemerkt heimgekommen. Ich riss sie förmlich ins Zimmer, schlug die Tür zu, dass es krachte. Draußen eskalierte die Situation. Mein Vater hatte ein Eisenteil gefunden und verbeulte damit die Außenjalousien. Fand das ungeschützte Küchenfenster. Zertrümmerte es. Rief "Ich bringe Euch alle um!" - Ich war in Panik. Das zornverzerrte Gesicht weckte Erinnerungen. Ich hatte Angst. Doch nicht so sehr vor ihm als um ihn, denn es war mir klar was ich tun würde sollte er durch das Küchenfenster einsteigen und meine Frau bedrohen. So flüchteten wir aus der Wohnung, sperrten sie von außen zu, rauf in den ersten Stock zum Gangfenster. "Papa, geh weg!" das war meine Frau, die nichts verstand. In der Ferne sah ich die Polizei, machte ihn darauf aufmerksam. Die Reaktion, absurd "Die habe ich gerufen, weil du mich nicht in die Wohnung lässt!"...

Die Polizei kommt. "Haben Sie das Fenster eingeschlagen?" - "Das zahl ich." ... "Wollen Sie Anzeige machen?" Ich will nur meine Ruhe. Endgültig. Die Polizisten nehmen ihn in die Mitte, steigen ins Auto und bringen ihn zum Zug, schicken ihn heim.
Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah.

10000 km WAREN weit genug. Unsere Tochter wuchs unbedarft vergangener Katastrophen in einer brasilianischen Familie auf, die auch ihre Probleme hat. Aber Bosheit gab es nicht.

Meine Mutter erkrankte kurz darauf an Krebs. Vier Jahre später starb sie, ohne je direkten Einfluss auf unsere Tochter genommen zu haben.

Nach 8 Jahren Therapie war ich soweit, mit meinem Vater zu telefonieren. Wir sprachen, als wäre nichts geschehen. Über Radtouren, die wir unternommen hatten. Über Bekannte, die gestorben waren. Er war bereits schwer krank aber das wusste ich nicht. Wenig später starb auch er.

Es gibt ein Grab auf dem kleinen Dorffriedhof das wird von einer Gärtnerei gepflegt. Ein- bis zweimal im Jahr stehe ich dort und suche schöne Erinnerungen in all dem Chaos. Manchmal finde ich sogar welche. Das ist Ehre genug.

counter11xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Hessehex am 13.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Verstehe ich total gut, lieber Marques - ich war mit einem Alkoholiker verheiratet. Das ist zum Ende hin auch eskaliert und ich mußte ins Ausland flüchten. Mittlerweile bewältigte Vergangenheit.
Weiter so, ich mag Deine Geschichten!
LG Anne




geschrieben von Rika am 13.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo, also deine Geschichte hat mich schon etwas geschockt. So einen Vater braucht kein Mensch. Solche Erfahrungen hatte ich zum Glück nie. Allerdings empfinde ich aus irgendeinem Grund zu meiner Mutter und meinem Stiefvater auch keine Liebe, nicht einmal Freundschaft. Ich mag sie und bin froh, dass sie mich großgezogen haben, aber das war es dann auch schon. Natürlich haben wir Kontakt und telefonieren, aber mehr als alle zwei Wochen möchte ich das auch nicht. Meine Mutter war als Kind öfter überfordert mit mir, weil ich bestimmte Dinge nicht so gut konnte und schwer lernte, und wenn sie ungeduldig wurde, endete das öfter auch in einer Ohrfeige. Ich verurteile nicht, was sie damals getan hat, aber vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich in ihrer Gegenwart immer eine gewisse Anspannung habe, obwohl sie dieses Verhalten schon lange abgelegt hat.




geschrieben von Marques Ron am 13.05.2026:

Liebe Hessehex und liebe Rika,

zuerst mal danke für Euer Interesse an meiner Story :-)

Sie ist natürlich stark vereinfacht. Daher dürfte manches nicht richtig "rübergekommen" sein. Vor allem, dass der Hauptgrund der Spannungen in meiner Unbeziehung zur dominanten und einmischenden Mutter lag. Der Vater war (mit Ausnahme einiger aggressiver Drohungen in meiner ganz frühen Kindheit) immer unauffällig gewesen. Meine Mutter leugnete seinen Alkoholismus. Sie war die perfekte Co-Alkoholikerin. Ich wusste es natürlich längst besser. Trotzdem war meine Beziehung zum Vater eine andere, ruhigere. Umso größer der Schock, als er sich vor meinen Augen in ein wildes Tier verwandelte. Ob die Art der Mutter meinen Vater in den Suff trieb, oder ob umgekehrt, der Alkoholismus des Vaters irgendwie "Schuld" am Verhalten der Mutter hatte - darüber hab ich mir lange den Kopf zerbrochen. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Sicher ist, dass sie beide mich schließlich über 3 Ecken nach Brasilien getrieben haben :-)

LG Marques Ron




geschrieben von Angricolan am 16.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Lieber M. Ron, habe deinen Text gelesen, verstanden was du damit ausdrücken willst. Alkohol ist eine vom Staat zu wenig besteuerte, geliebte Droge die brutal ausgedrückt Leben verkürzt, zerstört dazu Gemeinschaften. Betäubtes Kriegstrauma, doch vor Problemen gibt es so kein Entrinnen und eine Lebenslinie kann da nur befreien. Möge deine/eure neue Heimat und Zeit, glücklicher verlaufen.
Beste Grüße





geschrieben von Marques Ron am 16.05.2026:

Lieber Angricolan,

Danke für Deine Worte. Brasilien war sehr heilsam für mich. Zu sehen, dass es auch menschliche Wärme gibt. Inzwischen leben wir schon fast 10 Jahre wieder in Österreich. Nahe der Stadt wo ich aufgewachsen bin.
Unsere Tochter wird 23 und wohnt mit ihrem Freund in der Schweiz.

Alles in allem, normal :)

Lg Marques Ron

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