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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Evelinya Lyriel (lys).
Veröffentlicht: 01.06.2026. Rubrik: Aktionen


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Der Wind trug den vertrauten Duft von Salz und Weite, noch ehe sie das Meer sah. Es war derselbe Weg wie damals, der schmale Pfad zwischen den Dünen, auf dem der Sand leise unter ihren Schritten nachgab. Sie ging langsamer als früher, bedächtiger vielleicht – doch etwas in ihr eilte bereits voraus.

So viele Jahre waren vergangen.

Sie blieb stehen, als sich der Horizont öffnete. Das Meer lag da, ungerührt und grenzenlos, als hätte es auf sie gewartet. Keine Spur der Zeit war darin zu erkennen. Nur sie selbst trug sie in sich.

Ihr Mann hätte jetzt gelächelt. Er hätte etwas gesagt, leise, beinahe nebenbei, und doch genau das Richtige. Aber seine Stimme war längst zu einer Erinnerung geworden, weich und fern.

Zum ersten Mal war sie allein hier.

Allein – und doch nicht.

Sie zog die Schuhe aus, hielt sie einen Moment in der Hand, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich dieser Augenblick war. Dann setzte sie einen Fuß in den Sand.

Warm.

Fein.

Vertraut.

Und plötzlich war es, als würde etwas in ihr aufbrechen, ganz leise, ganz ohne Schmerz. Mit dem nächsten Schritt versank sie tiefer im Gefühl. Der Sand schob sich zwischen ihre Zehen, genau wie früher, und sie musste unwillkürlich lächeln.

Ein paar Schritte weiter erreichte das Wasser ihre Füße. Kühl umspülte es ihre Knöchel, zog sich zurück, kam wieder, immer im selben ruhigen Atem.

Sie schloss die Augen.

Und da war es.

Das Kind, das sie gewesen war – barfuß, lachend, die Haare vom Wind zerzaust. Die junge Frau, die hier Hand in Hand gegangen war, die Stimmen ihrer Kinder, hell und aufgeregt. All die Sommer, all die Tage.

Nichts war verschwunden.

Es lag alles hier, im Rauschen der Wellen, im Spiel von Licht und Wasser, im leisen Nachgeben des Sandes unter ihren Füßen.

Sie öffnete die Augen wieder.

Das Meer war dasselbe.

Und sie auch.

Vielleicht nicht in den Jahren, nicht in der Gestalt. Aber in dem, was zählte.

Ein sanfter Wind strich über ihr Gesicht, und sie atmete tief ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich das Alleinsein nicht leer an.

Sondern weit.

Wie das Meer vor ihr.

Und während das Wasser erneut ihre Knöchel umspielte, wusste sie, dass sie nicht zurückgekehrt war, um Abschied zu nehmen.

Sondern um sich selbst wiederzufinden.

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