Veröffentlicht: 17.02.2026. Rubrik: Aktionen
Das kleine Glück am Telefon
Es war erst halb zehn und trotzdem fühlte sich der Tag schon wie ein Fehlschlag in drei Akten an.
Anna starrte auf den Bildschirm, während der Cursor ungeduldig in der leeren E‑Mail blinkte, und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Wenn sie ehrlich war, hätte sie am liebsten auf „Alles rückgängig machen“ geklickt – nicht in Outlook, sondern beim ganzen Morgen.
Sie hatte verschlafen, obwohl sie sich extra drei Wecker gestellt hatte. Der erste hatte geklingelt, der zweite hatte sie genervt, und beim dritten hatte sie im Halbschlaf beschlossen, dass fünf Minuten länger im Bett ihre seelische Gesundheit retten würden. Fünfundvierzig Minuten später war sie mit einem Schrei hochgeschreckt.
Im Bad hatte sie dann die volle Tragödie gesehen: ein ausgewachsener Bad-Hair-Day. Ihre Haare hatten sich offenbar nachts verschworen, jede Richtung gleichzeitig auszuprobieren. Das Glätteisen hatte gestreikt, der Dutt sah aus wie ein schiefer Pfannkuchen, und am Ende hatte sie sich für die verzweifelte „Zopf und hoffen, dass niemand genau hinschaut“-Variante entschieden.
Als sie aus der Wohnung gerannt war, Tasche halb offen, Kaffee to go in der Hand, hatte sie die Bahn schon von weitem gesehen. Ein paar schnelle Schritte, dann ein Sprint – und dann war da nur noch das Zischen der schließenden Türen und ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, wie sie außer Atem auf dem Bahnsteig stand. Die Bahn fuhr davon, als hätte sie es eilig, ihrem Tag noch ein weiteres kleines Desaster zu schenken.
Im Büro war sie dann genau siebenundzwanzig Minuten zu spät gewesen. Sie wusste das so genau, weil ihr Chef beim Vorbeigehen auf seine Uhr getippt hatte, ohne ein Wort zu sagen. Dieser eine Blick hatte gereicht. Seitdem fühlte sie sich, als würde über ihrem Schreibtisch ein unsichtbares „unter Beobachtung“ schweben.
Jetzt saß sie da, im viel zu hellen Licht der Neonröhren, mit kaltem Kaffee und warmem Gesicht, und fragte sich, ob der Tag noch zu retten war. Irgendwo tief in ihr regte sich der Trotz: Irgendetwas Gutes musste heute doch noch passieren. Irgendetwas, das diesen Morgen nicht zur ganzen Wahrheit machte.
In diesem Moment begann ihr Telefon zu klingeln. Anna zuckte kurz zusammen, sah auf das Display – und musste unwillkürlich lächeln. „Oma“, stand dort.
„Anna, mein Schatz!“, erklang die vertraute Stimme, kaum dass sie abgenommen hatte. „Stör ich dich? Ich bin zufällig in der Stadt und dachte, vielleicht hast du Lust, mit mir Mittag essen zu gehen?“
Alle Anspannung in ihren Schultern löste sich ein kleines bisschen. Ihre Oma. Bei ihr hatte Anna nie das Gefühl, funktionieren zu müssen. Bei ihr durfte sie laut lachen, Unsinn reden, Pläne schmieden, die völlig unrealistisch waren – und wurde trotzdem ernst genommen.
„Lust?“, sagte Anna und merkte, wie ihre Stimme weicher wurde. „Ich hab mehr als Lust. Ich hab heute sogar dringend Oma nötig.“
Am anderen Ende der Leitung lachte ihre Großmutter leise. „Dann retten wir deinen Tag, mein Kind. Sag mir einfach, wann du kannst, und ich warte auf dich.“
Sie verabredeten sich für die Mittagspause in einem kleinen Café um die Ecke. Als Anna auflegte, fühlte sich der Morgen plötzlich weniger schwer an. Der verschlafene Start, die widerspenstigen Haare, die verpasste Bahn, der strenge Blick ihres Chefs – all das war noch da. Aber es war nicht mehr alles.
Später, als sie ihrer Oma im Café gegenübersaß, das Besteck klapperte, jemand im Hintergrund leise lachte und der Duft von Kaffee in der Luft lag, merkte Anna, wie sich etwas in ihr löste. Ihre Oma hörte zu, schüttelte den Kopf über den Chef, machte Witze über Bad-Hair-Days und erzählte Geschichten von eigenen chaotischen Morgen.
Und irgendwann dachte Anna, während sie lächelnd ihren Cappuccino umrührte: Manchmal braucht es nur einen einzigen Anruf, um aus einem Pech-Tag einen guten Tag zu machen. Heute hatte sie einfach Glück gehabt.
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