Veröffentlicht: 07.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Papillon
Es war vor drei Wochen im Papiliorama nahe Biel. Ich streifte schon eine Weile durch das Schmetterlinghaus, als ich ihn sah.
Er saß auf einer der niedrigen Holzbänke am Rand des großen Glashauses, etwas abseits des Hauptwegs. Ein Mann um die sechzig, weißer Vollbart, der über die Brust fiel. Überall auf ihm saßen Falter. Dutzende. Vielleicht hundert. Sie bedeckten seine Schultern, seine Arme, seinen Schoß, sogar den Bart.
Er musste schon eine ganze Weile hier sitzen, vielleicht Stunden. Menschengruppen hatten sich gebildet und tuschelten. Wie in stillschweigender Übereinkunft fiel kein lautes Wort.
Links von ihm stand eine gemischte Gruppe aus Frauen und Männern mittleren Alters. Eine Frau hatte die Hand vor den Mund gelegt. Ein Mann neben ihr wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und flüsterte etwas, das ich nicht verstand. „Wie Franz von Assisi“, hörte ich jemanden sagen. Die anderen nickten andächtig.
Etwas weiter rechts stand eine Schulklasse, vielleicht zehn Mädchen um die vierzehn Jahre, mit ihrer Lehrerin. Die Lehrerin sprach mit leiser, aber bestimmter Stimme. „Es ist natürlich eine Kombination aus Körpergeruch und dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft. Manche Menschen haben eben eine Hautflora, die Schmetterlinge anzieht. Das ist wissenschaftlich gut dokumentiert.“ Ein paar Mädchen nickten wissend, eine andere sah skeptisch drein.
Ich setzte mich auf eine freie Bank dazwischen und schwankte. Beide Erklärungen schienen mir im ersten Moment plausibel.
Plötzlich kam ein kleines Mädchen von irgendwoher auf den Mann zugelaufen. Es war vielleicht zwei Jahre alt, mit kurzen blonden Haaren und einem hellblauen Kleid. Es blieb abrupt vor ihm stehen, den Mund offen, die Augen riesengroß. Dann begann es aufgeregt zu plappern:
„Metterlinge! Zo viele Metterlinge… Metterlinge!“
Es wiederholte die Worte immer wieder, als könnte es gar nicht fassen, was es da sah. Die Falter auf dem Mann bewegten sich langsam. Einer auf seinem Knie hob die Flügel und senkte sie wieder.
Die Mutter des Mädchens kam atemlos hinterhergelaufen. Sie war jung, vielleicht Ende zwanzig, mit einem Rucksack und einem müden Gesicht. Als sie die vielen Menschen sah, die den alten Mann umstanden, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie warf misstrauische, fast böse Blicke in die Runde, als hätte sie plötzlich eine gefährliche Situation erkannt. Dann entdeckte sie mich auf meiner Bank sitzen. Sie hielt kurz inne, tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und sah mich dabei an, als wäre ich ein Verbündeter. Als wollte sie sagen: Die spinnen doch alle. Ich nickte ihr ganz leicht zu. Sie nahm das Kind an der Hand und zog es sanft, aber bestimmt weg. Das Mädchen drehte sich noch einmal um und rief: „Opa…“
Nach vielleicht fünfzehn Minuten geschah etwas.
Zuerst war es nur ein winziges Zucken im rechten Zeigefinger. Dann, ganz langsam, begann sich der Kopf zu neigen. Millimeter um Millimeter. Die Schultern sanken ein winziges Stück. Die Brust hob und senkte sich kaum sichtbar. Ein Falter auf seinem linken Unterarm hob die Flügel und setzte sich wieder. Der Mann streckte die Finger ganz allmählich, als wolle er die Falter nicht erschrecken. Dann begann er, sich zu erheben. Wirbel für Wirbel. Ein leises, trockenes Knacken war zu hören, als er das letzte Stück aufstand. Die Falter auf ihm begannen unruhig zu werden. Einige flatterten kurz auf, landeten aber wieder. Andere lösten sich endgültig und stiegen in die feuchte Luft.
Die Menschentrauben um ihn herum lösten sich ebenfalls auf. Die Assisi-Gruppe ging weiter, der Mann mit den Tränen tupfte sich noch einmal die Augen. Die Schulklasse folgte ihrer Lehrerin, die gerade erklärte, warum der Körpergeruch von älteren Menschen manchmal besonders attraktiv für Insekten sei. Innerhalb weniger Minuten war der Platz um die Bank wieder leer.
Nur ich blieb sitzen.
Er stand jetzt ganz aufrecht, die Arme leicht vom Körper abgespreizt. Die letzten Falter hoben ab. Einer blieb noch einen Moment auf seinem Handrücken sitzen, dann flatterte auch er davon. Der Mann drehte langsam den Kopf in meine Richtung. Unsere Blicke trafen sich. Es war kein intensiver Blick. Eher ein ruhiges Registrieren. Dann, ganz kurz, zog er die Mundwinkel nach oben. Die Andeutung eines Lächelns.
Er ging los. Langsam, aber ohne Steifheit. Als er an mir vorbeikam, fühlte ich etwas. Es war sehr leise, fast vom Rauschen der Ventilatoren übertönt. Zwei Worte. „Verdammte Schwätzer.“
Es klang nicht böse. Eher amüsiert.
Er ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich bin noch eine Weile sitzen geblieben. Die Bank war warm von der Sonne. Irgendwann bin ich aufgestanden und habe den Rest des Hauses angeschaut, aber ich habe nichts mehr richtig mitbekommen.
Noch heute, grüble ich manchmal darüber, was ich wohl übersehen habe.
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