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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 24.06.2026. Rubrik: Menschliches


Urlaub in Brasilien (I)

Es ist 04:07. Ich liege schon seit zwei Stunden wach. Der Jetlag. Mittwoch, 23. Juni. Ich bin nach fast elf Jahren wieder in Brasilien. Drei Wochen Urlaub. Letzten Freitag, 18:30, sind wir von Wien abgeflogen. Über Frankfurt. Und am Samstag gegen 04:00 Ortszeit in São Paulo angekommen.
Über vierzehn Stunden Reisezeit. Die beiden Flüge waren recht ereignislos. Ein paar leichte Turbulenzen, nicht der Rede wert. Die meiste Zeit starrte ich in die Dunkelheit. Ich muss dabei auch geschlafen haben, bin beim Aussteigen relativ gut erholt. Unser Sitzplatz war XL. Meine Frau hat mehr unter der Beengtheit gelitten als ich. Obwohl ich eins achzig bin und sie 30 cm kleiner.

Bei der Gepäcksausgabe: das Fließband kreist und kreist, aber mein Koffer ist nicht dabei. Schalter für verlorenes Gepäck: da liegen die traurigen Überreste nebst Inhalt. Die Hartschalen sind unversehrt, aber der Reißverschluss hat versagt. Der Koffer wurde buchstäblich in zwei Hälften zerissen. Der Inhalt scheint komplett zu sein. Man schickt uns quer durch den Flughafen Guarulhos zum Kofferersatzleistungsschalter der LATAM. Innerhalb einer Stunde erhalten wir einen nagelneuen Hartschalenkoffer, sogar ein wenig geräumiger.

Später im Mietwagen, einem schwarzen Onyx (Chevrolet): meine Frau kennt den Weg, aber irgendwie auch wieder nicht. Es hat sich Vieles verändert, auch die Straßengemengelage in São Paulo. Google Maps zeigt keine Favelas an. Das Handy taugt grade dafür, die Straßennamen herauszufinden. Dem Routenplaner zu vertrauen ist potentiell lebensgefährlich. Natürlich hätten wir Waze installieren können (das berücksichtigt auch die Slums) Aber das Handy meiner Frau ist so wie ihre Handtasche - zum Bersten gefüllt mit unnützem Zeug. Da passt keine App mehr rauf.
Mein Handy ist ungeeignet. Ein jungfräuliches Alcatel aus 2019, das ich mir gebraucht um 30 Euro gekauft habe.

Irgendwie schaffen wir es nach Santo André. Plötzlich erkenne ich vertraute Straßenzüge. Da ist die Straße auf 10 Meter hohen Stelzen wo der Eilbus dem Verkehr eine lange Nase dreht. Da vorne sieht man die Favela in der Nähe von Tante Josefas Wohnung. Die ehemalige Schule unserer Tochter. Die Apotheke an der Ecke. Schließlich unsere Straße.

Portier gibt es um 6 Uhr früh noch nicht, aber unser Schwager öffnet das "Fallgitter" und wir tasten uns vorsichtig in die Garage. Inzwischen habe ich feuchte Augen von den vielen Erinnerungen. Unser Parkplatz mit der Nummer 29. Endlich: wir steigen aus, der Schwager (eigentlich mein Schwippschwager) erdrückt fast meine Frau dann bin ich an der Reihe.

Der Aufzug funktioniert noch wie damals, die Wohnungstür ist offen. Meine Frau öffnet vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer ihres Vaters. Der 98 jährige Patriarch der Familie - er hat durch die Makuladegeneration nur mehr 10% Sehleistung und ist stark schwerhörig - braucht eine Weile um zu erkennen, wer ihn da so früh weckt. Er schläft gleich wieder ein, es ist noch nicht seine gewohnte Zeit. Die richtige Begrüßung kommt noch.

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