Veröffentlicht: 28.05.2026. Rubrik: Fantastisches
Die Halbelfe, Teil 3
Kapitel 5: Die Gaben der Vampire
Die Nacht hatte sich bereits über Elyndar gelegt, als Xora, ein Vampirmädchen aus dem Bergdorf Sylrayon, ihre Höhle verließ. In diesem Dorf lebten die noch verbleibenden, friedlichen Vampire miteinander. Vampire brauchten Blut für ihre Nahrung, doch sie jagten meistens Tiere, um ihren Durst zu stillen. Außerdem besaß jeder Vampir eine Begabung. Manche konnten mit einem Vampirbiss Gifte oder Krankheiten heilen, und deren Vampirblut heilte auch Wunden. Andere konnten ihr Opfer mit einem Biss vergiften. Ein kleiner Teil der Vampire besaß Magie, jedoch lange nicht so mächtig, wie die der Elfen oder Feen. Diese Vampire hatten auch den Zauber entwickelt, welcher Vampire etwas vor Sonne schützte. Jedes Vampirbaby erhielt von einem der Zauberweber diesen Zauber, doch man musste vorsichtig in der Sonne sein. Die Kraft des Zaubers hielt nicht ewig, sie war oftmals aufgebraucht und musste regeneriert werden. Manch andere Vampire konnten gut mit Waffen umgehen, was für Vampire nicht selbstverständlich war, da sie sich meist auf ihre spitzen Zähne verließen. Alle Vampire konnten sich in Wölfe und Fledermäuse verwandeln und fliegen. Außerdem waren sie sehr schnell. Xora war erst 18 Jahre alt, dennoch wirkte sie inzwischen erwachsener und reifer, als manch andere Vampire. Dies hatte auch seinen Grund. Ihre Gedanken wanderten zwei Jahre zurück. Damals fragte sie sich noch, welche Begabung sie wohl besaß, denn obwohl Vampirkinder ihre Gabe meist in den ersten zwölf Lebensjahren entwickelten, zeigte sich ihre Kraft nicht. Doch dann wurden die Vampire von Dämonen und dunklen Vampiren angegriffen, welche sich den Dämonen angeschlossen hatten. Xora kämpfte tapfer, doch als sie das Blut eines Dämons trank, spürte sie, dass sie noch etwas Anderes in sich aufgenommen hatte. Eine Kraft begann sich in ihr auszubreiten wie ein Feuer. Einer der dunklen Vampire wandte sich ihr zu. "Das hättest du nicht tun sollen", sagte er breit grinsend. "Nun hast du die Kraft des Dämons in dich aufgenommen." Xora sog scharf den Atem ein. "Du hast die Gabe, Kräfte zu absorbieren und zu nutzen", erklärte der Vampir. "Der Dämon hat sich freiwillig geopfert, damit du deine Gabe entwickelst. Wir möchten dich anwerben." Xora wusste nicht, ob sie richtig gehört hatte. "Ich werde mich ganz sicher nicht in eure dunklen Pläne hereinziehen lassen!", rief sie, und da spürte sie plötzlich die Seele des Vampirs. Obwohl sie nicht wusste, was sie da tat, griff sie danach. Die Augen des Vampirs verfärbten sich schwarz, und er sank zu Boden. Zum Schluss trank Xora noch das Blut des Vampirs. Seine Seele hatte ihr eine weitere Kraft beschert, nämlich die geistige Beeinflussung Anderer. Sie konnte Gegner willenlos machen, hypnotisieren, ihre Gedanken lesen und ihr Gedächtnis löschen. Dies war auch eine Gabe, welche jedoch eher selten unter den friedlichen Vampiren genutzt wurde. Die, welche diese Begabung hatten, schlossen sich meist früher oder später den Dämonen an. Als Xora alle Gegner vernichtet hatte, sah sie ihre Eltern schwer verletzt auf dem Boden. Tarek, ihr bester Freund, wollte sie heilen, doch seine Vampirkräfte funktionierten bei diesen Verletzungen leider nicht. "Nimm unsere Seelen", flüsterten ihre Eltern, und obwohl Xora es nicht wollte, tat sie es. Somit erhielt sie die Begabung des Heilens und des Krieges. Sie konnte nun instinktiv mit verschiedensten Waffen umgehen, doch ihre Lieblingswaffe war ein Dolch, welchen sie stets bei sich trug. Seit diesem Dämonenangriff wünschte sich Xora, sie hätte ihre Begabung niemals entwickelt, denn immer wieder versuchten dunkle Vampire, sie für ihre Zwecke zu engagieren. Die friedlichen Vampire begegneten ihr plötzlich mit einer Mischung aus Respekt und Furcht, welche sie sehr unangenehm fand. Wenn sie einen Raum betrat, hörten Gespräche sofort auf, und die Vampire blickten sich nach ihr um. "Das ist sie, die Seelenräuberin", musste Xora manchmal hören. Nur Tarek hielt weiterhin zu ihr.
Kapitel 6: Eine Entscheidung
Xora verwandelte sich in einen Adler und flog etwas nach Süden. Da sie die Seelen vieler Tiere in sich aufgenommen hatte, konnte sie sich in diese ebenfalls verwandeln und war nicht nur auf Wölfe und Fledermäuse beschränkt. Heute war es wieder einmal soweit, sie hatte Blutdurst und wollte jagen. Als sie ein Reh erblickte, stieß sie hinab und tötete es mit ihrem Schnabel, bevor sie sich zurückverwandelte und das Blut trank. Dies tat sie, bis ihr Durst endgültig gestillt war. Plötzlich erschien ein weißer Wolf, und Xora stellte erleichtert fest, dass es Tarek war. Ihr bester Freund war für einige Tage verschwunden, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Wohin er ging, hatte er ihr nicht gesagt. "Gut, dass ich dich sehe", flüsterte Tarek und umarmte seine Freundin. "Wo warst du?", wollte Xora wissen. "Ich wollte das magische Portal zur Erde suchen, um Aurora, die Elfenfee, welche in der Prophezeiung erwähnt wird, endlich zu holen. Dabei habe ich festgestellt, dass sie bereits hier ist." Xora fiel ein Stein vom Herzen, denn sie setzte alle Hoffnungen in diese Elfe. Vielleicht würde sie es schaffen, die Dämonen und ihr Gefolge endgültig zu vernichten. Plötzlich spürte Xora Mut in sich aufsteigen. "Und ich werde ihr dabei helfen", dachte sie sich. Ihre Begabung war zwar dunkel, aber das war kein Grund, diese nicht für das Gute einsetzen zu können. "Hörst du mir überhaupt zu?", unterbrach Tarek ihre Gedanken. Xora nickte hastig. "Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich möchte Aurora helfen, die Dämonen zu vernichten." Sie reckte ihr Kinn und ließ ihre Stimme besonders selbstbewusst klingen. Für einen Moment sagte ihr Freund nichts, und Xora hatte schon Angst, er würde es nicht verstehen, doch dann nickte er. "Ich werde dich begleiten, wohin dich dein Weg führen mag", antwortete er schließlich, und Xora war erleichtert darüber, einen Verbündeten an ihrer Seite zu haben.





